20.3.07

Teresa von Avila

Glaube und Menschlichkeit

1. Vorbemerkung

Teresa von Avila lebte bekanntlich im 16. Jahrhundert. Da sie eine spanische Ordensfrau war, ist sie in den spanisch-sprechenden Ländern seit jeher berühmt. Doch auch im deutschsprachigen Raum wird sie zunehmend populärer. Wer sich mit ihr beschäftigt, kann entdecken, daß sie uns (über vier Jahrhunderte hinweg) menschlich sehr nahe ist. Sie hat kleinere und größere Schwächen wie alle Menschen - und sie spricht ganz offen darüber! Wir wissen heute, daß sie nicht immer in Stimmung war, Gedichte zu machen, daß sie resigniert sein konnte und sich manchmal einsam fühlte, daß selbst sie in ihrem abenteuerlichen Leben die Langeweile zu spüren bekam, sich ab und zu von ihren Freunden gekränkt fühlte und vor Schwarzwurzeln ekelte. Gleichzeitig zeigt Teresa uns aber auch, daß man trotz aller Schwächen (oder auch trotz aller innerer Verwundungen) doch menschlich reif werden kann. Sie zeigt uns, daß trotz allem das Leben gelingen kann.

Ich denke, darin liegt das Geheimnis ihrer Attraktivität. Teresa zieht deshalb so viele Menschen in ihren Bann, weil sie sehr menschlich, sehr natürlich und spontan ist. Vielleicht kann man Teresas Beliebtheit verstehen, wenn man an ein Wort der großen Dichterin Gertrud von Le Fort denkt. Vor einigen Jahrzehnten forderte Gertrud von Le Fort mit dichterischer Sensibilität die Christen auf, sich zu ihrer "eigenen Menschlichkeit" zu bekehren. Denn nur wenn man den Menschen in sich rettet und von der Liebe Gottes Zeugnis gibt, dann "kann sich Gott im Menschen offenbaren." Diese Feststellung war sicher zu allen Zeiten gültig, gewinnt aber heute besondere Brisanz. Denn in den westlichen Industriegesellschaften, so hört man oft, ist wahre Menschlichkeit "der einzige Gottesbeweis, den weite Kreise der...Welt noch anzunehmen geneigt sind."

Teresa ist die erste Frau, die offiziell in den Rang einer Kirchenlehrerin erhoben worden ist. Dies geschah durch Paul VI. am 27. September 1970. Mit dieser Ernennung wurde feierlich zum Ausdruck gebracht, daß diese Reformerin, ja Gründerin eines neuen Karmelordens aus dem 16. Jahrhundert den Christen zu allen Zeiten, und gerade auch heute, etwas zu sagen hat. Karl Rahner bemerkte zu diesem Anlaß: "Das Charisma der Lehre, und zwar gerichtet an die Kirche als solche, ist kein Privileg des Mannes. Die Vorstellung, als ob die Frau die in geistiger und religiöser Hinsicht Unbegabtere sei, wird damit verworfen. Das Studium der Theologie durch die Frau wird hier ausdrücklich anerkannt."

Teresa ist die erste Frau, die offiziell als eine "Lehrerin" für die Christen vorgestellt worden ist; und dies geschah ausgerechnet in einer Epoche, in der die weibliche Identität vielen höchst unklar ist. Gerade durch ihre Ernennung zur Kirchenlehrerin wurde Teresa sowohl Christinnen als auch Christen zur Nachahmung empfohlen. Wie sie damals die Frauen und Männer ihrer Umgebung zu orientieren wußte, so vermag ihre Lehre auch heute Klarheit zu verschaffen. Es ist nicht ganz uninteressant, daß man ihre aufgewühlte Zeit - eine Zeit des Umbruchs in Kirche und Welt - wiederholt mit unserer Gegenwart verglichen hat. Wenn man nach der Identität des Christen fragt, kann es durchaus hilfreich sein, den Blick auf diese große Frau zu richten.

Im folgenden möchte ich einen kurzen Überblick über das Leben der Heiligen geben und einige ihrer Grundhaltungen herausstellen.

2. Jahre des Reifens

Teresa lebte in einer unruhigen, von Entdeckungen und Kriegen, Reformation und Gegenreformation bewegten Zeit. Sie wurde 1515 in Avila geboren, zwei Jahre bevor Martin Luther seine Thesen an der Schloßkirche zu Wittenberg anschlug, vier Jahre bevor Karl V. römischer Kaiser wurde, sechs Jahre bevor Cortés Mexiko eroberte... Ihr Leben verläuft zunächst unbeschwert und glücklich im engeren Kreis der Familie. Von ihren Eltern wird sie christlich erzogen. Teresa erinnert sich im späteren Leben immer noch daran, wie es auf sie gewirkt hat, als ihre Mutter ihr zum ersten Mal vom Himmel und von der Hölle erzählte. Sie war damals noch ein Kind (ein sehr empfindsames Kind), und sie war so bewegt davon, daß im Himmel das Glück, in der Hölle das Unglück ewig dauern sollten, daß sie an nichts anderes mehr denken konnte. Sie versetzte sich abwechselnd in den einen oder anderen Zustand hinein und sann lange darüber nach, was es wohl bedeuten könnte, "für ewig" gerettet oder "für ewig" verloren zu sein. Sie kam zu dem Schluß, daß keine Mühe zu groß sei, wenn es darum gehe, den Himmel zu erobern. Das hiesige Leben bequem einzurichten, lohne sich nicht im geringsten, da es ja nur ein Vorspiel für das endgültige sei, das niemals mehr aufhören würde... Also überredete sie kurzerhand ihren Lieblingsbruder Rodrigo, mit ihr ins Land der Mauren zu ziehen, um den Märtyrertod zu erleiden. So, hatte sie sich ausgerechnet, könnten sie auf kurzem und sicherem Weg in den Genuß der ewigen Glorie gelangen. Ihr erstes geistliches Abenteuer allerdings fand ein schnelles Ende. Vor den Toren Avilas liefen die Kinder ihrem Onkel Francisco in die Arme, und dieser brachte sie schmunzelnd zu den erstaunten Eltern zurück.

In der folgenden Zeit allerdings, gesteht Teresa, wandte sie sich zunächst unmerklich, dann immer deutlicher, von ihrem innersten, im Grunde nie aufhörenden Verlangen nach den ewigen Gütern ab. Nach dem Tod ihrer Mutter, sagt sie, ließ sie sich weniger von Frömmigkeit als von "Gefallsucht" leiten. (Sie war 13 Jahre alt, als die Mutter starb.) "Sobald ich nach meinen Kinderjahren die natürlichen Gaben erkennen konnte, womit der Herr mich reichlich ausgestattet hatte, habe ich auch schon begonnen, alle diese Gaben zu seiner Beleidigung zu mißbrauchen," sagt sie. Gegen Wissen und Willen des Vaters liest sie nun Ritterromane, die auch schon ihrer Mutter gefallen haben. Die darin geschilderte Welt nimmt sie schließlich so gefangen, daß sie viele Stunden des Tages und der Nacht damit zubringt, ein Buch nach dem anderen zu verschlingen; alles andere bedeutet für sie nur eine lästige Störung.

Teresa entschlüpft so immer mehr der geistigen Atmosphäre ihres Elternhauses. Sie nimmt immer mehr das Gehaben ihrer Romanfiguren an, beginnt, sich für Kleider, Schmuck, Parfüms und allerlei andere sog. "eitle Dinge" (wie sie es nennt) zu interessieren. Eine Jugendliebe, wahrscheinlich zu dem Nachbarsjungen Pedro, verwirrt sie auch ziemlich stark. Mit Hilfe einiger Hausangestellter kann sie Pedro oft heimlich treffen.

Teresas Vater aber merkt, daß seine Tochter sich immer mehr ändert. Er macht sich Sorgen wegen ihrer Entwicklung und steckt Teresa schließlich, mit 16 Jahren, in ein Klosterinternat von Avila. Reiche und vornehme junge Mädchen wurden hier angeleitet, ihr religiöses Leben zu vervollkommnen; Erwerb der Wissenschaften galt als überflüssig. Wenn man seinen Katechismus beherrschte, lesen, schreiben und ein wenig rechnen konnte, eine gute Näherin, Klöpplerin und Stickerin war und ein wenig von Musik verstand, so galt das als ausreichender Ballast.

Teresa sträubt sich anfangs dagegen, fühlt sich nach kurzer Zeit aber recht wohl in der Klosterschule. Mit der äußeren Trennung erfolgt auch eine innere Lösung von ihren Jugendfreunden. Die Sechzehnjährige ist des oberflächlichen Lebens inzwischen ohnehin müde und fügt sich leicht in die neue Gemeinschaft ein. Da sie ein sympathisches Wesen hat, wird sie bald von den Lehrerinnen und Mitschülerinnen geliebt.

Nach eineinhalb Jahren Klostererziehung aber erleidet Teresa eine schwere Krankheit; es scheint, daß diese Krankheit Folge eines inneren Zwiespalts ist. Teresa ist aufgewühlt durch das Problem ihrer Berufswahl, das geklärt und gelöst werden muß. Einerseits spürt sie, daß Gott sie ruft, andererseits wehrt sie sich innerlich mit aller Kraft dagegen, Ordensschwester zu werden. Dabei ist ihr der Ewigkeitsgedanke aber weiterhin tief eingeprägt. Sie hatte ihn zwar in den letzten Jahren überdeckt, verleugnet, verdrängt durch ein zunehmend oberflächlicheres Leben, doch er war nie völlig ausgelöscht. Schließlich hält Teresa die innere Spannung nicht mehr aus: mit 20 Jahren entschließt sie sich, in ein Kloster einzutreten, Karmelitin zu werden. Dabei ist das ausschlaggebende Moment nicht etwa die Gottesliebe, sondern eine ziemlich ausgeprägte Angst um das eigene Heil: "Ich sah jetzt ein, daß der Ordensstand der beste und sicherste für mich sei; wenn auch mein Wille noch nicht ganz dazu geneigt war, so kam ich doch allmählich zu dem Entschluß, mir selbst Gewalt anzutun, um Nonne zu werden," sagt Teresa rückblickend.

Für einen Ungläubigen mag es leichter sein, mit Ruhe an den eigenen Tod zu denken. Denn je fester man sich einredet, daß er das absolute Ende bringt, desto weniger braucht man sich um ihn zu sorgen. Teresa aber glaubt an ein anderes Leben, ein herrliches oder auch schreckliches, und deshalb zittert sie.

Teresas Vater allerdings war mit den Plänen zum Klostereintritt überhaupt nicht einverstanden. Er hing zu sehr an seiner Tochter, als daß er gleich in das Vorhaben hätte einwilligen können. Seine Söhne Fernando und Rodrigo verließen ihn gerade in diesen Jahren, um an den Eroberungskämpfen im neu entdeckten Amerika teilzunehmen; Juan, der Älteste, war bereits als Hauptmann der Infanterie in Afrika gefallen. Der Plan seiner zweiten Tochter, sich von ihm zu trennen, stieß bei ihm daher zunächst auf schroffe Ablehnung.

Doch unsicher und zaghaft war Teresa schon als Kind nicht gewesen. Ein Entschluß gegen die Natur kostete sie zwar viel; war er aber gefaßt, dann konnten keine Hindernisse sie davon abbringen. So nahm sie sich vor, gegen den Willen des Vaters und ohne seine Erlaubnis den Ordensberuf zu ergreifen. Eines Tages "überredete" sie daher einen ihrer jüngeren Brüder, heimlich mit ihr ins Kloster zu fliehen - er zu den Dominikanern (die ihn allerdings nicht sofort aufnahmen, da sie von dem Verbot des Vaters wußten), sie zu den Karmelitinnen im Menschwerdungskloster außerhalb der Stadttore von Avila. Teresa erzählt von dem Tag ihrer Flucht: "Es war mir damals ... in Wahrheit so zumute, daß ich glaube, der Tod könnte nicht furchtbarer für mich sein; denn es kam mir vor, als würden mir alle Knochen aus dem Körper gerissen."

Die ersten Klosterjahre stehen ganz unter dem Zeichen der Ewigkeitssehnsucht. Unbedingt und radikal, wie es ihrer Veranlagung entspricht, gibt Teresa sich den Pflichten ihres neuen Standes hin. Noch einmal müht sie sich - nun mit der klaren Sicht einer jungen Erwachsenen-, den Himmel im Sturm zu erzwingen. Durch ein Übermaß an körperlichen Bußübungen geht sie dabei weit über alles hinaus, was die Ordensregel ihr auferlegt. Doch lange kann sie solch ein hartes, entsagendes Leben nicht aushalten, da sie gleichzeitig die Welt mit all ihren Annehmlichkeiten leidenschaftlich liebt. Das wird ihr mehr und mehr bewußt. Sie sieht die Forderung, das Leben auf Gott auszurichten, kann dieser Forderung aber nicht nachkommen, da es sie danach drängt, das Leben zu genießen. Langsam läßt sie ab von ihren strengen Gewohnheiten, ist dadurch aber tief enttäuscht von sich selbst, ernüchtert über die Möglichkeit eines schnellen Aufstiegs zu Gott. Resigniert und innerlich gelähmt gelangt sie in eine später von ihr heftig beklagte Mittelmäßigkeit. "Es hat den Anschein, als ob ich versprochen hätte, nichts von dem zu halten, was ich gelobte," sagt sie von sich selbst.

Um das Gewissen zu übertönen, beginnt sie nun, sich "von einem Zeitvertreib in den anderen, von einer Eitelkeit in die andere und von einer Gelegenheit in die andere zu werfen." Das ist möglich, weil sie in ihrem Kloster nicht in Klausur lebt. Sie ist charmant, sympathisch, geistreich, - und deshalb als Gesprächspartnerin sehr beliebt. Sie bekommt Besuch von Verwandten, Bekannten und Freunden, von vielen Adeligen und Gelehrten aus der ganzen Umgebung. Alle wollten sich gern mit ihr unterhalten. Teresa beschreibt den inneren Zustand, in dem sie sich befand, sehr deutlich: "Auf der einen Seite rief mich Gott, auf der anderen folgte ich der Welt. Während ich große Freude an allen göttlichen Dingen hatte, fesselten mich die weltlichen." In dieser Spannung lebt Teresa viele Jahre, "beständig fallend und sich wieder erhebend, leider aber nur, um danach aufs neue zu fallen" - so sagt sie selbst. Innerlich fühlt sie sich aufgerieben und leer. Als ihr Vater stirbt, pflegt Teresa ihn und sagt, daß sie der Seele nach noch viel kränker sei als der Vater am Leib.

Teresa fühlte sich hin- und hergerissen zwischen Kloster und "Welt". So ging das fast 20 Jahre. Dann geschah etwas Eingreifendes. Als fast 40jährige erfährt Teresa eine große Bekehrung in einem außergewöhnlichen Gnadenerlebnis. Sie ist einmal in der Kapelle ihres Klosters, betrachtet dort ein Christusbild, vertieft sich immer mehr in dieses Bild und erkennt auf einmal in aller Deutlichkeit, daß der Gott, dem sie ihr Leben geweiht und gewidmet hat, ganz anders ist, als sie oft fürchtete. Er offenbart sich ihr nicht als strenger Richter, sondern als unendlich liebevoller Freund, der sanftmütig alle Schuld der Menschen trägt, der sich nach Liebe und Freundschaft sehnt, doch selbst von seinen engsten Vertrauten abgelehnt, verhöhnt, gequält, bespuckt und zutiefst verwundet wird. "Bei dem Gedanken an die Undankbarkeit, womit ich ihm diese Wunden vergolten, war mein Schmerz so groß, daß mir das Herz zu brechen schien," erzählt Teresa. "Ich...bat ihn von ganzem Herzen, er möge mich doch endlich einmal stärken, damit ich ihn nicht mehr beleidige."

Von diesem Tag an fühlt Teresa sich umgewandelt. Ihr "hartes Herz", über das sie früher bisweilen zu klagen pflegte, ist ergriffen von Reue und Liebe - Reue über die Zeit, in der sie kleinlich-berechnend vor allem an die eigene Rettung dachte; Liebe zu dem von vielen verschmähten Christus, an dessen Seite ihr nun kein Opfer mehr zu groß erscheint. "Wenn Du, o Herr, dies alles für mich leiden willst, was ertrage ich für Dich? Warum beklage ich mich überhaupt?... Wir wollen zusammen gehen, mein Herr; wohin Du gehst, dahin muß auch ich gehen, und was Du erduldest, das möchte auch ich erdulden."

Geistliche Gnaden, auch außergewöhnliche, nahmen nun beständig in der Heiligen zu. Teresa begann, Visionen aller Art zu haben. Sie zweifelte anfangs an der Echtheit ihrer Erscheinungen und suchte Rat in einer zuverlässigen Seelenführung. Doch sie fand niemanden, mit dem sie über ihre Erlebnisse hätte sprechen, der ihr die Befürchtungen hätte nehmen können. Die Beichtväter des Klosters verstanden sie nicht. Im Gegenteil, sie sagten, ihre Visionen seien "vom Teufel". Sie hatten Angst, daß es sich um Phantasie und Hysterie handelte.

Teresas Visionen wurden immer mehr in der Stadt bekannt. Viele Leute verhöhnten die Karmelitin. "Nachdem sie das Klosterleben 20 Jahre nicht ernst genommen hat, will sie jetzt auf einmal heilig werden," sagte man. Teresa gesteht in ihrer Autobiographie: "Ich hatte nicht einen Menschen, zu dem ich meine Zuflucht nehmen konnte. Denn alle waren gegen mich." Aber langsam setzte sich die Wahrheit doch durch, und immer mehr Theologen gelangten zu der Überzeugung, daß die Visionen gottgewirkt waren.

Teresa lebt nun in ständig wachsender Vertrautheit mit Christus. Er wird ihr zu einem richtigen Freund, mit dem sie einfach und spontan sprechen kann, mit dem sie bisweilen auch Meinungsverschiedenheiten austauschen kann, dem sie dann aber immer wieder gern gehorcht, weil sie ihn über alles liebt. Nie vergißt sie, daß Christus Gott ist, königlicher Herrscher über Himmel und Erde. Doch das flößt ihr nun keine Furcht mehr ein, im Gegenteil: Sie hat ja erfahren, daß dieser große Gott mit all seiner Macht auf der Seite der Menschen steht; daß er die Menschen mehr liebt, als diese sich selbst lieben können, und sogar mehr als diese selbst ihr Glück und ihre ewige Seligkeit wünscht. Sie weiß auch, daß dem allmächtig-barmherzigen Gott nichts unmöglich ist. Selbst wenn man sich viele Jahre gegen ihn empört oder gleichgültig von ihm entfernt hat, so tut er nichts lieber als verzeihen, und er lädt auch am Ende eines verpfuschten Lebens zur Freundschaft ein.

3. Liebe zu den Menschen

Teresas Leben allerdings soll noch lange nicht zu Ende sein. Sie sorgt sich nun um die vielen anderen Menschen, die aus Unwissenheit, Hochmut oder Angst Gottes Güte noch nicht angerufen haben. Sie hat nun den leidenschaftlichen Wunsch, den anderen Menschen auch zu helfen, mit Gott vertraut zu werden. Dies bewegt sie, bis ins hohe Alter hinein unermüdlich zu schaffen, auf einem Planwagen oder Maulesel von Stadt zu Stadt zu ziehen, um ihren Orden zu reformieren. Überall gründet sie neue Konvente. Ihr Eifer für die Seelen ist entflammt. Daher kann sie auch die stärksten Widerstände, eigene Krankheiten und selbst drückende Mutlosigkeiten überwinden.

Widerstände hatte Teresa bei ihrer Reformarbeit mehr als genug. Denn die Welt, in der sie sich bewegte, war tatsächlich nicht immer "frauenfreundlich". Mit Recht sagt Teresa, die Zeiten seien für die Frauen, besonders für die frommen unter ihnen, wirklich "hart". Im Spanien des 16. Jahrhunderts herrschte tatsächlich eine starke Mißachtung der Frau, die einerseits durch die fast siebenhundertjährige Vorherrschaft des Islams erklärt worden ist, andererseits aber auch durch einzelne katholische Theologen nicht wenig geschürt wurde. Einige führende Theologen etwa stritten den Frauen sogar die Fähigkeit zum echten innerlichen Beten ab: Sie sagten, Frauen würden durch ihre Phantasiebegabung allzu leicht in die Häresie getrieben; daher sollten die Frauen auf die sichere Unterweisung der Männer hören und lieber das unbedenkliche mündliche Gebet pflegen. (Sie sollten also nur Vaterunser und Avemaria beten und sich nicht spontan und frei an Gott wenden.) Extrem ausgedrückt findet sich diese Haltung bei dem spanischen Schriftsteller Franz von Osuna. (Andere Werke von ihm schätzte Teresa übrigens sehr; doch in einem seiner Werke gibt er dem Mann folgende Ratschläge:) "Sobald du siehst, daß deine Frau hin- und herwallfahrtet und sich Andächteleien hingibt und sich einbildet, heilig zu sein, dann schließ deine Haustür ab. Und wenn das nicht reichen sollte, dann brich ihr das Bein, wenn sie noch jung ist, denn hinkend kann sie auch von ihrem Haus aus ins Paradies kommen, ohne verdächtigen Frömmigkeitsübungen nachzugehen. Für die Frau reicht es, eine Predigt zu hören, und ihr, wenn sie mehr will, ein Buch vorzulesen, wenn sie spinnt, und sich der Hand ihres Mannes zu unterstellen."

Die Geschlechter wurden also alles andere als gleich behandelt. Teresa erzählt von einem Elternpaar, das so enttäuscht über die Geburt der fünften Tochter war, daß es diese als kleines Kind "von morgens bis abends" allein ließ und sich nicht um sie kümmerte. Sowohl im privaten Umgang als auch im öffentlichen Leben und in den Bildungsmöglichkeiten zeigte sich eine starke Minderbewertung der Frau. Ab und zu werden bei Teresa echte Klagen laut: "Ich bin ja nur ein Weib, aber wäre ich doch wenigstens frei!" Trotz allem aber handelte es sich in der damaligen Zeit wohl weniger um einen besonders ausgeprägten Frauenhaß (wie einige Autoren heute meinen), als vielmehr um eine habituelle Mißachtung der Frau, verbunden mit einer dumpfen Unbewußtheit.

Diese allgemeine Mißachtung der Frau bekam auch Teresa ab und zu hart zu spüren. Anläßlich ihrer Gründung des ersten reformierten Klosters beispielsweise war der Bürgermeister von Avila sehr mißtrauisch: Bei einer Versammlung erklärte er: "Tatsächlich haben wir in jüngster Zeit solche vom Geist der Lüge beeinflußten Frauen gesehen, und übrigens ist es schon von jeher gefährlich gewesen, Neuerungen Gehör zu schenken, zu denen ihr Geschlecht ohnehin zu große Neigung hat." Ein Theologieprofessor (Bartolomé de Medina) ging in seiner mißtrauischen Haltung gegenüber Teresa sogar so weit, daß er öffentlich in einer Vorlesung sagte, es sei "Sache von dummen Frauen, von einem Ort zum anderen zu ziehen; sie sollten viel besser zu Hause bleiben, um dort zu beten und zu spinnen."

Teresa weiß genau, daß man von ihr, insofern sie eine Frau ist, nichts oder nur sehr wenig hält. Zu den Schwierigkeiten ihrer ersten Klostergründung bemerkt sie gelassen: "Jetzt, nachdem es so ins Stocken geraten war, befestigte sich die Meinung, das Ganze sei nur eine Weibergrille gewesen." Doch statt zu resignieren, beruft sie sich gerade auf ihr Frausein, um zu handeln. Aufmunternd schreibt sie kurze Zeit später an ihre Töchter (die Karmelitinnen): "Wir (Frauen) müssen mit Werken predigen, solange man uns daran hindert, es mit Worten zu tun."

Einer bekannten Überlieferung nach soll ein Nuntius (Sega) über Teresa geäußert haben, "sie sei ein unruhiges, umherschweifendes, ungehorsames und widerspenstiges Weib, das unter dem Schein der Frömmigkeit schlechte Lehren erfinde, gegen die Verordnung des Konzils von Trient die Klausur nicht beachte und sich als Lehrerin ausgebe gegen die Vorschrift des heiligen Paulus, daß die Frauen nicht lehren dürfen." Teresa antwortet auf solche Vorwürfe in der ihr eigenen Art, taktisch geschickt und selbstbewußt: "Während ich über die Worte des heiligen Paulus, betreffend der Zurückgezogenheit, in welcher die Frauen leben sollen, nachdachte," schreibt sie in einem ihrer Berichte, "da kam mir in den Sinn, Gott wolle vielleicht, daß sie die Regel meiner Handlungsweise seien. Aber Christus selbst sagte mir: 'Sage ihnen, daß sie sich nicht bei einer einzigen Stelle der Heiligen Schrift aufhalten, sondern die anderen in Erwähnung ziehen und sehen sollen, ob sie mir wohl die Hände werden binden können." Teresa stützte sich auf die Autorität Gottes selbst, um ihr Handeln zu rechtfertigen. Das gab ihr den Mut, sich ihren männlichen Oberen, die sie maßregeln und strafen wollten, freimütig gegenüberzustellen. "Auch wenn wir Frauen nicht gut sind für Ratschläge, manchmal treffen sie doch," sagt sie etwas ironisch. Einem anderen Vorgesetzten gegenüber formuliert sie noch schärfer: "Ich bin freilich sehr dreist. Zerreißen darum Euer Gnaden diese Zeilen, wenn Ihnen meine Sprache unrecht scheint; aber seien Sie versichert, daß ich vor dem Angesicht der Könige selbst noch kühner sprechen würde." Dabei sucht Teresa keine Auseinandersetzung. Sie hat nur das genügende Selbstbewußtsein, um das, was sie mit der Gnade Gottes als richtig und notwendig erkennt, auch durchzusetzen - und sich dabei weder von Klerikern noch von Gelehrten hindern zu lassen.

Teresa verfolgte sogar den Plan, den männlichen Zweig des Karmel zu reformieren. Sie wollte auch neue Mönchsklöster gründen. Dazu brauchte sie männliche Helfer. Sie fragte Antonio de Heredia, einen angesehenen Prior von einem der bestehenden Karmelitenklöster, um Rat, und dieser bot sich ihr spontan als Reformhelfer an. Teresa war überrascht, doch nicht ganz erfreut. Sie hielt Ausschau nach noch einem anderen, der anspruchsloser, unbedingter, vielleicht feuriger war. "Ich traute ihm nicht den Geist und die Kraft zu, eine so strenge Lebensweise auf die Dauer zu ertragen", urteilt sie über Pater Antonio, "weil seine schwächliche Natur nicht daran gewöhnt war." Kurze Zeit später traf sie einen noch sehr jungen Karmeliten und Neupriester, der - genau wie sie - das Leben in diesem Orden zu bequem fand und sich mit dem Gedanken trug, Kartäuser zu werden. Beim ersten Treffen mit diesem Karmeliten wußte Teresa, daß dieser der Reformhelfer war, den sie brauchte. Und sie schaffte es tatsächlich, mit dem berühmten Charme ihrer Persönlichkeit, ihn für ihre Sache zu gewinnen. Es war Johannes vom Kreuz.

Entgegen der allgemein üblichen Mißachtung der Frau wurde Teresa aber auch von vielen ihrer Zeitgenossen hoch geschätzt. Von vielen Theologen ist ausdrücklich überliefert, daß sie Teresa für "eine wahrhaft große Frau" hielten. Während der Einweihungsfeiern zum neuen Konvent in Sevilla kniete sich der Erzbischof persönlich vor ihr nieder, um ihren Segen zu empfangen. Und Ludwig von León, der bekannte spanische Dichter, gab ihre Werke mit einem großartigen Widmungsbrief heraus, in dem er ihre theologische Arbeit würdigte. Teresa hat zwar die "antifeministischen" Tendenzen ihrer Zeit in aller Härte erfahren. Doch sie konnte sich auch immer auf Mitarbeiter stützen, die sie bewunderten und liebten.

Zu allen Zeiten hat es wohl Irrtümer und Verengungen des "Frauenbildes" - auch seitens kirchlicher Repräsentanten - gegeben. Zu allen Zeiten gab es aber auch Kirchenvertreter, die sich dieser Sicht widersetzten. Teresa hat unter den einen gelitten und ist von vielen anderen gefördert worden. In dieser Hinsicht ging es ihr wohl nicht anders als jedem anderen Menschen auch, der (ob Mann oder Frau) im Laufe des Lebens von den verschiedensten Seiten Liebe und Unverständnis, Gunst und Mißgunst erfährt.

Als Ordensfrau war Teresa unabhängiger als die meisten verheirateten Frauen ihrer Zeit. Als Priorin war ihr ein Bereich anvertraut, in dem sie ebenso Verantwortung tragen und Entscheidungen treffen mußte wie Männer in vergleichbaren Ämtern. Als Reformerin des Karmel schließlich war sie in mancher Hinsicht ihren männlichen Mitarbeitern überlegen. Denn sie, eine Frau, war ermächtigt, auch neue Mönchsklöster zu gründen. Sie hatte folglich auch Männern den Weg zu weisen.

Die Liebe zu Gott brachte Teresa nicht von den Menschen weg, sondern im Gegenteil noch viel näher zu den Menschen hin. Da Gott als Mensch Jesus Christus in die Geschichte eingetreten ist, kann man im Umgang mit ihm nicht "weltfremd" sein. Gerade die Liebe zu Jesus Christus macht "realistisch" und setzt Kräfte frei zum Engagement für die Welt.

Ein Gebet von Teresa lautet: "O mein Jesus, so groß ist Deine Liebe zu den Menschenkindern, daß man Dir den größten Dienst erweist, wenn man sich nicht Dir, sondern ihnen zuwendet, denn dann ist man Dir am tiefsten verbunden. Wer den Nächsten nicht liebt, liebt auch Dich nicht, mein Herr, der Du mit deinem Blute deine Liebe zu uns Adamskindern bezeugt hast."

4. Einzelne Grundhaltungen

Teresa ist eine große Heilige der Kirche geworden. Sie empfing von Gott viele übernatürliche Gnaden. Ihre Visionen und Offenbarungen sind weithin bekannt. Das Faszinierende an ihr sind aber, denke ich, gar nicht diese außergewöhnlichen Ereignisse ihres Lebens, sondern das wirklich Beeindruckende ist ihre warme Menschlichkeit. Bei aller Auserwähltheit bleibt Teresa immer schlicht, natürlich, herzlich. Sie ist fähig, auf die anderen zuzugehen und Freundschaft zu schließen. Dabei gibt sie sich immer so, wie sie ist. Formalismen und Titel sind ihr zuwider. Sie mag nicht mit "Ehrwürdige" angesprochen werden, auch nicht mit "Reverenda" oder "Señora". Die Sucht anderer nach Ehrenbezeichnungen kann sie ebenfalls nicht ganz ernst nehmen. Einmal klagt sie - sehr freimütig, wie es ihre Art ist - über die Unsitten ihrer Zeit: "Nun aber braucht man schon für die bloßen Überschriften der Briefe eine eigene Schule, um zu lernen, wie sie anzubringen sind; denn da muß man bald auf der einen Seite, bald auf der anderen Raum lassen, und jene, die man zuvor noch nicht 'Euer Herrlichkeit' zu nennen pflegte, muß man nun 'Euer Durchlaucht' titulieren."

Teresa hat ein Herz, und sie setzt es ein. Einfach und vertrauensvoll kommt sie jedem entgegen, der ihr begegnet, und jeden nimmt sie als Menschen radikal ernst. Bei einer hochadeligen Dame entschuldigt sie sich anfangs für die "Kühnheit", es zu wagen, diese mit "Freundin" anzusprechen. Später läßt sie diese Konventionen fallen und begegnet höher- wie niedriggestellten Persönlichkeiten mit derselben schlichten Offenheit.

Bei all ihrer Heiligkeit (oder besser vielleicht: gerade wegen ihrer großen Heiligkeit) ist Teresa überaus menschlich. Sie fordert zwar, daß die Liebe nicht in der Sinnlichkeit haften bleibe, hält aber nichts davon, die Regungen des menschlichen Herzens irgendwie zu unterdrücken. Auch eine "rein geistige" (eine sogenannte "platonische") Liebe bedeutet für sie eine Verkümmerung, denn "wir sind keine Engel." Reife menschliche Liebe geht für die Reformerin als Frucht aus der harmonischen Vereinigung von Geist und Sinnen hervor. Ihre Antriebe kommen aus dem Willen, aber auch aus der natürlichen Empfindung, aus der Gnade, aber auch aus der Sympathie. Teresa selbst käme nie in den Sinn, die Komplexität der menschlichen Natur zu verleugnen. Vielleicht hat sie deshalb gewollt, daß in den Reformklöstern nur eine kleine Anzahl von Schwestern leben, um es allen zu ermöglichen, in echter Freundschaft verbunden zu sein. Andererseits wünscht sie denen, die im geistlichen Leben voranschreiten wollen, daß es ihnen gelingen möge, die Menschen "nur noch wegen Gott" zu lieben. Denn sie selbst hat in der inneren Unabhängigkeit von den Geschöpfen kreative Ruhe erfahren.

Freundschaft ist für Teresa folglich mehr als nur ein gefühlsmäßiges Miteinander oder eine angenehme Begegnung. Sie bedeutet wirkliches Engagement für den anderen Menschen, für sein geistiges, aber auch für sein leibliches Wohl. Das kommt unter anderem in unzähligen ganz materiellen - und sogar banalen - Kleinigkeiten zum Ausdruck.

Als Frau ist Teresa sehr konkret in ihrer Zuneigung. Sie läßt nie außer acht, was die anderen an täglicher, praktischer Zuwendung brauchen. So empfiehlt sie beispielsweise Rezepte gegen Rheumatismus, gegen Kopfweh oder Bleichsucht (eine Fieberkrankheit); so besorgt sie für die Kranken Sirup und Heilwasser aus Loja, sendet der Priorin des Dominikanerinnenklosters von Valladolid eine Medizin, die ihr selbst geholfen hat, drückt einem Geistlichen, dem späteren Erzbischof von Ebora, ihr Bedauern darüber aus, daß er kein gutes Wetter für seine Kur habe, und ist bekümmert wegen der Zahnschmerzen ihres früheren Beichtvaters Don Dávila. Ebenso bemitleidet sie ihre Nichte Teresita, der zwei Ringe verlorengegangen sind, und drückt ihre Freude über das Wiederfinden dieser Ringe gleich in zwei Briefen aus. Auf ihren Reisen ist sie besorgt, daß ihre Begleiter einen Imbiß bekommen; ihrem Neffen Didacus schickt sie als Trost für den Tod seiner Gattin ein herzliches Schreiben, dem sie noch zwei Melonen zufügt.

Teresa ist großzügig, wenn es darum geht, andere froh zu machen. Den Schwestern ihres Klosters verschafft sie Gewürze und Balsam, ihrem Bruder Lorenzo schickt sie Marmelade, einem Administrator schenkt sie ein Parfümfläschchen und einen kleinen Krug, den sie selbst erhalten hat und als den "schönsten" betrachtet, der ihr je zu Gesicht kam. Ihrem Bruder Lorenzo schreibt sie: "Ich meinerseits habe keine Not an etwas, sondern im Gegenteil Überfluß an allem. Darum werde ich von dem Almosen, das Sie mir zugesandt haben, meinen Schwestern mitteilen und das übrige zu guten Werken verwenden."

Als praktische, weltoffene Frau kennt Teresa die Probleme der Menschen. Den vielen, die bei ihr Rat und Trost suchen, gibt sie immer auch noch etwas anderes mit, nämlich das Bewußtsein, daß sie mit ihnen fühlt, daß sie Schmerz und Empörung empfindet wie sie. Sie zeigt sich solidarisch. Sie kann mit den anderen mitleiden und sich auch mit ihnen zusammen freuen. Sie interessiert sich einfach für die kleinen und auch für die großen Probleme der anderen und hilft, wo sie kann - zumindest mit einem guten Rat und der Versicherung, die Sorgen mitzutragen. Dabei ist sie ein verständnisvoller Gesprächspartner. Sie kann zuhören, manchmal stundenlang. "Über menschliche Schwachheiten entsetze ich mich nicht," pflegt sie zu sagen.

Es ist leicht, offen zu Teresa zu sein, da diese selbst allen gegenüber aufrichtig, ursprünglich und spontan ist. "Hier und da sage ich immer mehr, als mir lieb ist, und doch sage ich nicht alles, was ich wünsche," gesteht sie. Trotzdem macht Teresa sich nicht die Mühe, ihre Briefe durchzulesen. Den Empfängern rät sie einfach, die fehlenden Buchstaben einzusetzen; solange man verstehe, was sie sagen möchte, brauche sie nicht die Zeit mit überflüssigen Arbeiten zu verlieren.

Teresa spricht aus, was sie denkt und fühlt: etwa daß ihr die Leute in Kastilien mehr zusagen als die Leute in Sevilla (mit deren Mentalität sie nur schwer zurechtkommt); oder aber, daß es ihr lieb wäre, die Schwiegermutter ihres Neffen los zu sein. Einem Mitarbeiter schreibt sie klipp und klar: "Seit langer Zeit hatte ich keinen solchen Anlaß mehr zur Selbstbeherrschung wie heute beim Empfang Ihres Briefes. Denn ich bin noch nicht so demütig, daß ich es ertragen könnte, für so eitel gehalten zu werden. Noch nie hätte ich einen Brief von Ihrer Hand so gern zerreißen mögen wie diesen." Dabei macht es Teresa gar nichts aus, ihre eigenen Fehler mit Namen zu nennen. Sie gibt zu, wenn sie etwas nicht weiß oder kann; sie sagt, wenn sie sich ärgert oder freut oder Trost braucht. Kurz, sie unterbreitet ihr ganzes Leben und Streben mit einer unglaublichen Ehrlichkeit den anderen Menschen.

Dabei ist das Briefeschreiben anstrengend für Teresa. Außerdem ist ihr der Lärm von gesellschaftlichen Veranstaltungen recht lästig, und sie sehnt sich oft genug nach Ruhe und Erholung. Hin und wieder bekennt sie: "Keine geringe Beschwerde ist es für mich, an jedem Ort die verschiedenen Charaktere so vieler Menschen zu ertragen." Doch jemandem die Freundschaft anzubieten, bedeutet für sie auch, bereit zum Opfer zu sein, sich (manchmal bis zur Erschöpfung!) für die anderen zu engagieren - und nicht rechnend und berechnend vor sie hinzutreten und Forderungen zu stellen.

Wenn andere Menschen ihr Gutes tun, zeigt sich Teresa gerührt und gedrängt, eine Gegengabe zu leisten. Dankbar zu sein, gehört zu ihrer großzügig angelegten Natur dazu. "Mit einer Sardine, die man mir schenkt, könnte man mich gewinnen;" das sagt sie von sich selbst. In unzähligen Briefen bedankt sie sich, manchmal recht überschwenglich, für Butter und Quitten, für Nüsse, die ihre Gesundheit fördern, Balsam und Zuckergebäck - und manchmal auch für Dukaten.

Teresa hat ein großes Herz; doch dabei ist sie weder verträumt noch sentimental. Im Gegenteil, sie steht fest auf dem Boden der Realität, ist entscheidungsfreudig und voll Energie. Wenn ein neues Kloster gegründet werden soll, ist sie es, die Mittel und Wege zur konkreten Verwirklichung dieses Planes sucht. Die Last trägt sie fast immer ganz allein. "Hilf dir selbst, und der gute Jesus wird dir zu Hilfe eilen!" Das ist ihr Motto. Sie organisiert Reisen, besorgt oft selbst die Häuser der neu zu gründenden Konvente, leitet die Umbauten und weiß mit Zähigkeit und diplomatischem Geschick, die erforderlichen Genehmigungen zum Einzug der Ordensleute zu erwerben.

Für Teresa ist es nicht schwer, das Vertrauen von Kardinälen, Fürsten und Architekten zu gewinnen. Ihre diplomatischen Talente kennt sie selbst sehr genau; einem Pater schreibt sie ganz offen: "Ich bin eine gute Unterhändlerin, wie es Ihnen mein Freund Waldemar sagen kann, wenn Sie es nicht glauben sollten." Sie pflegt ihren Mitarbeitern auch gute Ratschläge zu geben, wie man sich verhalten muß, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Als z.B. ein neues Haus gekauft werden soll, ermahnt sie die anderen: "Handeln Sie in der Weise, daß Sie kein großes Verlangen zeigen, dieses Geschäft abzuschließen, damit man den Preis nicht erhöht."

Teresa ist klug, aber sie ist auch kühn in ihren Plänen und in ihren Forderungen. "Niemals habe ich aus Furcht vor Schwierigkeiten eine Stiftung unterlassen," sagt sie selbst. Als eine Verfolgung gegen sie und ihren Orden ausbricht, bleibt sie gelassen. Sie hat keine Bedenken, Philipp II. persönlich zu schreiben, damit er ihr helfe. Sie bittet den König auch direkt, dafür zu sorgen, daß Johannes vom Kreuz aus dem Klosterkerker befreit werde, und verteidigt eigenhändig ihre Mitarbeiter vor ihm. Ebenso unbekümmert-mutig wendet sie sich an den von vielen gefürchteten Großinquisitor und nimmt Stellung zu ungerechten Vorwürfen. Einer ihrer Freunde sagt von ihr. "Früher war sie furchtsam; jetzt aber tritt sie alle höllischen Geister mit Füßen. Sie ist weit entfernt von aller Ziererei und allem weibischen Wesen, ganz frei von übertriebenen Ängstlichkeiten und die geradeste Seele, die es gibt."

Hat Teresa einmal etwas als gut erkannt, ist sie bereit, sich ganz dafür zu verausgaben. "Wenn man uns auch steinigen würde, wie es in Avila bei der Stiftung des ersten Reformklosters fast geschehen wäre," sagt sie (übrigens zu Recht), "dann stünde es um die Sache Gottes doch gut." Als geschickte Diplomatin weiß Teresa auch, was sie von den anderen verlangen kann. Einem Bekannten, der zur Mitarbeit bereit ist, schreibt sie freimütig: "Denken Sie ja nicht, daß Sie unserem Herrn nur das geben werden, was Sie jetzt im Sinne haben, sondern noch weit mehr."

Wenn es für das Wohl der Reform notwendig ist (und nur dies interessiert Teresa letztlich!), dann kann ihr Auftreten sehr selbstbewußt sein. So sagt sie, als sie einmal heftig verleumdet wird, dem General ihres Ordens: "Wenn wir vor dem Angesicht Gottes erscheinen, werden Euer Wohlehrwürden sehen, wieviel Sie ihrer wahren Tochter Teresa verdanken."

Teresa verlangt viel von sich, aber auch von den anderen, was an der Leitung ihrer Klöster besonders sichtbar wird. Sie weiß ja selbst am besten, was es bedeutet, wenn man sich in einem von Lauheit zumindest bedrohten Konvent der allgemeinen Stimmungslage zu widersetzen und ernsthaft nach Vollkommenheit zu streben bemüht: Dann nämlich, so betont sie, hat man "die eigenen Hausgenossen mehr zu fürchten als alle höllischen Geister zusammengenommen." Aus dieser ihrer schmerzlichen Erfahrung heraus wacht sie streng darüber, daß die Ordensregel eingehalten wird, und zwar bis in die Kleinigkeiten hinein. Sie duldet keine verweichlichenden Milderungen. Gleichzeitig lehnt sie aber auch alle übertriebenen Bußübungen entschieden ab. Es gehört wohl zum Geheimnis ihrer Menschenführung mit dazu, daß sie, die Wiederentdeckerin der ursprünglichen Regel des Karmel, keinerlei Rigorismus duldet. Wenn eine Priorin zu viel fastet, wird sie ärgerlich; schwachen und psychisch labilen Nonnen empfiehlt sie, Fleisch zu essen; ihren Bruder Lorenzo ermahnt sie, genügend zu schlafen - denn, so sagt sie, "es ist besser, sich vernünftig zu pflegen, als krank zu sein." Mit kleinlich-formalistischen Priorinnen, die nur darauf blicken, daß der Buchstabe des Gesetzes erfüllt werde, spricht Teresa sehr hart: "Die Nonnen sind keine Sklaven!" Ebenso ernst weist sie einen Pater zurecht, der den Satzungen zusätzliche Vorschriften beigefügt hat: "Mich hat schon das Lesen dieser Vorschriften müde gemacht...Es ist sonderbar, daß man meint, ein Kloster visitiert zu haben, wenn man recht viele Anordnungen hinterläßt."

Teresa achtet in ihren neuen Klöstern nicht so sehr auf äußere, körperliche Strengheiten, als vielmehr auf die innere Bereitschaft, sich Gott und den anderen Menschen hinzugeben. Macht jemand einen Fehler aus Schwäche oder bereut begangenes Unrecht, so ist sie die erste, die von ganzem Herzen verzeiht. Bei allem Reformwillen geht es ihr niemals um Perfektionismus, sondern darum, sündige, reuige, großzügige Menschen für Gott zu gewinnen. Strenge, sagt sie, ist manchmal angebracht, aber längst nicht ausreichend. Um wirklich innerliche Bekehrungen herbeizuführen, ist es nötig, "die Seele sanft zu führen". Teresa selbst nimmt weitherzig eine Ordensschwester von Sevilla in Schutz, die durch Verleumdungen ihr selbst und dem ganzen Kloster geschadet hat. Sie bittet die übrigen Schwestern, das Geschehene zu vergessen, und die Übeltäterin wieder so aufzunehmen, wie sie selbst es wünschten, behandelt zu werden, wenn sie in ihrer Lage steckten. Einem Pater rät sie, eine Karmelitin nicht zu entmutigen, und sich über deren Fehler ein wenig hinwegzusetzen, da die Betreffende sich im Augenblick allem Anschein nach selbst nicht verstünde.

Teresa erkennt immer tiefer, daß wahrer innerer Frieden sich nur herstellen und bewahren läßt, wenn jeder, der sich Gott hingegeben hat, mit Vertrauen und innerer Einsicht handelt. "Eine gebundene und geknechtete Seele kann Gott nicht dienen," sagt sie. Daher achtet sie sehr darauf, daß alle, die ihr anvertraut sind, sich wirklich frei fühlen können. Sie ist in der Leitung ihrer Klöster zugleich nachgiebig und fest, streng und sanft. Und sie verfügt über genügend Menschenkenntnis, um zu entscheiden, wann das eine und wann das andere angebracht ist.

Wenn wir das bisher Gesagte einmal kurz zusammenfassen, dann können wir festhalten: Teresa ist brillant in ihren Fähigkeiten; sie ist gewohnt, anderen zu befehlen und zu raten, sicher in den Entscheidungen - und sie wird von vielen bewundert und geliebt. - Das alles aber macht sie nicht hochmütig in ihrem Auftreten, auch nicht in ihrem geheimen Denken und Fühlen. Sie ist zutiefst davon überzeugt, daß sie von sich aus kaum Gutes zustande bringt. Oft weist sie darauf hin, wie "böse" ihr früheres Leben war. Alles, was an ihr Bewunderung verdient und Freude weckt, sagt sie, sei ihr von Gott geschenkt worden. Sie meint es ehrlich, wenn sie sagt: "Ich habe, soweit ich es erkenne, keinen Grund, eitel zu sein. Denn ich sehe klar ein, daß Gott es ist, der mir immer wieder hilft. Übrigens läßt mich Gott meine Armseligkeit erkennen."

In ihrer Jugend ist Teresa sehr dazu angehalten worden, auf die "Ehre" zu achten, wie es im Spanien ihrer Zeit üblich war. Mit zunehmendem Alter aber kümmert sie sich immer weniger darum, wie sie vor den anderen dasteht. Sie ist entschlossen, nicht für das eigene Ansehen, sondern für das Ansehen Gottes zu arbeiten. Die zahllosen Verleumdungen, deren Gegenstand sie oft ist, machen kaum Eindruck auf sie. "Für unsere Ehre wird Gott, wenn es ihm gefällt, schon sorgen," meint sie.

Daher ist es für Teresa keine Schande, die niedrigsten Arbeiten zu verrichten. Ebenso wenig sieht sie, bei all ihrer genialen Begabung, eine Erniedrigung darin, den anderen zu dienen, auch wenn diese jünger sind oder weniger Erfahrung und Verstand haben als sie. "Konnten wir auf der Reise oder in der Herberge allein sein," erzählt eine der Karmelitinnen, so ließ unsere Mutter (Teresa) es sich nicht nehmen, für uns alle selbst die Mahlzeit zu bereiten. In den Klöstern bediente sie uns oft im Speisesaal oder im Krankenzimmer." - Eine andere ergänzt, daß Teresa sich bei den Reisen immer als erste erhob, um alle anderen zu wecken, und sich als letzte zur Ruhe legte. Selbst als Teresa sich im Alter den Arm brach, war sie nicht davon abzubringen, für die anderen zu sorgen. "Nachdem das Kloster eingerichtet war," erzählt eine Schwester über eine Neugründung, "begab sich unsere heilige Mutter wie die anderen an die Arbeit; und obwohl sie nur eine einzige Hand gebrauchen konnte, kehrte sie und half sie in der Küche mit."

Teresa ist ein innerlich außergewöhnlich freier Mensch. Gelassen setzt sie sich über alle unnötigen, rein "weltlichen" Bindungen hinweg - mögen diese nun im Ansehen, in materiellen Gütern, Einfluß oder Erfolg bestehen. "Ja, es ist eine der Lügen, die die Welt spricht," sagt sie von einer ihrer reichsten Freundinnen, "wenn sie solche Personen Herrschaften nennt; denn sie sind meiner Überzeugung nach in tausenderlei Hinsicht Sklaven. - Wahrhaftig, ich habe vor dem Verlangen, eine vornehme Frau zu sein, einen gründlichen Abscheu bekommen."

Teresa sieht das Wesentliche. Schon als Kind ergriff sie die Tatsache, daß alle irdischen Freuden so schnell vorübergehen; im späteren Leben bleibt ihr der Ewigkeitsgedanke tief eingeprägt. Sie macht ihr Glück nicht an vergänglichen Dingen fest, sondern blickt beständig auf Gott, den sie liebt, und auf den Himmel, den sie erwartet. Daher gelingt es ihr, bei allen Wechselfällen ihres so ausgefüllten Lebens letztlich doch ruhig, sicher und froh zu sein. Und gerade daher ist sie fähig, ohne habgierig-egoistische Verblendungen die Schönheiten der Welt zu sehen und die Natur zu bewundern.

Während eines Reiseaufenthalts, erzählt eine ihrer Begleiterinnen, entdeckte sie einmal eine Blumenwiese und war so begeistert, daß man Schwierigkeiten hatte, die Fahrt fortzusetzen. Zuhause freut sie sich an dem schönen Garten ihres Klosters. Es scheint ihr ausgezeichnet, daß der Konvent der Karmelitinnen in Sevilla am Ufer eines Flusses liegt. Mit kluger Menschlichkeit rät sie außerdem gern, ab und zu in der freien Natur zu beten.

Teresa ist fröhlich und liebt fröhliche Menschen um sich herum. "Gott bewahre mich vor Heiligen mit verdrießlicher Miene," sagt sie immer wieder. Für sie bedeutet Traurigsein, daß man kleinherzig an den Dingen dieser Welt hängt und noch nicht genügend auf Gott vertraut; und sie weiß aus Erfahrung, daß diese Haltung, weil sie natürlicherweise sehr verständlich ist, auch sehr ansteckend sein kann. "Ich fürchte eine unzufriedene Nonne mehr als tausend Teufel," schreibt sie einmal.

Teresa selbst lacht oft und gern. Ihre Briefe sind voll von Hinweisen, wieviel Spaß sie mit den anderen hat: zum Beispiel muß sie "jetzt noch lachen", wenn sie an die nächtliche Angst einer Gefährtin denkt; "herzlich" lacht sie über das Gerede einiger alter Frauen von Sevilla. Sie amüsiert sich, wenn eine der Schwestern nur das wiederholt, was sie selbst schon oft gesagt hat. Sie scherzt auch über die Haushälterin eines guten Bekannten, die sie (wegen ihrer formalistischen Art) "Zeremonienmeisterin" nennt. Einen Pater läßt sie fragen, ob er ein Gelübde gemacht habe, ihr nicht zu antworten, da sie vergebens auf sein Schreiben warte. Sie nimmt sogar der Askese die Strenge, wenn sie sich nicht scheut, über das übertriebene Verantwortungsbewußtsein einer Subpriorin zu lachen. "Möge Gott auch uns diese Vollkommenheit schenken und Ihnen das Geld," schreibt sie einer Schwester. Auch angesichts einer Rauferei in der Herberge fängt sie an, laut zu lachen.

Vor allem aber lacht Teresa über sich selbst und zeigt damit (noch einmal), wie einfach sie innerlich ist. Spannend und lebendig erzählt sie, wie sie einmal mit ihren Begleiterinnen auf dem Weg nach Sevilla in eine Menschenmenge geriet, die angesichts der verschleierten Ordensschwestern recht aufgeregt reagierte: "Der Lärm des Volkes war so groß, als ob es sich (bei uns) um den Eintritt wilder Stiere gehandelt hätte," sagt sie.

Kompliziertes, dünkelhaftes Gehabe liegt Teresa fern. Mit 61 Jahren schreibt sie humorvoll an einen befreundeten Pater: "Bitten Sie Gott, er möge aus mir eine wahre Nonne des Karmelitenordens machen; denn spät ist besser als gar nicht." Und wenig später gesteht sie einer ihrer Mitschwestern: "Jetzt bin ich daran, eine richtige Nonne zu werden; bitten Sie aber Gott, daß dies von Dauer sei."

Teresas mitreißende Heiterkeit gründet nicht in einem vorübergehenden Wohlbefinden, sondern in einer intensiven Erfahrung der Gottesnähe, aus der heraus die Urteile der Menschen und die Ereignisse des Lebens in einem sehr relativen Wert erscheinen. Und weil Gott letztlich immer "der Stärkere" ist, deshalb kann Teresa auch in Niederlagen gelassen sein und optimistisch in die Zukunft schauen. Ihre Freude ist Ausdruck ihrer Seelenstärke, und diese ist Frucht davon, daß sie kindlich-vertrauensvoll mit dem allmächtigen Gott verkehrt, dem sie die Leitung ihres Lebens einfach überläßt. Nicht ohne feine Selbstironie sagt sie einem Freund: "Der Herr weiß besser, was er tut, als wir, was wir wollen."

Mit 67 Jahren schließlich ist Teresa zu Tode erschöpft und schwer krank. Man bittet sie, ihren göttlichen Freund um eine Verlängerung des Lebens anzuflehen, doch sie winkt ab. Auf der Erde fühlt sie sich nicht mehr nötig, nach dem Himmel sehnt sie sich. Die anderen mögen ihre Arbeit fortsetzen, und sie werden es besser machen als sie! Ihre frühere Angst vor dem Tod ist verschwunden. Die Sorge um die eigene Rettung ist einer großen Liebe gewichen. Auf dem Sterbelager bittet Teresa alle Umstehenden noch einmal um Verzeihung für das schlechte Beispiel, das sie ihnen gegeben habe; die anderen sollen sich dadurch nicht verwirren lassen und Gott treuer sein als sie. "Ich war die größte Sünderin der Welt und habe die Ordensregel am wenigsten gehalten," sagt sie. Doch ein Blick auf ihr langes Leben mit all seinen Höhen und Tiefen kann Teresa nicht im mindesten mehr beunruhigen. Sie weiß ja, daß Gott, ein Freund der Sünder und der Schwachen, auch dem elendsten Verbrecher gern verzeiht, wenn er nur bereut. Und dieser Gott - davon ist sie überzeugt - dieser Gott wartet nun auf sie.

Teresa starb am Abend des 4. Oktober 1582. Gerade zu dieser Zeit trat die Kalenderreform Papst Gregors XIII. in Kraft; der folgende Tag wurde deshalb als 15. Oktober gezählt. Teresa starb also in der Nacht vom 4.-15. Oktober 1582.

Jutta Burggraf

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19.3.07

Die Frau - gestern und heute

1. Vorbemerkung

Gewisse Sprüche sagen eigentlich schon alles: "Ein Frauenzimmer, das denkt, ist ebenso ekelhaft wie ein Mann, der sich schminkt." Früher wirkten diese Worte provokativ; heute sind sie erheiternd. Das berühmte Zitat aus Lessings "Emilia Galotti" geht übrigens noch weiter: "Wie kann ein Mann ein Ding lieben, das ihm zum Trotze auch denken will?" heißt es da. "Lachen soll es, nichts als lachen, um den gestrengen Herrn der Schöpfung bei guter Laune zu erhalten."[1]

Offensichtlich haben die Männer die Frauen jahrhundertelang nicht ganz ernst genommen. Besser noch: Sie haben sie jahrtausendelang verachtet. Die Misere fing genau genommen ja schon in den antiken Hochkulturen an. Damals stellte Aristoteles die These auf, daß die Natur einige menschliche Individuen geschaffen hat, die dazu da sind, zu befehlen, und andere, die dazu da sind, zu gehorchen; zu den ersten gehören selbstredend die Männer, zu den zweiten die Frauen.[2] Seitdem - so sagt man - sind die Männer eingebildet ...

Es ist modern geworden, so und ähnlich zu argumentieren und frauenfeindliche Aussprüche von berühmten Männern aller Epochen zu sammeln. Ganze Verlage leben davon. Man hat in den letzten Jahrzehnten eine beachtliche Vielfalt sowohl von "Horrorzitaten" als auch von diskriminierenden Fakten aufgespürt und zu allerlei feministischen Handbüchern verarbeitet. Es gibt inzwischen eine schier uferlose Literatur, die aufzeigt, wie Frauen zu allen Zeiten der Geschichte mißachtet worden sind. Es ist üblich geworden, alle Arten von Ungerechtgkeiten zu beleuchten, die Frauen wegen ihres Geschlechts je erlitten haben. Dies mag in einem gewissen Bedürfnis nach Wiedergutmachung gerechtfertigt sein. Denn grundsätzlich besteht wohl kein Anlaß, an der Glaubwürdigkeit der Untersuchungen zu zweifeln. Manche Kommentare berühmter Männer hören sich recht zynisch an und sind wohl auch so gemeint; sie sollten folglich nicht einfach entschuldigt werden. Doch eines lohnt sich zu beachten: Sind sie auch wahr, so sind sie doch nicht die ganze Wahrheit. Sie vermitteln die Einstellung bestimmter Leute, sind aber nicht unbedingt repräsentativ für eine ganze Generation. Der Wahrheit halber darf nicht vergessen werden, daß man sich bei dieser Geschichtsschreibung nur mit einem eng begrenzten Ausschnitt der Wirklichkeit befaßt. Das tatsächliche Leben ist weiter, reicher und bunter.

Ab und zu müssen wir uns in Erinnerung rufen, daß Frauen im Laufe der Menschheitsgeschichte nicht nur mißhandelt, sondern auch geehrt, daß sie nicht nur verachtet, sondern auch geliebt worden sind. Umgekehrt ist es auch geschehen, daß Männer von Frauen verletzt worden sind - nicht selten mit allen möglichen Mitteln von Verstellung, Erpressung und heimlicher Quälerei. Solche Strategien sind im Einzelfall weniger klar zu dokumentieren, können aber grausamer sein als harte Worte, grausamer sogar als eine Tracht Prügel.

Und jeder weiß, daß auch ein Mann aufgrund seines Geschlechtes "Nachteile" erleiden kann: Meistens ist er es, der in den Krieg zieht. Schließlich gilt zu bedenken, daß auch ein Mann in den vergangenen Jahrhunderten "Rollenzwängen" unterlag: Der Bauernhof oder Handwerksbetrieb des Vaters mußte übernommen werden; der erste Sohn war der Erbe, der zweite wurde Priester, der dritte Soldat ... Unser Verständnis von Freiheit und Eigenverantwortung ist noch gar nicht so alt - bei Mann und Frau. Daher scheint es nicht ganz redlich, die Unfreiheit der Frauen zu bejammern und so zu tun, als sei der Mann stets autonom gewesen.

Darüber hinaus stellt sich die Frage, ob die Frauen früher wirklich so unglücklich darüber waren, daß sie in der "Öffentlichkeit" weniger wirkten als die Männer, daß sie nicht so im "Rampenlicht" standen wie diese. Ich denke, die sog. "Öffentlichkeit" und das "Rampenlicht" sind sehr moderne Realitäten. In unserem Zeitalter herrscht auf der einen Seite eine große Anonymität in der Gesellschaft, auf der anderen Seite ein riesiger Starkult in den Massenmedien. Dadurch wird vielleicht das Bedürfnis verständlich, bekannt zu sein und beachtet zu werden, das andere Generationen in diesem Maße gar nicht kannten.

Ich denke nicht, daß unsere gesamte Kulturgeschichte als Kriminalroman zu lesen ist, in dem die armen Frauen von den bösen Männern nichts anderes als unterjocht, gedemütigt, verspottet und mißhandelt worden sind und sich schließlich doch befreiten. Viele Spannungen zwischen Männern und Frauen sind sicher persönlicher Art. Doch darüber hinaus ist nicht zu leugnen, daß sich eine gewisse Minderbewertung des weiblichen Geschlechts weltweit auch in gewissen gesellschaftlichen Konventionen und Gesetzen zeigt. Zweifellos hat es gerade in den letzten dreihundert Jahren beachtliche Fehlentwicklungen gegeben. Wenn wir sie uns bewußt machen, dann können wir besser verstehen, warum es zur feministischen Revolte kam - und kommen mußte! Die vor einigen Jahrzehnten einsetzende feministische Empörung kann nicht einfach nur belächelt oder verurteilt werden. Es ist besser, sich zu fragen, wie es überhaupt möglich war, daß sie zustande kam. Das erste Problem, mit dem man sich bei einer Betrachtung der Frauenfrage fairerweise auseinandersetzen muß, lautet daher: Wie konnte es dazu kommen, daß Frauen daran leiden, Frauen zu sein?

Im folgenden möchte ich einige Fehlentwicklungen kurz nachzeichnen. Dabei werde ich gründlich übertreiben. Ich übertreibe ganz bewußt, um die Verdrehungen und Verstiegenheiten recht deutlich zu machen. Mir ist aber klar, daß es sich um Tendenzen und Gefahren handelt, die glücklicherweise nicht überall zum Unheil führten.

2. Tatsächliche Ungerechtigkeiten gegenüber den Frauen

Am Anfang der europäischen Kulturgeschichte scheint noch alles in bester Ordnung gewesen zu sein. Die Werke Homers und Hesiods, die griechischen Mythen und der römische, auch der germanische Götterhimmel bezeugen, daß die Frau ihren selbstverständlichen Platz neben dem Mann einnahm. Sie hatte von jeher andere Aufgaben als der Mann, galt deshalb aber keineswegs als weniger wertvoll. Eine Minderbewertung der Frau war gerade den germanischen Völkern völlig fremd. Wie Tacitus berichtet, schenkten die Germanen ihren Frauen zur Hochzeit nicht etwa Schmuck oder Blumen, sondern Stiere, ein gezäumtes Pferd, dazu Schild, Lanze und Schwert.[3] Frauen ihrerseits brachten als Mitgift auch Waffen mit, - was nicht heißt, daß sie sich unbedingt an kriegerischen Auseinandersetzungen beteiligten, wohl aber, daß sie mit den Männern die Verantwortung für Stamm und Besitz teilten (und im Notfall auch für ihre Männer einsprangen).

Doch in den antiken Hochkulturen ist auch eine andere Entwicklung erkennbar. Streckenweise galt die Frau nur als Gebärerin, Dienerin und gefügiger Besitz des Mannes; Fruchtbarkeitsriten und Tempelprostitution konnten ihren Einzug halten.[4] Der griechische Dichter Euripides ließ sich im 5. Jahrhundert v.Chr. sogar dazu herab zu sagen: "Ein einziger Mann ist mehr wert als 10.000 Frauen." Er klagte darüber, daß Zeus auch die Frauen das Licht der Sonne schauen lasse.[5] Im späten Römerreich fand die Mißachtung der Frauen vor allem in sittlicher Haltlosigkeit ihren verletzend-demütigenden Ausdruck. Der gefeierte Ovid etwa bescheinigte den Männern, die eheliche Liebe und Treue noch als miteinander verbundene Werte ansahen: "Nur ein unmäßig Dummer fühlt sich verletzt, wenn seine Gattin Ehebruch betreibt. Er hat auch noch nicht gelernt, was feine Sitte bedeutet."[6] Das setzte natürlich voraus, daß die Männer sich erst recht nicht bemühten, ihren Frauen treu zu sein. Sie zeigten - sofern wir den literarischen Quellen glauben können - nicht selten eine kalte Überheblichkeit gegenüber den Frauen. Diese Einstellung hat wohl mit dazu beigetragen, daß es zum Zerfall des römischen Familienlebens kam; gemäß einigen Geschichtsschreibern wirkte sie sogar hintergründig und indirekt am Untergang des "Imperium Romanum" mit. Jedenfalls läßt ein Urteil des Wissenschaftlers Peter Ketter neues Licht auf diese Epoche scheinen: "Die Stellung, die die Frau bei einem Volk einnimmt, ist der erste Gradmesser seiner Bildung."[7]

In orientalischen Kulturkreisen (etwa bis zur Grenze Indiens) herrscht bis heute eine andere Mentalität. Hier wird die Frau - zumindest rein äußerlich betrachtet - äußerst klein gehalten. Das alte Israel bildete zunächst eine Ausnahme. Die Frau wurde hier zunächst sehr hoch geschätzt. Prophetinnen und Richterinnen traten auf und konnten sich Gehör verschaffen; Debora, Judith und Esther wurden sogar als Retterinnen des Volkes umjubelt. Doch zur Zeit Christi war auch Israel nicht immer beispielhaft. Im Haus etwa konnte es geschehen, daß die Frau ihren Platz nicht neben ihrem Mann einnehmen durfte, sondern neben den Kindern und Sklaven sitzen mußte. Mehrfach ist uns ein Gebet überliefert, das die Juden täglich sprechen sollte: "Gepriesen sei Gott, der mich nicht als Heiden geschaffen hat! Gepriesen sei Gott, der mich nicht als Weib erschaffen hat! Gepriesen sei Gott, der mich nicht als Unwissenden erschaffen hat!" Das Studium der Thora (Gesetzbuch der Juden) war ein Vorrecht der Männer. Rabbi Eliezer erklärte sogar im 1. Jahrhundert: "Eher sollen die Worte der Thora verbrannt werden, als daß man sie einer Frau anvertraut."[8]

Demgegenüber wurde die Situation der Frau durch das Auftreten Jesu Christi radikal verändert. Jesus versöhnte die Menschen mit Gott und untereinander. Er bewies im Umgang mit Frauen große Freiheit gegenüber den starren Konventionen einer weitgehend von Männern bestimmten Gesellschaft. Sein gesamtes Verhalten gegenüber den Frauen war einfach, spontan, unmittelbar. Ganz anders als seine Umgebung akzeptierte Christus die Frau als ein dem Mann völlig gleichwertiges Geschöpf. Die Leute waren darüber erstaunt, betreten, sie nahmen Anstoß daran, und selbst die Jünger "wunderten sich".[9] Doch das alles kümmerte Christus nicht, der gekommen war, um die Menschen zu befreien. Christus erkannte die Frauen ganz selbstverständlich als Mitarbeiterinnen in seinem Erlösungswerk an: Er sprach mit ihnen über Themen, die man damals nicht mit Frauen zu erörtern pflegte, und erschloß ihnen die tiefsten Geheimnisse Gottes.[10] Die Frauen ihrerseits zeigten eine besondere Sensibilität für den Sohn Gottes. Sie waren von Anfang an seine treuen Begleiterinnen, ließen die neue Lehre in Kopf und Herz eindringen und antworteten mit einem Glauben, der sich über alle Hindernisse hinweg am Kreuz bewährte. Frauen durften auch als Erste Zeuginnen der Auferstehung werden. Die Ereignisse des Ostermorgens werfen noch einmal helles Licht auf die Tatsache, daß Christus seine göttlichen Wahrheiten zuerst ihnen anvertraut und so ihre Würde vollkommen bestätigt hat.

Nach einer grundsätzlichen Aufwertung der Frau, die vor allem dem jungen Christentum zu verdanken war, nach vielerlei Rückfällen und neuen Auftrieben in den folgenden Jahrhunderten findet man dann aber auch in der Neuzeit, auch in Mitteleuropa tatsächliche Diskriminie­rung der Frauen. "Diskriminierung" (lat. discriminatio = Scheidung) besagt: Man wird aus der Lebensordnung einer bestimmten Gruppe "ausgegrenzt". Es bedeutet zum einen, daß Frauen im Vergleich zu Männern ungleiche Chancen in der Ausbildung und im Erwerbsleben haben, und zum anderen, daß gewisse Vorurteile gegen sie gerichtet sind, daß sie nach bestimmten Stereotypen beurteilt werden.

In Luthers Tischreden findet sich der bemerkenswerte Spruch: "Mägdelein lernen eher reden und gehen als Knäblein, weil das Unkraut immer schneller heranwächst als das Gute."[11] Dies wohl nur scherzhaft-provozierend gemeinte Wort war gewiß von solchen Lacherfolgen begleitet, daß es wert schien, der Nachwelt überliefert zu werden. Da Luther andererseits seine Gattin Katharina von Bora sehr schätzte, nannte er diese in Briefen gern: "Mein lieber Herr Käthe!" Dadurch wollte er auf ihre große Selbständigkeit und Dialogfähigkeit anspielen, die für Frauen keineswegs üblich waren.[12] Als im selben Jahrhundert Françoise de Saintonge in Frankreich Mädchenschulen zu gründen versuchte, wurde sie öffentlich auf den Straßen verhöhnt und verspottet, und ihr Vater rief vier Doktoren herbei, um zu entscheiden, ob seine Tochter von Dämonen besessen sei.[13]

Das höchste Erziehungsziel für Mädchen scheint die Bescheidenheit gewesen zu sein. So ermahnte etwa Fénelon die Jugend: "Ein Mädchen soll nur reden, wenn es wirklich nötig ist, mit einem fragenden und ehrerbietigen Ausdruck. Über Dinge, die gemeinhin über das Verständnis von Mädchen hinausgehen, soll sie selbst dann nicht sprechen, wenn sie darüber Bescheid weiß."[14] Vor der sogenannten "wissenschaftlichen Neugier" des weiblichen Geschlechts wurde gewarnt: "Man lehre die Mädchen, daß ihr Geschlecht gegenüber der Wissenschaft ein Schamgefühl empfinden soll, das ebenso empfindsam ist wie jenes, aus dem der Abscheu vor dem Laster sich nährt."[15] In ähnlichem Ton sprach Rousseau von der "liebenswerten Unwissenheit" der Frau.[16] Dagegen fand Johann Gottfried Herder etwas deutlichere Worte: "Eine Henne, die kräht, und ein Weib, das gelehrt ist, sind üble Vorboten: Man schneide beiden den Hals ab."[17]

In der großen französischen Enzyklopädie des 18. Jahrhunderts, in der das Gedankengut der Aufklärung zusammengefaßt worden ist, wird "femme" (Frau) einfach nur als "das Weibchen des Menschen" ("la femelle de l'homme") definiert.[18] Wenn man dann wissen möchte, was zu "homme" (Mensch, Mann) geschrieben steht, findet man folgende Ausführung: "Er ist ein fühlendes und denkendes Wesen, das frei über die Erde schreitet und wohl an der Spitze aller anderen Tiere steht, über die er herrscht; er lebt in Gemein­schaft, hat Wissenschaft und Künste erfunden, besitzt ihm eigene Güte und Bosheit, hat sich Herrscher gegeben, Gesetze geschaffen..."[19] Abgesehen einmal von der animalischen Auffassung vom Menschen (Mann und Frau) in diesem Text, fällt auf, daß in der Erläuterung zu "Frau" lediglich der geschlechtsspezifische Bereich angesprochen ist, während in den Ausführungen zu "Mann" auf das allgemein Menschliche verwiesen wird. "Der Mensch und sein Weib" - so könnte man die damalige Anthropologie zusammenfassen.

3. Die Frauenrechtsbewegungen - ein mühsames Ringen um Emanzipation

Als die Französische Revolution über Land und Leute hereinbrach, stellten einige clevere Frauen fest, daß die hochgepriesenen Menschenrechte nur die Männer im Sinn hatten. Niemand dachte daran, die Situation der Frauen zu überdenken. Daher verfaßte Olympe Marie de Gouges im September 1791 eine "Deklaration der Frauenrechte", die der Nationalversammlung zur Beschließung übergeben wurde. Hinter ihr standen viele in Frauenclubs organisierte Frauen. Sie definierten sich selbst als Menschen und Bürgerinnen und nannten ihre politischen und wirtschaftlichen Forderungen. Interessant ist beispielsweise der Artikel VII dieser Erklärung, in dem es heißt:
"Für Frauen gibt es keine Sonderrolle; sie werden verklagt, in Haft genommen und gehalten, wo immer es das Gesetz vorschreibt. Frauen unterstehen wie Männer den gleichen Strafgesetzen." Und Artikel X präzisiert noch: "Die Frau hat das Recht, das Schafott zu besteigen."[20] Die Frauen wollten nicht länger unmündig sein. Sie zogen es vor, bestraft und sogar getötet zu werden, als für unfrei und nicht verantwortlich zu gelten. Leider wurde Olympe de Gouges tatsächlich hingerichtet, und mit ihr viele andere namhafte Frauen.[21] Die Frauenclubs wurden mit Gewalt aufgelöst, den Frauen das Versammeln bei Gefängnisstrafen verboten. Ihr Unternehmen schien zunächst gescheitert zu sein.

Doch die Frauen gaben nicht auf. In England begannen sie, sich in der "Antisklavereibewegung" zu engagieren. Sie gingen davon aus, daß ihnen ebenso wie den ehemaligen Sklaven das gleiche Wahl- und Bürgerrecht zustehe. Mary Wollstonecraft veröffentlichte eine Schrift, in der es heißt: "Das gesamte weibliche Geschlecht ist seiner Würde beraubt. Man stellt es auf eine Stufe mit den Blumen, die nur die Erde schmücken. Sie sollen als süße Blumen dem Mann am Wege zulächeln."[22] Mary Wollstonecraft forderte eine eigenständige Ausbildung des Verstandes. Frauen, sagte sie, sollen nicht nur auf Schönheit bauen; sie sollen nicht ein Dasein "kurzlebiger Königinnen" zu führen.[23] Es ist besser, daß sie sich als Persönlichkeiten entfalten - und nicht als Blumen!

Tatsächlich kann man zu dem Schluß kommen, daß die weibliche Entfaltung damals weitgehend nicht im, sondern auf dem Kopf geschah. So jedenfalls findet man es in verschiedensten Ausstellungen immer wieder illustriert.[24] Man kann hier zahlreiche Frauen mit riesengroßen, bestickten Hauben sehen. Auf den Köpfen, so heißt es etwas spitz in einem entsprechenden Katalog, "an dem einzigen Ort, wo sich das weibliche Ichbewußtsein äußern konnte", fand geradezu ein Ausbruch der Kreativität statt.[25] Denn die Präsentation als tüchtige, reinliche, fingerfertige Hausfrau erfolgte über die Kopfbedeckung. So hatte die Haube einen hohen Mitteilungswert. Sie zeigte, wie gut die Frauen nähen und sticken und überhaupt handarbeiten konnten. Sich mit großer Haube zu zeigen, war wie eine Leistungs- und Erfolgsschau. Schließlich trug man seine gesamte weibliche Bildung auf dem Kopf, die durch ein Gebetbuch in der Hand dann noch die notwendige Abrundung erhielt. Nur so konnte man seiner Verpflichtung nachkommen, Zierde und Schmuck des Mannes zu sein.[26]

"Die süßen Beglückerinnen des Lebens sollen gefallen und nützlich sein,"[27] betonten männliche Autoren. Sie sollen "sanft und lieblich" die Laute spielen, dem Mann "Freude ins Herz lächeln",[28] ihn "als leichte und liebliche Welle...umspielen" und ihm schließlich "mit Grazienhänden den Staub von der Stirn wischen."[29] Knigge riet den Frauen, sich ihrem Ehemann nur mit ehrerbietiger Aufmerksamkeit zu nähern, seine Launen zu studieren, seinen Befehlen sofort zu folgen und auf heftige Worte allenfalls eine ganz leise Antwort zu geben.[30] Kommentar von Mary Wollstonecraft: "Eine solche Frau ist ein Engel oder ein Esel."[31]

Die "Bestimmung des Weibes" fand sich vor allem in der Besorgung des Hauses definiert - ganz so, wie es Friedrich Schiller 1797 im "Lied von der Glocke" dargestellt hat:

"Und drinnen waltet
die züchtige Hausfrau,
die Mutter der Kinder,
und herrschet weise
im häuslichen Kreise ...
und reget ohn' Ende
die fleißigen Hände ...
und ruhet nimmer."

Allerdings schrieb Caroline Schlegel bereits 1799 an ihre 14jährige Tochter: "Über ein Gedicht von Schiller, das Lied von der Glocke, sind wir gestern Mittag fast von den Stühlen gefallen vor Lachen."[32] Natürlich ist nichts dagegen einzuwenden, daß der Haushalt gut besorgt wird. Im Gegenteil, das ist erholsam für die ganze Familie. Man wollte aber nicht, daß dies als gültige Norm ohne Alternative für das weibliche Leben betrachtet wurde.

Die Frau galt nur etwas, wenn sie verheiratet war. Sie "ist erst als Mutter vollendetes Weib", heißt es kurz und bündig im Damen-Conversationslexikon aus dieser Zeit. "Für die Unterhaltung und Erbauung des Mannes macht sie Musik," so wird auch dort noch einmal hervorgehoben.[33]

Der Schriftsteller Wilhelm Heinrich Riehl äußerte sich 1855 zum Thema der geistreichen Frau: "Herrschen soll die Frau, indem sie dient, den Mann aus seiner Beschränkung herausreißen, indem sie sich selbst beschränkt, Einflüsse üben, wo sie nur Einflüsse zu empfangen scheint."[34] Auch dies findet man heute in Ausstellungen dokumentiert.[35] Es gibt zahlreiche Ehepaarbildnisse aus dieser Zeit. In ihnen sitzt der Herr Gemahl, meist mit vielen Büchern, studierend und sinnend am Schreibtisch. Die Gemahlin erscheint als aufgehende Sonne, um ihn zu erfreuen. Sie bringt Blumen, Früchte oder auch ein Kind in die Studierstube hinein. Das Geistwesen Mann und das Naturwesen Frau leben in völlig verschiedenen Welten: Sorglose weibliche Anmut und ernste männliche Würde; er die Eiche, sie das Efeu.

"Wollten die Männer nur großmütig unsere Fesseln durchbrechen und zufrieden sein mit vernünftiger Partnerschaft anstatt mit sklavischem Gehorsam," klagte Mary Wollstonecraft. "Dann würden sie in uns gehorsamere Töchter, liebevollere Schwestern, treuere Ehefrauen und vernünftigere Mütter, kurz bessere Bürgerinnen finden."[36] In diesem Sinne schrieb Friedrich Schleiermacher als erstes Gebot in seinen "Katechismus der Vernunft für edle Frauen": "Du sollst Freundin sein können, ohne zu kokettieren oder anzubeten."[37] Doch solche wohltuenden Ermahnungen scheinen eher selten gewesen zu sein.

Zunächst hörte fast niemand auf die Frauenrechtlerinnen. Die Erziehung der Töchter zu "Anmut und Bescheidenheit" wurde weiter vorangetrieben. In einem berühmten Jungmädchenroman des 19. Jahrhunderts, "Backfischchens Leiden und Freuden", kann man zahlreiche Hinweise zum Benehmen einer Tochter aus gutem Hause finden. Dort ermahnt beispielsweise eine Tante das "Backfischchen", den Mund beim Lachen nicht aufzusperren; das ziemt sich nicht für ein Mädchen. Ihrem Geschlecht ist es eigen, immer nur mit den Augen zu lächeln.[38]

Die Frauenrechtlerin Amalie Holst schrieb halb verzweifelt: "Von Jugend auf von Kleinigkeiten umringt, von Tand gefesselt, durch Zwang zurückgeschreckt, von Trägheit...zurückgehalten, wie kann, wie soll der Geist eines Weibes durch diesen vierfachen Nebel hindurchdringen und Luft schaffen?"[39]

Folgen wir noch etwas den erwähnten Ausstellungen. Auch gegen Ende des 19. Jahrhunderts, in der wilhelminischen Kaiserzeit, änderte sich kaum etwas an der Situation der Frauen. So jedenfalls wird es dokumentiert. Mit dem wachsenden Reichtum nach dem gewonnenen deutsch-französischen Krieg wuchs auch das Bedürfnis, den eigenen Besitz nach außen hin zu zeigen. Die Mode mit stoffreichen, raffiniert geschneiderten Modellen wies die Frauen als glänzende Repräsentantinnen der Position ihrer Ehemänner aus. Aus der "guten Hausfrau" war nun die "gnädige Frau" geworden.[40] Auch diese durfte sich vorzugsweise mit Handarbeiten und Musik beschäftigen. "Wer den Mann nicht unterhalten konnte, mußte stricken," so ließe sich etwas überspitzt formulieren.

Frauenbildung war weiterhin verpönt. Als Kostprobe bietet sich Nietzsche an. Er ist ein besonders glänzender Verfechter einer Minderbemittlung der Frau. Nach seiner Auffassung ist das "Weib" ... "unsäglich böser als der Mann".[41] Die Frau, abhängig und unselbständig, wird ganz vom Mann her und auf ihn hin entworfen: "Das Glück des Mannes heißt: ich will. Das Glück der Frau heißt: er will."[42] Aus dieser Sicht scheint es nur verständlich, daß allen Bestrebungen zur sozialen und politischen Gleichberechtigung der Geschlechter eine radikale Absage erteilt wird. Von einer gesellschaftlich gleichen Stellung zu träumen, sei "flachköpfig"[43] und führe nur zu einer katastrophalen Entartung und "Entweiblichung" der Frau.[44] Nietzsche zieht vor allem gegen die "abnormen Bedürfnisse zur Gelehrsamkeit"[45] zu Felde und spricht den Frauen recht eindeutig die Intelligenz ab: "Denn was wäre seltener als eine Frau, welche wirklich wüßte, was Wissenschaft ist?"[46]

Schreibende, dichtende oder denkende Frauen fielen tatsächlich unangenehm auf. Virginia Wolf stellte fest, daß eine schreibende Frau wie ein Hund betrachtet wird, der auf den Hinterbeinen geht: Das ist nicht gut, aber erstaunlich.[47]

Bettina von Arnim (damals noch Bettina Brentano) wollte in jener Zeit bei einem Nachbarn kostenlos Hebräisch lernen. Postwendend verbot ihr Bruder Clemens das, da er durch derartige Weibergelehrsamkeit alle Verheiratungschancen seiner Schwester in Gefahr sah. "So etwas ekelt einen Mann," war sein Kommentar.[48] Man sieht die Linie zu Lessings Emilia Galotti.

Aus der Literatur ist reichlich bekannt, daß Frauen auch Formen des individuellen Widerstands übten. Die Flucht in Krankheiten, in Schwächezustände, Ohnmachten und "Migräne" scheinen an der Tagesordnung gewesen zu sein.[49]

Doch das Weiblichkeitsbild von der anschmiegsam-schwachen, zarten Frau, die ohne männliche Führung in dieser rauhen Welt nicht zurechtkommt, wucherte weiter. Frauen wurden von den Problemen der Außenwelt möglichst ferngehalten. Der Volkswirt Oscar Stillich meint dazu in einem Werk über die Berliner Dienstmädchen, daß ihm die meisten bürgerlichen Frauen wie Kinder vorkommen, die mit ihren Puppen spielen und nichts von den sozialen Kämpfen merken, die sich unmittelbar vor ihren Türen abspielen.[50]

In Deutschland wurde die Frauenfrage vor allem zur Erziehungsfrage. Man erkannte immer mehr die Notwendigkeit, auch Mädchen auszubilden. Bildung ist ja nicht nur wichtig, um später in einem außerhäuslichen Beruf vorwärtszukommen, sondern auch, um die eigene Persönlichkeit voll zu entfalten. Wenn ein Mensch lernt, selbständig zu denken, lernt er auch immer mehr, innerlich frei und unabhängig von der öffentlichen Meinung und den Massenmedien zu sein; er wird geistig erwachsen und kann eher mit der eigenen Lebenssituation und mit persönlichen Stimmungen fertig werden.

Frauen wollten nicht länger besondere Betreuung und besondere Aufmerksamkeiten durch die Männer erfahren; sie erkannten ihr Recht auf eigene Bildung und Ausbildung. Theodor Gottlieb von Hippel, ein hoher Beamter und Schriftsteller aus dem Freundeskreis Kants, der sich für die öffentliche Gleichbehandlung der Frauen einsetzte, sagte während der damaligen Diskussionen: "Jemandem Güte erweisen, indem man ihm Gerechtigkeit entzieht, heißt: ein Naturgesetz mit Füßen treten."[51]

Es ist verständlich, daß die Frauenbewegung beständig zunahm. Sie wurde auch immer polemischer. Die Frauenrechtlerinnen erregten Aufsehen und Widerspruch; vielleicht übertrieben sie hier und da. Im Grunde aber setzten sie sich für etwas durchaus Legitimes ein: für die gleichen Rechte von Mann und Frau.

Eine der größten Frauenrechtlerinnen um die Jahrhundertwende war sicherlich Hedwig Dohm. Sie fragt sich, was wohl geschehen wäre, wenn Friedrich Schiller als "Friederike" zur Welt gekommen wäre.[52] Wahrscheinlich hätten die Talente sich nicht oder nur sehr mühsam entfalten können! Für Hedwig Dohm ist die Frage, ob Frauen studieren dürfen, können oder sollen, genauso müßig wie jene andere: "Darf der Mensch seine Kräfte entwickeln? Soll er seine Beine zum Gehen benutzen?"[53]

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schließlich wurden Frauen nach und nach in allen Ländern des europäischen Kontinents offiziell zum Abitur und zum Hochschulstudium zugelassen. Auch die politische Gleichberechtigung wurde weitgehend - zumindest dem Gesetz nach - in der westlichen Welt erreicht. Seit 1918 gibt es das Wahlrecht für Frauen in Deutschland, Österreich und England, seit 1971 sogar in der Schweiz. Die ursprünglichen Frauenrechtsbewegungen hatten somit in Europa ihre hauptsächlichen Ziele verwirklicht und lösten sich hier zunächst praktisch auf.

Sogar einige Feministinnen meinen heute, daß die Problematik der früheren Frauenrechtsbewegung für uns in der westlichen Welt kaum noch existiert.[54] Ich würde sagen: Sie existiert schon noch; denn die Gleichstellung ist zwar de iure erreicht, aber nicht de facto. Zum Beispiel wird die Frau als Mutter viel zu wenig geachtet. Dafür, daß den Frauen noch mehr Gerechtigkeit zuteil wird, setzt sich heute eine feministische Bewegung ein, die man "gemäßigt" oder besser noch "authentisch" und "freiheitlich" oder auch - wenn man religiös motiviert ist - "christlich" nennen könnte. Sie ist meiner Meinung nach die legitime Fortsetzung der Frauenrechtsbewegung. Ich lasse sie nun beiseite und wende mich dem Radikalfeminismus zu.

4. Radikalfeministische Theorien

Trotz äußerer Erfolge bleibt zu fragen, ob unsere Gesellschaft tatsächlich auf dem Weg ist, die Würde der Frau genügend zu achten. Kino, Theater, Literatur und darstellende Kunst sprechen eine andere Sprache. Von den Massenmedien und Freizeitangeboten, auch von der Reklame her droht der Frau heute eine Herabsetzung, die noch viel tiefer ist als jene andere, welche durch politische und soziale Ungerechtigkeiten geschah und geschieht. Oft wird dies von Frauen nicht genug durchschaut, sogar mitgetragen und letztlich erst möglich gemacht. Während man einerseits die Grundrechte laut proklamiert, versucht man andererseits, die Frau auf ein menschenunwürdiges Dasein einzuschränken und beachtet viel zu wenig, daß sie - wie der Mann - ein geistbegabtes Wesen ist, fähig zu Solidarität und Partnerschaft. Immer wenn das Hauptinteresse nur einigen äußeren Vorzügen gilt, ist die vordergründige Aufwertung der Frau gepaart mit höchster Mißachtung.

Soziale Veränderungen können die Frauen nicht wirklich befreien, wenn sie nicht in einen geistigen Umschwung eingebettet sind. Dieser Umschwung aber ist noch nicht vollzogen. Er bedeutet, daß der Mann die Frau als vollgültige menschliche Person akzeptiert. Er bedeutet aber auch, daß die Frau bereit ist, mit dem Mann zusammen nach neuen Wegen zu suchen - daß folglich auch sie den Mann annimmt und respektiert. Gerade dies ist heute nicht immer der Fall. Es ist bekannt, wie der Radikalfeminismus (besonders in der westlichen Welt) gegen die Männer wütet. Das ist als Reaktion auf allzu große Verletzungen in gewisser Weise verständlich; doch man muß auch sehen, daß hier ein Ungleichgewicht herrscht und daß bei solchem Verhalten Reifungsprozesse blockiert werden können.

Um die Mitte unseres Jahrhunderts gelangte der Kampf gegen die Diskriminierung der Frau in eine neue Phase. Den Startschuß gab Simone de Beauvoir, die bekannte Lebensgefährtin Jean-Paul Sartres. Sie stellte als erste die neuen, radikalen Thesen zur Emanzipation auf und vollzog gleichsam einen Bruch mit den ehemaligen Frauenrechtsbewegungen.

Einem Teil der heutigen Feministinnen geht es nicht mehr lediglich um die rechtliche und soziale Gleichstellung der Frau, sondern um die völlige Gleichartigkeit der Geschlechter. Sie fordern eine völlige Aufhebung der - wie sie es nennen - traditionellen Rollenteilung von Mann und Frau und lehnen vielfach die Mutterschaft, vor allem aber Ehe und Familie entschieden ab. Beauvoir warnt sogar vor der "Falle der Mutterschaft", die den Frauen ihre Freiheit und Aufstiegschancen nehme.[55] Denn wenn eine Frau ein Kind oder sogar mehrere Kinder hat, ist sie nicht mehr so unabhängig wie vorher. Jeder weiß, wieviel Arbeit ein Baby macht. Die Frau ist, wenn sie ein Kind hat, "gebunden" und kann im Berufsfeld nicht mit dem Mann konkurrieren. Sie wird folglich an ihrer Karriere gehindert. Daher - fordern radikale Feministinnen - solle die Frau sich von den "Ketten ihrer Natur" lösen. Ihr Verhalten müsse auf der sog. "Neuen Ethik" basieren, und das heißt: Alles ist erlaubt, alles Herkömmliche wird grundsätzlich in Frage gestellt, auch die natürlichen zwischenmenschlichen Beziehungen, wie sie in Ehe und Familie zum Ausdruck kommen. Konkret äußert sich dies etwa in der Verbreitung lesbischer Beziehungen,[56] in der Forderung nach der völligen Übertragung der Kindererziehung auf die Gesellschaft oder auch - als Fernziel - nach dem Ersatz der Schwangerschaft durch Retortenzüchtung.[57] Frauen wehren sich nun in extremen Formen gegen Ungerechtigkeiten, die es - wie wir gesehen haben - wirklich gegeben hat: Aus der Tatsache, daß eine Frau Mutter sein kann, hat man abgeleitet, daß sie Mutter sein sollte, und später sogar, daß sie nichts als Mutter sein sollte und nur in der physischen Mutterschaft das Glück finden könne.

Autonomie und Durchsetzungsvermögen gelten im Radikalfeminismus oft als die höchsten Werte. (Auch hier wird die Gegenreaktion deutlich!) Das wird zum Beispiel an der Umschreibung eines Spruches faßbar, der den Mädchen früher in das Poesiealbum gesetzt wurde. Früher hieß es (allerdings kitschig):

"Sei wie das Veilchen im Moose,
sittsam, bescheiden und rein,
und nicht wie die stolze Rose,
die immer bewundert will sein."

Heute dagegen ist folgende Aufforderung in den Frauenzeitschriften zu finden:

"Seid wie die stolze Rose
selbstbewußt, kritisch und frei,
und nicht wie das Veilchen im Moose,
bescheiden, verschüchtert und treu."[58]

Der heutige Feminismus ist in einigen konkreten Formen ein Produkt der europäischen Studentenrevolutionen von 1968. Innerhalb dieser Bewegungen fühlten sich einige Studentinnen von ihren männlichen Kollegen unterdrückt, lösten sich von ihnen und gründeten sog. "Weiberräte" an den Universitäten. Nach dem Vorbild dieser "Weiberräte" wurden in vielen Städten des deutschsprachigen Raumes (mit Ausnahme der damaligen DDR) "autonome Frauengruppen" gegründet. Sie alle verlangen "Selbstverwirklichung für die Frau", und das bedeutet für sie: Befreiung von jeglicher Abhängigkeit von Mann und Kind. Der Begriff "Feminismus", so wie wir ihn heute gebrauchen, meint tatsächlich häufig eine Lösung der Frau von den "Fesseln der Natur". Er existiert in diesem Sinne übrigens erst seit 1980 im "Duden", dem offiziellen deutschen Wörterbuch. Das zeigt, wie jung diese Bewegung ist, aber mit welcher Wucht sie sich ausgebreitet hat und immer mehr ausbreitet.

Das Konzept ist revolutionär, die Ziele sind radikal. Der extreme Zweig des Feminismus intendiert eine völlige Änderung des Menschen und der herkömmlichen Gesellschaftsordnung. Daher ist er öfter sogar als Höhepunkt der neuzeitlichen Revolutionen bezeichnet worden. Marcuse, einer der bedeutendsten sozialistischen Philosophen, nannte den Feminismus daher mit Recht "die vielleicht wichtigste und potentiell radikalste Bewegung, die wir haben."[59]

Im deutschen Feminismus gilt die Journalistin Alice Schwarzer nach wie vor als eine herausragende Gestalt. Nach einem längeren Parisaufenthalt organisierte sie Anfang der siebziger Jahre zunächst einmal die Kampagne gegen den Paragraphen 218[60], brachte 1975 einen Bestseller auf den Markt[61] und profilierte sich schließlich als Herausgeberin der ersten und bisher am meisten verbreiteten feministischen Zeitschrift "Emma". Die in ihren Texten zu findende Mischung aus flottem Jargon, menschlicher Problemdarstellung und Enttabuisierung gesellschaftlicher Normenvorstellungen ist gewiß nicht neu, wird aber jetzt, ausschließlich auf Frauen angewandt, zum Politikum.

Alice Schwarzer geht es letztlich nicht um die Frage der theoretischen Gleichheit der Geschlechter, sondern darum, wie die Frau - wertvoller und liebenswerter als der Mann - von der unerträglichen männlichen Übermacht loskommen könne. Macht, meint Alice Schwarzer, bestimme allein das gegenwärtige Verhältnis von Männern und Frauen und könne nur durch Gegenmacht gebrochen werden.[62] Für sie ist der Mann der Feind, dem sie ein langes Sündenregister vorwirft. "Jeder Versuch einer Befreiung der Frau", fordert sie, "wird sich darum kollektiv und auch individuell direkt gegen männliche Privilegien richten müssen, das heißt, auch gegen den eigenen Mann."[63] Sie ruft die Frauen auf, ihre Macht zu dokumentieren und sich den Männern zu verweigern, - die "zum Dogma erhobene Heterosexualität"[64] zu verwerfen und sich der Bi- und Homosexualität zuzuwenden.

Dies hat - nebenbei bemerkt - auch zahlreiche Männer beeinflußt. Aus den Machos sind Softies geworden, so meldeten vor Jahren die Illustrierten. Diese können endlich ihre reiche Gefühlswelt zum Ausdruck bringen, ihre "Betroffenheiten" und Verletzungen eingestehen, Selbstanalysen tapfer bewältigen, sich zu Tränen rühren lassen, und sie sind immer bereit zu einem Gespräch - über eigene und fremde Empfindlichkeiten. Dabei halte ich es für eine gesunde Entwicklung, daß Männer wieder beginnen, Kinder zu wickeln und Kartoffeln zu schälen. Fragwürdig wird die Sache dann, wenn Herren das Bedürfnis haben, "Mister Germany" zu werden. Schon das stundenlange Strampeln in Fitness-Clubs scheint mir bedenklich. Warum leiden immer mehr Männer an Magersucht, Bulimie und Depressionen? Einige Mediziner sehen die Ursache hierfür in der Angst, den Anforderungen als attraktives "Lustobjekt" nicht gerecht zu werden.[65]

Heute herrscht ein Pluralismus von Werten im Frauenbild - und auch im Männerbild -, die sich zum Teil ergänzen, aber auch drastisch widersprechen. Die "moderne Unübersichtlichkeit" führt zu gewissen Unsicherheiten. Niemand kann mehr mit Klarheit sagen, wie die Frau ist und sein soll. Im Biedermeier war das alles so einfach, als die Frau eine süße, kleine Blume war!

Doch weil die Frau eben keine Blume, auch kein Engel und kein Püppchen ist, deshalb ist die Emanzipation grundsätzlich sehr zu begrüßen. Ich meine die Emanzipation von Vorurteilen und Klischees, von überholten Sitten und Gebräuchen, nicht jene von ethischen Werten und zwischenmenschlichen Bindungen, die Simone de Beauvoir propagierte. Emanzipation, in einem umfassenden Sinn, könnte als Reifungsprozeß verstanden werden. Sie führt zu Freiheit und Selbständigkeit, aber auch zu der Fähigkeit, Bindungen einzugehen, Freundschaft zu schließen.

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Insgesamt bietet uns die Bestandsaufnahme zwei Ergebnisse. Erstens sind Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen in der Menschheitsgeschichte immer wieder aufgetreten (und treten auch weiterhin auf). Es fällt nicht schwer, Fakten und Zitate zusammenzutragen, die beweisen, wie oft Frauen nicht gerecht, nicht ihrer Würde entsprechend behandelt wurden (und werden). Zweitens sind die Bestrebungen, diese Mißstände zu lösen, mit oft unterschiedlichsten Zielen verfolgt worden, wie an dem Gegensatz von gemäßigter Frauenbewegung und radikalem Feminismus zu sehen ist. Nun stellt sich erneut die Frage nach dem richtigen Verständnis von Mann und Frau und ihrem Verhältnis zueinander. Und es ist zu vermuten, daß der christliche Glaube viel hierzu sagen kann - gerade wenn man bedenkt, in welch hohem Maße Christus selbst die Frau aufgewertet hat.

5. Gleich in Verschiedenheit

Zunächst sind Mann und Frau natürlich in ihrem Menschsein gleich. Dies gilt als notwendige Voraussetzung für alles weitere Reden über die Geschlechter.

Im Schöpfungsbericht der Genesis heißt es unmißverständlich, daß Gott den Menschen - Mann und Frau - nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen hat.[66] Dies besagt: Beide Geschlechter sind gemeinsames Bild des Ursprungs; beider Würde ist in Gott begründet. Beide haben denselben Wesensgrund, sind vernunftbegabt und frei; beide haben die Gestaltung der Erde als gemeinsamen Auftrag erhalten, und beide besitzen eine letzte Unmittelbarkeit zu Gott allein. Sowohl der Mann als auch die Frau sind, christlich gesprochen, von Gott um ihrer selbst willen geliebt, und gerade darin besteht ihre Würde. Zumindest in unseren Breitengraden herrscht wohl heute Konsens darüber, daß der Doppelauftrag, über die Welt zu herrschen und fruchtbar zu sein, an beide gerichtet ist, - nicht der erste Teil an Adam, der zweite an Eva.

Ob im Haus oder in der Öffentlichkeit, überall kann sich die Frau entfalten; überall kann sie aber auch eng und gehemmt werden. So ist beispielsweise eine übertriebene Gewissenhaftigkeit in den Hausarbeiten nicht nur schädlich für die psychische Verfassung der Frau, sondern belastend für die ganze Familie. Nicht umsonst gibt es im Deutschen das Wort "Putzteufel". Damit bezeichnet man Frauen, die in ihrem blitzblanken, vor Ordnung erstarrten Haus keine einzige Ecke haben, in der die Kinder spielen dürfen. Eine bekannte Psychologin erzählte sogar einmal von einer Frau, die "fünf Stunden pro Tag am Hochglanz ihrer Küche putzte, den täglichen Abwasch und das Kochen aber in mühsamer Mehrbelastung im Keller erledigte, weil sie die Beschmutzung ihrer Küche einfach nicht ertragen konnte."[67] Diese Frau ist vielleicht deshalb krank geworden, weil sie unterfordert war oder nur wenig Sinn in ihrem Leben entdecken konnte. Sie wurde natürlich in psychotherapeutische Behandlung geschickt. Andererseits kann man aber auch nicht sagen, daß die berufstätigen Frauen unbedingt immer an jener "Humanisierung der Gesellschaft" beteiligt seien, die so dringend gefordert wird - und auch schon zu einem Schlagwort geworden ist.

Die Genesis betont übrigens nicht nur die Gleichheit der Geschlechter. Sie hebt auch hervor, daß Mann und Frau dazu bestimmt sind, füreinander dazusein. Bei der "Hilfe", von der in diesem Zusammenhang die Rede ist,[68] handelt es sich natürlich um eine gegenseitige: Der Mann ist eine Hilfe für die Frau, und diese ist eine Hilfe für den Mann. Beide können sich zu einem glücklichen Leben "verhelfen", in bestimmter Weise also ergänzen. Denn ihr Menschsein ist - bei völlig gleichem Rang und gleicher Würde - auf verschiedene Art ausgeprägt. Der Schöpfungsbericht bezeugt, daß die geschlechtliche Differenz von Anfang an existiert. Sie ist nicht unwesentlich oder nachträglich, nicht nur Ausdruck gesellschaftlicher Prägung, sondern stammt von der Absicht des Schöpfers selbst, von dem göttlichen Willen zum Mann und zur Frau. Die Geschlechtlichkeit ist folglich nicht eine bloße Bedingung, die auch fehlen könnte, und sie ist auch nicht irgendeine Wirklichkeit, die nur auf den leiblichen Bereich zu begrenzen wäre. Mann und Frau ergänzen sich in ihrer je spezifischen leiblich-seelisch-geistigen Natur. Beide besitzen Wertqualitäten, die ihnen eigen sind, und jeder ist dem anderen in seinem Bereich überlegen, was tatsächlich durch die psychologischen und medizinischen Forschungen immer wieder bestätigt wird.[69]

Ich kann in der Ergänzungsfähigkeit (und Ergänzungsbedürftigkeit) der Geschlechter durchaus nichts Diskriminierendes erblicken. Gleichheit zur Bedingung für Gerechtigkeit zu machen, wäre ein grober Irrtum. Der Hauptschüler ist nicht der schlechtere Gymnasiast, sondern der anders befähigte, aber gleichberechtigte Schüler. Die Frau ist nicht der schlechtere Mann; Unterschiede sind nicht mit einem Minus zu werten. Vielmehr müssen wir die Gleichrangigkeit des Unterschiedlichen entdecken. Der Sinn für Unterschiede ist nach dem Philosophen Jörg Splett sogar ein "Gradmesser für die Kultiviertheit des Menschen überhaupt". Splett erwähnt in diesem Zusammenhang "ein altes chinesisches Sprichwort, das sagt, die Weisheit beginne damit, dem anderen sein Anderssein zu vergeben."[70] Nicht ununterschiedene Harmonie, sondern eine gesunde Spannung zwischen den je anderen Polen macht das Leben interessant und reich.

Natürlich gibt es nicht "den" Mann oder "die" Frau; aber es gibt wohl doch einige Unterschiede in der Verteilung bestimmter Fähigkeiten. Es kann zwar kein einziges psychologisches oder geistiges Merkmal festgestellt werden, das ausschließlich einem Geschlecht zukommt; doch es gibt offensichtlich Eigenschaften, die besonders häufig und besonders ausgeprägt bei Männern auftreten, und andere, die besonders Frauen betreffen. Diese zu benennen, ist eine höchst schwierige Aufgabe. Ich habe mir manchmal die Frage gestellt, ob es überhaupt irgendwann möglich sein wird, mit wissenschaftlicher Genauigkeit zu sagen, was "typisch männlich" oder "typisch weiblich" ist; denn die beiden großen Formgeber, Natur und Kultur, sind aufs engste ineinander verwoben. Die Tatsache allerdings, daß Männer und Frauen auf verschiedene Art die Welt erleben, Aufgaben bewältigen, fühlen, planen und reagieren, ist für jeden Menschen wohl auch ohne Wissenschaft spürbar und erkennbar. Im folgenden möchte ich kurz einige Fakten zusammentragen, die in den entsprechenden Diskussionen immer wieder genannt werden.

Öfter wird darauf hingewiesen, daß Männer im allgemeinen zwar die physisch Stärkeren sind, Frauen aber mehr seelische Stärke, mehr innere Widerstandskraft besitzen. Sie sind psychisch oft belastbarer als ihre Ehemänner und Kollegen, können Streßsituationen besser aushalten und verfügen über mehr Flexibilität, sich an neue Situationen anzupassen.

Frauen denken, fühlen und planen im allgemeinen ganzheitlicher als Männer. Daher sind sie oft seelisch sicherer, beständiger; und daher vermögen sie, ihren Mitmenschen Halt zu geben. Nicht selten bewahren sie andere davor, zwischen Intellekt und Trieben zerrissen zu leben.

Manchmal scheint es, daß Männer aggressiver als Frauen seien. Doch das heißt sicher nicht, das weibliche Geschlecht sei lediglich sanft und süß. Die Formen der Aggressivität sind nur verschieden. Frauen streiten sich eher verbal, mit Getuschel und Gezänke, während Männer viel weniger vor physischen Auseinandersetzungen zurückschrecken. Doch auch dies ist in letzter Zeit im Wandel begriffen. Der feministisch getönte Zeitgeist gesteht den Geschlechtern die gleiche Art der Initiativen zu, und daß eine Frau gewalttätig wird, ist längst keine Ausnahme mehr. In Frankreich soll bereits ein "Interessenverband geprügelter Männer" gegründet worden sein. Und daß es unter den Terroristen zahlreiche Frauen gibt, ist auch bekannt.

Schließlich ist man sich weitgehend einig, daß es leichter ist, die Absichten eines Mannes als die einer Frau zu erfassen. Frauen neigen eher zur Kompliziertheit; ihr Verhalten kann höchst undurchsichtig sein. Deshalb hat man je nach Perspektive vom "Rätsel" oder auch vom "Mysterium der Frau" gesprochen.

6. Das Spezifische der Frau

Was bedeutet es nun, eine Frau oder ein Mann zu sein? Wodurch unterscheiden sich die Geschlechter? Der Hinweis auf einige oberflächliche Verhaltensweisen mag zu denken geben, kann aber durchaus nicht zufriedenstellen. Sucht man nach dem letzten Grund der Geschlechterdifferenz, dann kann es nur eine Antwort geben: Der Mann ist fähig zur Vaterschaft, die Frau ist fähig zur Mutterschaft. Dabei lassen sich die entsprechenden Begabungen nicht einfach nur auf den physischen Bereich beschränken. Sie sind im seelich-geistigen Bereich dem Menschen zur Entfaltung aufgegeben. So etwa haben zahlreiche Denker immer wieder auf die Notwendigkeit der "geistigen Mutterschaft" hingewiesen, womit sie der Frau Personennähe, Realitätsbezug, Einfühlungsvermögen, Gespür für die seelischen Bedürfnisse anderer Menschen und innere Stärke zuerkennen. Geistige Mutterschaft bezeichnet, vorsichtig formuliert, eine besondere Liebesfähigkeit der Frau, ein besonderes Talent, auch im turbulentesten Alltag den einzelnen Menschen zu sehen und anzusprechen. Wenn beispielsweise in einem Betrieb ein Mitarbeiter Kopfschmerzen hat, so ist es erstaunlich häufig auch heute eine Frau, die das als erste bemerkt und eine Tablette bringt. Das heißt wiederum nicht, daß Frauen in den Betrieben nur Kaffee kochen und Blumen gießen sollen, daß sie also die häusliche Tätigkeit nur einfach ins Büro zu verlagern haben. Frauen sind den objektiven Forderungen der Arbeit ebenso ausgesetzt wie die Männer. Nicht nur das Herz, auch der Verstand ist angesprochen, wenn von "Mütterlichkeit" die Rede ist. Natürliche Veranlagung und eine umfassende Bildung sind gefordert, die geistbegabte Frau ist gemeint, nicht jene Karikatur, die im Grunde nur sentimental ist und vor lauter Mitleid mit den anderen keine vernünftige Arbeit zustande bringt.

Häufig fällt es Frauen leichter, die Anonymität zu durchbrechen, innere Konflikte aufzuspüren, die Anliegen der anderen mitzutragen. Frauen neigen oft zu einem intuitiven, spontanen Handeln, das nicht einseitig auf Funktionalität und Effektivität ausgerichtet ist. Es fällt ihnen leicht, eine Umgebung zu schaffen, in der man sich wohlfühlen kann. Ist das nun angeboren oder anerzogen, natur- oder kulturbedingt? Das wissen wir nicht! Ich stimme mit dem Psychiater Torelló überein, daß wir im Moment nicht über das notwendige Instrumentarium verfügen, um kulturunabhängige Aussagen zur Geschlechterpsychologie machen zu können.[71] Wir sind uns im Gegenteil bewußt geworden, wie vielschichtig das Thema ist.

Doch wie dem auch sei, jedenfalls sehe ich keinen Grund, die Personennähe der Frau für negativ zu halten und deshalb auszurotten. Im Gegenteil, nicht nur Frauen, auch Männer sollten sich um diese Qualität bemühen. Es wäre wünschenswert, wenn niemand in einem hektischen Berufsalltag vergäße, daß die Menschen Vorrang vor den Sachen haben.

Bei alldem sollte man aber immer wieder neu bedenken, wie außerordentlich schwierig es ist, jene Haltungen zu benennen, die eher für Frauen oder eher für Männer typisch sind. Sie ändern sich (zumindest weitestgehend) in den verschiedenen Epochen und Kulturen. In der bürgerlichen Mittelschicht des 19. Jahrhunderts war man der Meinung, daß Körperkraft, intellektuelle Schärfe und logisches Denken nicht schicklich für die Frauen seien, wie wir gesehen haben. In der vorindustriellen Zeit dachte man begreiflicherweise etwas anders darüber. Wenn man heute bestimmte Verhaltensweisen von einem Geschlecht besonders fordert, kann man vielen konkreten Frauen und Männern unrecht tun, die sich von ihrer natürlichen Ausstattung her mehr zu anderen hingezogen fühlen. Warum beispielsweise sollte eine bestimmte Frau Geschick in der Feinmotorik zeigen, nur weil die meisten Frauen dies tun? Oder wie könnte eine Frau, die in ihrer Kindheit schwere, noch nicht geheilte seelische Verletzungen erlebt hat, belastbarer sein als ihr gesunder Ehemann?

Außer dem Geschlecht gibt es zweifellos noch viele andere Faktoren, die für unsere Persönlichkeitsstruktur verantwortlich sind. Daher ist es eine wichtige Aufgabe für jeden, die eigene Individualität zu entdecken. Denn jeder Mensch hat seine eigene, unwiederholbare Art und Weise, Mann oder Frau zu sein. Eine Frau unterscheidet sich ja nicht nur von einem Mann, sondern auch von jeder anderen Frau (wie natürlich auch ein Mann von jedem anderen Mann).

Ich denke, es geht nicht darum, daß die Männer "männlicher" und die Frauen "weiblicher" werden (und auch nicht um das Gegenteil), sondern daß beide "personaler" leben. "Personaler", das heißt originaler, selbständiger, nicht ständig bedacht auf das, was "man" tut, was "alle" denken, sondern immer mehr bereit, in Freiheit die Verantwortung für das eigene Denken und Fühlen, Urteilen und Handeln zu übernehmen.

7. Schlußbemerkung

Aus dem Gesagten ergibt sich zweierlei für die "Frauenfrage":

1. Gleicher Rang und Ebenbürtigkeit der Geschlechter sind unbedingt zu verteidigen. Jeder, dem die Gerechtigkeit in der Welt ein Anliegen ist, muß sich klar und eindeutig auf die Seite derjenigen stellen, die sich für die legitimen Rechte der Frauen einsetzen: für eine adäquate Ausbildung, für politische und soziale Gleichberechtigung, für Arbeit unter menschenwürdigen Bedingungen. Dies ist zwar in der westlichen Welt weitgehend erreicht, aber in den Ländern der dritten Welt noch lange nicht. Und auch da, wo die Frau offiziell gleichberechtigt ist, bleibt noch viel zu tun, um Stereotype und Vorurteile auszurotten - und um die Gleichstellung de facto zu erringen. Darum, wie gesagt, bemüht sich der sog. "freiheitliche" oder auch der "christliche" Feminismus, der - von seiner Grundidee her - eine Aktualisierung der früheren Frauenrechtsbewegung ist.

2. Bei aller Befürwortung und Unterstützung der Frauenrechtsbewegungen ist dem radikalen Feminismus dagegen eine Absage zu erteilen. Auch wenn er vorgibt, die Frau zu fördern, so zerstört er sie in Wahrheit zutiefst. Denn Einheit und Gleichwertigkeit von Mann und Frau heben die Verschiedenheit nicht auf. Natürlich sind die weiblichen (wie die männlichen) Eigenschaften bis zu einem gewissen Grad wandelbar, können aber nicht vollends übergangen werden. "Es gibt da einen Rest von Determiniertheit..., der sich nicht mehr ohne Krampf und Selbstverleugnung aufheben läßt."[72] Weder eine Frau noch ein Mann kann gegen die eigene Natur angehen, ohne unglücklich zu werden. Der radikale Feminismus gibt daher, so denke ich, eine falsche Antwort auf erlittenes Unrecht; statt die Kränkungen und Verwundungen zu heilen, scheint er diese viel eher noch zu vertiefen.

Nun ist eine letzte Klarstellung erforderlich: Ich habe Frauenrechtsbewegungen und Feminismus aus Gründen der Übersicht getrennt, um deutlich zu machen, daß sie in einem jeweils verschiedenen Welt- und Menschenbild gründen: Frauenrechtliche Forderungen sind mit einem christlichen Selbstverständnis vereinbar; mehr noch, sie sind vom Christentum her zu legitimieren. Denn als Gott den Menschen als Mann und Frau schuf, gab er beiden dieselbe Freiheit und dieselbe Würde, und er bestimmte beide gemeinsam dazu, über die sichtbare Natur zu herrschen. Leider kam es zum Bruch zwischen Mensch und Gott, als Folge auch zu Störungen in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Die dann anzutreffende Unterdrückung der Frau zeigt eine falsche Entwicklung in der Gesellschaft, die unbedingt zu korrigieren ist. Sie muß mit allen Kräften bekämpft werden. Radikalfeministische Forderungen dagegen betrachten den Menschen nicht als Werk Gottes, eher als Zufallsprodukt oder Selbstentwurf. Sie gründen im atheistischen Existentialismus, den Simone de Beauvoir auf das weibliche Dasein übertragen hat, und sind vor allem von marxistischen und neomarxistischen Gruppen auf der ganzen Welt propagiert worden. Der Mensch, so wird von diesen Gruppen betont, sieht sich in bestimmte soziokulturelle und ökonomische Gegebenheiten gestellt, wenn er ins Leben tritt; er kann (und muß) Stellung dazu beziehen, sein Ich im Rahmen der ihn umgrenzenden Möglichkeiten entfalten und sich schließlich zu dem machen, was er will. Dabei ist er niemandem verpflichtet als sich selbst. Er kennt keinen Schöpfergott, keinen transzendenten Sinn, kein Fortleben nach dem Tod. Das Dasein auf dieser Erde kann aus dieser Perspektive natürlich nicht heiter-gelassen angenommen werden. Es wird zum zwanghaften und schließlich verzweifelten Versuch, sich durchzusetzen, zu behaupten - zu "verwirklichen". Dabei ist selbstverständlich "alles erlaubt", was der Realisierung eigener Pläne und Ideen, was der Befriedigung unmittelbarer Bedürfnisse dient - wer sollte es denn verbieten?

Das Schwierige ist nun, daß man diese beiden kurz dargestellten Richtungen, die im Grunde entgegengesetzt sind, fast überall gemeinsam antrifft. Schon in der Frauenrechtsbewegung waren radikal-feministisch eingestellte Frauen. Und auch heute gibt es zahlreiche Frauen, die überall in der Welt für eine gerechte Anerkennung ihrer Würde eintreten, die für Gleichberechtigung in allen gesellschaftlichen Bereichen verdienstvoll kämpfen, ohne sich radikal-feministischer Parolen zu bedienen. Doch in fast jeder Debatte, in fast jedem Thesenpapier oder Programm mischen sich die so notwendigen Forderungen nach Menschenrechten für die Frau mit radikalfeministischen Gedanken. Unterschiedliche, selbst gegensätzliche Ansprüche gehen quer durch so manches menschliche Herz, quer durch Gruppierungen und Parteien hindurch. In jedem einzelnen Fall wird daher klar zu unterscheiden sein, was an den Forderungen legitim und was aus einer christlichen Weltsicht heraus nicht zu verantworten ist.

Bei alldem denke ich übrigens nicht, daß das eigentliche Problem unserer Zeit in der Befreiung der Frau oder des Mannes, der Geschlechter zueinander oder voneinander weg besteht. Wenn wir uns zu sehr mit diesen Themen befassen, meine ich, dann laufen wir in die falsche Richtung. Ein zu intensives Grübeln über die eigene Selbstverwirklichung führt genau zum Gegenteil von dem, was man möchte: Es führt in Krampf und Egozentrik. Die vielfach angebotenen Therapien scheinen mir die Krankheit selbst zu sein. C.S. Lewis charakterisiert die Situation sehr gut, wenn er schreibt: "Das Spiel besteht darin, alle mit Feuerlöschern umherjagen zu lassen, wenn in Wirklichkeit eine Überschwemmung hereinbricht, oder alle auf jene Seite des Schiffes drängen zu lassen, die schon Dollbord unter Wasser ist."[73]

Das eigentliche Problem unserer Zeit liegt meines Erachtens nicht in der Emanzipation, sondern in der Identität. Ich meine jetzt nicht die Identität der Geschlechter, sondern denke, wir müssen eine Ebene tiefer gehen: Die Identität des Menschen selbst ist vielen völlig unklar, und deshalb herrscht so viel innere Zerrissenheit, Resignation und oberflächlicher Aktivismus. Wer bin ich? Wer ist der Mensch? Woher komme ich und wohin gehe ich? Welches ist der Sinn meines Daseins? Warum lebe ich überhaupt? Wenn eine Frau diese Fragen einigermaßen klar beantworten kann, dann wird sie ruhig, und ihr Verhalten gewinnt eine natürliche Sicherheit. Sie löst sich von unnötigen Abhängigkeiten, entdeckt ihre eigenen Begabungen und ist bereit, ihre Talente in den Dienst der anderen zu stellen. Eine wirklich emanzipierte Frau ist sich ihrer persönlichen Eigenständigkeit ebenso bewußt, wie sie die der anderen problemlos akzeptiert. Sie leidet nicht an der "Sucht, gebraucht zu werden", schwankt nicht hin und her zwischen Bewunderung und Bevormundung der anderen, hat weite Horizonte (sieht also nicht nur die eigenen vier Wände). Sie hat andererseits aber auch nichts dagegen, sich für das Glück ihrer Familie (oder anderer Menschen) zu verausgaben. Kurz gesagt, sie findet neue Wege, auf denen Selbstbewußtsein und Selbstlosigkeit gleichermaßen gelingen. Doch das zu erläutern, führt hier zu weit. Es gehört wohl auch eher in die persönliche Besinnung.


Jutta Burggraf

[1] Gotthold Ephraim Lessing: Emilia Galotti, 4.Aufzug, 3. Auftritt.
[2] Aristoteles: Politik I, II.
[3] Vgl. Tacitus: Germania, XVIII und XIX.
[4] Vgl. Sarah B. Pomeroy: Frauenleben im klassischen Altertum, Stuttgart 1985.
[5] Vgl. Euripides, Iphigenia Aul. 1406 (1373), Hyppolytos 612 ff.
[6] Vgl. Ovid, Amores I,8,43; III,4,37.
[7] Peter Ketter: Christus und die Frauen, Bd. I, 4. Aufl. Stuttgart 1948, S. 4 f.
[8] Vgl. Georg Siegmund: Die Stellung der Frau in der Welt von heute, Stein am Rhein 1981, S. 54.
[9] Joh 4,27.
[10] Vgl. Joh 4,7-26.
[11] Martin Luther: Werke, Weimarer Ausgabe Bd. I, Tischreden, S. 288.
[12] Vgl. ders., Weimarer Ausgabe Bd. XI, Briefe, 28.07.1545.
[13] Vgl. Hedwig Dohm: Emanzipation, Zürich 1977, S. 31.
[14] Fénelon: De l'éducation des filles, Kap.10.
[15] Ebd., Kap.7.
[16] Jean-Jacques Rousseau: Emile ou de l'éducation, 1762. - Deutsch: Emile oder über die Erziehung, Paderborn 1971, S.81.
[17] Johann Gottfried Herder an Caroline Flachsland, Straßburg, den 20.9.1770.
[18] Encyclopédie 1756, zitiert bei Friederike J. Hassauer-Roos: "Das Weib und die Idee der Menschheit, in: Annette Kuhn, Jörn Rüsen (Hrsg.): Frauen in der Geschichte III, Düsseldorf 1983, S. 468.
[19] Encyclopédie 1765, ebd., S. 256.
[20] Olympe Marie de Gouges: Deklaration der Frauenrechte, zitiert bei Hannelore Schröder (Hrsg.): Die Frau ist frei geboren. Texte zur Frauenemanzipation, Bd. I, München 1979, S. 38.
[21] Olympe de Gouges wurde offiziell nach Artikel I des Gesetzes vom 29.3.1792 umgebracht: "Wer auch immer Schriften verfaßt oder gedruckt hat, die auf die Zersetzung der Volksvertretung, auf die Wiederherstellung des Königtums oder irgendeiner anderen Macht abzielen, die gegen die Souveränität des Volkes gerichtet ist, sei mit dem Tode bestraft." Zeitgenössische Kommentare machen deutlich, daß man die Verurteilung in weiten Kreisen als einen Willkürakt Robespierres betrachtete, der die Emanzipationsbewegung der Frauen zu unterdrücken strebte. Vgl. Olympe de Gouges: Oeuvres. Présentées par Benoíte Groult, Paris 1986, S.56 ff.
[22] Vgl. Mary Wollstonecraft: A Vindication of the Rights of Woman, London 1792. - Deutsch: Eine Verteidigung der Rechte der Frau, Dresden-Leipzig 1899; Neuaufl. Zürich 1978, Bd.I, S.101-113.
[23] Vgl. Mary Wollstonecraft: Eine Verteidigung der Rechte der Frau, a.a.O., Bd.I, S.101-113.
[24] Ich beziehe mich auf eine Ausstellung, die 1996 in Münster/Westf. eröffnet wurde und bezeichnenderweise den Titel trug: "Als die Frauen noch sanft und engelgleich waren". Diese Ausstellung war unterhaltend, aber auch tendenziös. Ein Phänomen, das es tatsächlich gegeben hat - Minderbewertung der Frau - wurde aus dem Gesamt herausgelöst, verallgemeinert und übertrieben. Man sollte sich aber nicht über die Verallgemeinerungen aufregen, sondern den wahren Kern betrachten, der darinsteckt.
[25] Vgl. Als die Frauen noch sanft und engelgleich waren, hrsg. von Hildegard Westhoff-Krummacher, Münster 1996, S.14.
[26] Vgl. ebd., S.15.
[27] Ernst Moritz Arndt: Fragmente über Menschenbildung, (1805), hrsg. von Friedrich Mann, Langensalza 1904, S.187.
[28] J.H. Campe: Väterlicher Rat für meine Tochter, Braunschweig 1788; Reprint Paderborn 1988, S.196.
[29] Ernst Moritz Arndt: Fragmente über Menschenbildung, a.a.O., S.195-197.
[30] Vgl. Adolf Freiherr von Knigge: Briefe über Erziehung, Frankfurt 1784.
[31] Mary Wollstonecraft: Eine Verteidigung der Rechte der Frau, a.a.O., Bd.I, S.161; Bd.II, S.29.
[32] Caroline Schlegel, zitiert bei Barbara Beuys: Familienleben in Deutschland. Neue Bilder aus der deutschen Vergangenheit, Reinbek 1980, S.340.
[33] Damen-Conversationslexikon (10 Bände 1834-1836), gekürzter Nachdruck Berlin 1987, S.163.
[34] Wilhelm Heinrich Riehl: Die Familie, Stuttgart 1855, S.86.
[35] Ich beziehe mich wiederum besonders auf die erwähnte Ausstellung in Münster 1996.
[36] Mary Wollstonecraft: Verteidigung der Rechte der Frauen, a.a.O., Bd.I, S.239.
[37] Friedrich Schleiermacher in Selbstzeugnissen und Bilddokumenten, dargestellt von F.W. Kantzenbach, 2.Aufl. 1974, S.72.
[38] Vgl. C. Helm: Backfischchens Leiden und Freuden, Leipzig 1872.
[39] Amalie Holst: Über die Bestimmung des Weibes zur höheren Geistesbildung, Hamburg 1802.
[40] Auf die Situation der Frauen aus den unteren Schichten der Gesellschaft kann ich im Rahmen dieser Arbeit nicht eingehen. Pestalozzi zeigte in seiner Schrift "Gesetzgebung und Kindermord" viel Verständnis für sie. So erhob der bekannte Pädagoge beispielsweise Einspruch dagegen, daß arme Frauen gelyncht wurden, die ihre Kinder nach der Geburt töteten. Er wies darauf hin, daß auch den beteiligten Männern Strafe gebühre.
[41] Friedrich Nietzsche: Werke, Darmstadt 1963, Bd. II, S. 1105.
[42] Ders.: Also sprach Zarathustra, in: Gesamtausgabe VI, Leipzig 1907, S. 97.
[43] Ders.: Jenseits von Gut und Böse, Nr. 238, in: Gesamtausgabe VII, Leipzig 1905, S. 196.
[44] Ebd., Nr. 239, S. 198.
[45] Worte Nietzsches in: Würzbach, F. (Hrsg.): Das Vermächtnis Friedrich Nietzsches, Salzburg-Leipzig 1940, S. 598.
[46] Friedrich Nietzsche: Menschliches. Allzumenschliches, 1. Bd., Nr. 416, in: Gesamtausgabe II, Leipzig 1903, S. 311.
[47] Vgl. Virginia Wolf: A room of one's own.
[48] Vgl. Christa Bürger; Birgit Diefenbach (Hrsg.): Bettina von Arnim. Ein Lesebuch, Stuttgart 1987, Brief an Caroline von Günderode, S.137 f.
[49] Vgl. Listen der Ohnmacht. Zur Sozialgeschichte weiblicher Widerstandsformen, Frankfurt/M. 1981.
[50] Vgl. Oscar Stillich: Die Lage der weiblichen Dienstboten in Berlin, Berlin 1902.
[51] Theodor Gottlieb von Hippel: Über die bürgerliche Verbesserung des Weibes, 1792, in: Hannelore Schröder (Hrsg.): Die Frau ist frei geboren, München 1979, S. 38.
[52] Vgl. Hedwig Dohm: Emanzipation, a.a.O., S. 42.
[53] Ebd., S. 60.
[54] Vgl. Elisabeth Desai: Kinder? Höchstens 1! Hamburg 1985, S. 20.
[55] Simone de Beauvoir: Interview von Alice Schwarzer, in: Der Spiegel 15 (1976), S. 195; vgl. auch Simone de Beauvoir: "Alles in allem, Reinbek 1974, S. 450.
[56] Vgl. dies. in ihrem Hauptwerk: Le Deuxième Sexe, Paris 1949; deutsch: Das andere Geschlecht, Hamburg 1951, S. 409 ff.
[57] Vgl. dies.: Das andere Geschlecht, S. 697.
[58] Anke Martiny: Poesie-Album, in: Informationen für die Frau, 37 (1988) Nr.9, S. 13.
[59] Herbert Marcuse: Marxismus und Feminismus, in: Jahrbuch Politik 6 (1974), S. 86.
[60] Vgl. Alice Schwarzer: Frauen gegen den § 218, 2.Aufl., Frankfurt a.M. 1971.
[61] Alice Schwarzer: Der kleine Unterschied und seine großen Folgen, Frankfurt a.M. 1975.
[62] Ebd., S.206 f.
[63] Ebd., S.208 f.
[64] Ebd., S.200.
[65] Vgl. den Artikel von Siegfried Helm: Leiden unter dem Status des Lustobjekts, in: Die Welt, 23.3.1996.
[66] Vgl. Gn 1,27.
[67] Christa Mewes: Was unsere Liebe vermag, Freiburg-Basel-Wien 1982, S.286.
[68] Vgl. Gn 2, 18-25.
[69] Vgl. etwa Beatrice Flad-Schnorrenberg: Der wahre Unterschied, Freiburg 1978; Ferdinand Merz: Geschlechtsunterschiede und ihre Entwicklung, Lehrbuch der differentiellen Psychologie, Bd. III, Göttingen 1979.
[70] Jörg Splett: Der Mensch. Mann und Frau, Frankfurt 1980, S.18.
[71] Vgl. Johannes B. Torelló: Wer ist wer in der Familie? Wien 1995, S.56 f.
[72] Barbara Sichtermann: Wer ist wie? Berlin 1987, S. 27.
[73] C.S. Lewis: Dienstanweisung für einen Unterteufel, 23. Aufl. Freiburg 1983, S.109.

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18.3.07

Von der Kunst der Verzeihens


Wenn jemand uns in einem vollen Autobus auf den Fuß tritt und uns liebenswürdig um Verzeihung bittet, fällt es uns normalerweise nicht sehr schwer, dem Übeltäter zuzulächeln, auch wenn uns die Zehen schmerzen. Wir wissen, dass der andere uns nicht absichtlich wehtun wollte; er hat einfach nicht aufgepasst oder ist der Schwerkraft zum Opfer gefallen. Jedenfalls ist er für seine Tat nicht verantwortlich. Daher fehlt ein wesentlicher Grund, um im echten Sinne des Wortes verzeihen zu können. Der Akt des Verzeihens bezieht sich auf ein Übel, das ein anderer uns (mehr oder weniger) absichtlich zugefügt hat.[1]

EINE VORBEMERKUNG

Wenn wir vom wirklichen Verzeihen sprechen, bewegen wir uns auf einer sehr tiefen Ebene. Wir betrachten keinen Fuß, auf den jemand aus Leichtsinn getreten hat, sondern eine Wunde im menschlichen Herzen.

Wir alle erleiden ab und zu Ungerechtigkeiten und Demütigungen; einige müssen täglich Qualen ertragen, nicht nur, wenn sie unschuldig im Gefängnis sind, sondern auch am Arbeitsplatz oder im familiären Umfeld. Keiner kann uns so verletzen wie diejenigen, die wir lieben. „Der einzige Schmerz, der mehr zerstört als der Stahl, ist die Feindseligkeit, die von unseren Nächsten stammt“, sagen die Araber.

Wie reagieren wir auf einen Schmerz, den uns jemand mit Absicht zugefügt hat? Es gibt mehrere Möglichkeiten: Wir können zurückschlagen oder schlecht über diejenigen sprechen, die über uns schlecht gesprochen haben. Aber dieses Verhalten ist wie ein Bumerang: Es prallt auf uns selbst zurück, und wir sind die ersten, die dadurch verletzt werden. Es ist schade, wenn wir unsere Energien im Ärger, im Argwohn, in der Rachsucht oder Verzweiflung verschwenden; und vielleicht ist es noch trauriger, wenn jemand sich innerlich abschirmt und verhärtet, um nicht noch mehr leiden zu müssen. Nur im Verzeihen keimt neues Leben auf.

Das Verzeihen besteht darin, auf die Rache zu verzichten und trotz allem das Beste für den anderen zu wünschen. Die christliche Tradition zeigt uns eindrucksvolle Lebenszeugnisse dieser Haltung. Wir kennen nicht nur das Beispiel des heiligen Stefan, des ersten Märtyrers, der für diejenigen betete, die ihn steinigten. Auch heute geschehen diese Wunder der Gnade. Im Jahr 1994, zum Beispiel, wurde ein Trappist namens Christian in Argelien zusammen mit einigen seiner Mitbrüder in seinem Kloster getötet, das in einer vom Krieg gefährdeten Gegend lag. Christian hinterließ einen Abschiedsbrief an seine Familie. Es ist sein „geistliches Testament“, und es wurde nach seinem Tod veröffentlicht. In diesem Testament dankt Christian allen, die ihm im Leben begegnet sind, und er sagt wörtlich: „In diesen Dank seid ihr alle eingeschlossen, ihr alle meine Freunde von gestern und von heute... Und auch dir, meinem Freund der letzten Stunde, gilt mein Dank. Ja, auch du, der du nicht wusstest, was du tatest, bist in meine Danksagung eingeschlossen. Ich sehe dich genau vor mir und sage dir ‚danke‘ und ‚bis bald‘, denn ich hoffe, dass wir uns – glücklich wie der Schächer am Kreuz – einst im Himmel wieder sehen.“[2]

Jetzt können wir denken, dass es sich hier um Grenzsituationen handelt, die einigen Helden vorbehalten sind. Wir können denken, dass es sich um Ideale handelt, die man bewundern, aber nicht nachahmen kann, und die fast nichts mit unseren persönlichen Erlebnissen zu tun haben. Kann eine Mutter jemals dem Mörder ihres Kindes verzeihen? Können wir jemandem verzeihen, der uns vor anderen vollkommen lächerlich gemacht hat, der uns die Freiheit oder die Würde genommen, uns belogen und betrogen oder etwas zerstört hat, das für uns sehr kostbar war? Dies sind einige der Lebenssituationen, in denen es angebracht ist, sich mit der Frage des Verzeihens zu beschäftigen.


I. Was bedeutet „Verzeihen“?

Was heißt „Verzeihen“? Was bedeutet es, wenn ich jemandem sage: „Ich verzeihe dir“? Es ist – um es zu wiederholen - offensichtlich, dass ich auf ein Übel reagiere, das mir jemand zugefügt hat; ich handele außerdem in Freiheit; ich vergesse nicht einfach die Ungerechtigkeit, sondern verzichte auf die Rache und wünsche trotz allem das Beste für den anderen. Im Folgenden werden wir diese verschiedenen Elemente einmal aufmerksamer betrachten.

1. Auf ein Übel reagieren

Um verzeihen zu können, muss mir ein Übel zugefügt worden sein, das heißt etwas, das negativ in mein Leben einwirkt. Wenn mir ein Chirurg einen Arm abnimmt, der gefährlich entzündet ist, kann ich heftigen Schmerz empfinden; ich kann sogar Zorn gegenüber dem Arzt verspüren. Aber ich kann ihm nichts verzeihen, weil er mir eigentlich etwas Gutes getan hat: Er hat mir das Leben gerettet. Ähnliches kann in der Erziehung vorkommen. Nicht alles, was einem Kind schlecht erscheint, ist tatsächlich schädlich für das Kind. Gute Eltern geben ihren Kindern nicht alles, worauf diese gerade Lust und Laune haben; sie formen sie in innerer Stärke. Eine Lehrerin sagte mir einmal: „Es ist mir egal, was meine Schüler heute von mir denken. Das Wichtige ist, was sie in zwanzig Jahren von mir denken.“ Das Verzeihen hat nur Sinn, wenn jemand tatsächlich durch einen anderen einen Schaden erlitten hat.

Andererseits besteht das Verzeihen keineswegs darin, diese Verletzung nicht sehen zu wollen, sie zu vertuschen oder einfach zu übergehen. Einige stören sich nicht an Beleidigungen durch ihre Arbeitskollegen oder ihren Ehepartner, weil sie sich irgendwann vorgenommen haben, jedem Konflikt auszuweichen; sie wollen Frieden um jeden Preis und machen sich vor, ständig in einer harmonischen Umgebung leben zu können. Es scheint, als ob ihnen alles gleichgültig sei. Es ist ihnen „egal“, wenn die anderen ihnen nicht die Wahrheit sagen; es ist ihnen „egal“, wenn man sie als reine Objekte benutzt, um egoistische Ziele zu erreichen; auch Betrug oder Ehebruch sind „egal“. Dieses Verhalten ist gefährlich, weil es zu einer vollständigen Wertblindheit führen kann. Die Entrüstung und auch der Zorn sind natürliche Reaktionen und sogar in bestimmten Situationen notwendig. Wer verzeiht, verschließt nicht die Augen vor dem Übel. Er leugnet nicht, dass eine (objektive) Ungerechtigkeit existiert. Würde er es leugnen, hätte er nichts zu verzeihen.

Wenn jemand daran gewöhnt ist, alles schweigend zu verdrängen, kann er vielleicht eine zeitlang einen scheinbaren Frieden genießen, wird aber schließlich einen hohen Preis für ihn zahlen, da er auf die Freiheit verzichtet, er selbst zu sein. Er versteckt und begräbt seine Frustrationen in den Tiefen seines Herzens, hinter einer dicken Wand, die er aufbaut, um sich zu schützen. Und oft ist er sich nicht einmal seiner fehlenden Authentizität bewusst. Es ist normal, dass eine Ungerechtigkeit uns schmerzt und eine Wunde hinterlässt. Wenn wir sie nicht sehen wollen, kann sie nicht geheilt werden. Dann flüchten wir ständig vor unserer eigenen „Innenwelt“ (das heißt, vor uns selbst); und der Schmerz zernagt uns langsam und unabänderlich. Einige machen eine Weltreise, andere ziehen in eine fremde Stadt. Aber niemand kann vor dem Leid flüchten. Jeder geleugnete seelische Schmerz kommt durch die Hintertür zurück, verweilt lange Zeit wie eine traumatische Erfahrung im Unbewussten und kann Ursache für dauerhafte Wunden sein. Ein versteckter Schmerz kann in bestimmten Fällen dazu führen, dass jemand schlecht gelaunt, ängstlich, nervös oder gefühllos wird; oder dass jemand nicht mehr freundschaftsfähig ist. Ohne dass man es beabsichtigt, sind früher oder später die Erinnerungen auf einmal wieder da. Und dann werden sich viele bewusst, dass es wohl besser wäre, sich der schmerzhaften Erfahrung zu stellen. Ein Leid bewusst anzunehmen und aufzuarbeiten, ist einer der Schlüssel, um den inneren Frieden zu erreichen.

2. In Freiheit handeln

Verzeihen ist ein freier Akt. Es ist die einzige Reaktion, bei der man nicht nur re-agiert - nach dem bekannten Prinzip „Auge um Auge, Zahn um Zahn.“[3] Der Hass provoziert Gewalt, und die Gewalt bewirkt meist neuen Hass. Wenn ich verzeihe, setze ich diesem Teufelskreis ein Ende. Ich verhindere, dass die Kettenreaktion ihren Lauf nimmt. In diesem Moment befreie ich den anderen, der dann nicht mehr in dem begonnenen Prozess verhaftet ist. Aber an erster Stelle befreie ich mich selbst, denn ich bin bereit, mich von Ärger und Groll zu lösen. Ich reagiere nicht reflexhaft, sondern setze einen neuen Anfang, auch in mir.

Es ist eine sehr wichtige Aufgabe, die Beleidigungen zu überwinden, weil der Hass und die Rache das Leben vergiften. Der Philosoph Max Scheler sagt, dass jemand, der Groll hegt, sich selbst vergiftet[4]: Der andere hat ihn verletzt; von dieser Erfahrung bewegt er sich nicht weiter; er schließt sich in seiner Erinnerung ein, ist wie besessen davon und kapselt sich von den anderen ab. So bleibt er in der Vergangenheit gefangen. Er nährt seinen Groll damit, dass er dasselbe Ereignis in sich ständig zurückruft. Auf diese Weise bleibt er immer auf demselben Fleck und ruiniert sein Leben.

Der Groll bewirkt, dass sich die Wunden in unserem Inneren ausweiten. Auf diese Weise übt er einen verheerenden Einfluss aus. Er schafft ein allgemeines Unwohlsein, eine nicht recht zu definierende generelle Unzufriedenheit. Man fühlt sich folglich nicht wohl in seiner Haut. Aber wenn man sich „bei sich selbst“ nicht wohl fühlt, dann fühlt man sich an keinem Ort wohl. Die traumatischen Erinnerungen können immer wieder Zorn und Traurigkeit entfachen, sie können uns zermürben und zu Depressionen führen. Ein chinesisches Sprichwort sagt: „Wer Rache sucht, muss zwei Gräber graben.“

In ihrem Buch Meine erste weiße Freundin beschreibt eine dunkelhäutige nordamerikanische Journalistin, wie die Unterdrückung, die die Afrikaner in den Vereinigten Staaten erleiden mussten, sie in ihrer Jugend zum Hass gegenüber den Weißen geführt hat, „weil sie gelyncht und gelogen, uns gefangen genommen, vergiftet und erschossen haben.“ Die Autorin gesteht, dass sie nach einiger Zeit zu der Erkenntnis gelangt sei, dass ihr Hass, so verständlich er auch war, ihre Identität und Würde zu zerstören begann. Er blendete sie zum Beispiel so sehr, dass sie die freundschaftlichen Gesten, die ein weißes Mädchen ihr in der Schule zeigte, nicht wahrnahm. Nach und nach entdeckte sie, dass sie - statt auf die Bitte der Weißen um Verzeihung zu warten -, an erster Stelle selbst um Verzeihung bitten musste für den Hass im eigenen Herzen und auch für ihre Weigerung, einen Weißen als einen Einzelmenschen zu betrachten und nicht als ein Mitglied einer Rasse von Unterdrückern. Sie entdeckte den Feind in ihrem eigenen Innern; er bestand in ihren Vorurteilen und in ihrem Groll, der sie daran hinderte, glücklich zu sein.[5]

Die nicht verheilten Wunden können unsere Freiheit in großem Maße beeinträchtigen. Sie können die Quelle für völlig unverhältnismäßige und gewalttätige Reaktionen sein, die uns selbst überraschen. Ein verletzter Mensch verletzt oft auch andere. Und wie so oft versteckt er sein Herz hinter einem Panzer und kann hart, unzugänglich und abweisend scheinen. In Wahrheit ist er oft ganz anders. Er will sich nur verteidigen. Er scheint hart zu sein, dabei ist er unsicher; er ist gequält und aufgewühlt durch schlechte Erfahrungen.

Wir müssen unsere Wunden ausfindig machen, um sie säubern und heilen zu können. Das eigene Innere in Ordnung zu bringen, kann ein Schritt sein, um das Verzeihen möglich zu machen. Jedoch ist dieser Schritt sehr schwierig, und gelegentlich schaffen wir es nicht, ihn zu vollziehen. Wir können auf die Rache verzichten, aber nicht auf den Schmerz. Hier wird deutlich, dass das Verzeihen kein Gefühl ist, auch wenn es sehr eng an emotionale Erlebnisse gebunden ist.[6] Es ist ein Willensakt, der sich nicht auf unsere psychische Befindlichkeit reduzieren lässt. Man kann sogar weinend verzeihen.

Wenn ich den Vergebungsakt frei vollzogen habe, verliert das Leid gewöhnlich seine Bitterkeit, und es kann vorkommen, dass es mit der Zeit verschwindet. „Die Wunden verwandeln sich in Perlen“, sagt die heilige Hildegard von Bingen.

3. Sich an das Vergangene erinnern

Es ist ein natürliches Gesetz, dass die Zeit Wunden heilt. Sie schließt sie nicht wirklich, aber sie lässt sie vergessen. Einige sprechen von dem „Verfallsdatum unserer Emotionen“.[7] Einmal wird der Moment kommen, in dem ein Mensch nicht mehr weinen kann und sich auch nicht mehr verletzt fühlt. Das ist aber kein Zeichen dafür, dass er seinem Angreifer verziehen hat, sondern dass er eine gewisse Lebenslust verspürt. Ein seelischer Zustand – sei er auch noch so intensiv – wandelt sich gewöhnlich mit der Zeit. Ihm folgt ein langsamer Prozess des Loslassens, denn das Leben geht weiter. Wir können nicht immer dort verbleiben – der Vergangenheit verhaftet – und den erlittenen Schmerz in uns verewigen. Wenn wir in einem Schmerz verharren, blockieren wir unsere Entwicklung.

Schlechte Erinnerungen können Frustrationen regelrecht züchten. Die Fähigkeit, sich loszulösen und zu vergessen, ist demzufolge sehr wichtig für uns, ist aber noch nicht der Akt des Verzeihens selbst. Dieser besteht nicht einfach aus „Löschen und Neubeginn.“ Er verlangt, die Ungerechtigkeit klar zu sehen. Nur die Wahrheit macht frei! Die Untat muss als solche anerkannt und wenn möglich wieder gut gemacht werden.

Es ist notwendig, „das Gedächtnis zu reinigen“. Eine gesunde Erinnerung kann sich in eine Meisterin des Lebens verwandeln. Wenn ich mit meiner Vergangenheit in Frieden lebe, kann ich viel aus meinen Erfahrungen lernen. Ich erinnere mich an die vergangenen Ungerechtigkeiten und tue etwas dafür, dass sie sich nicht wiederholen, und ich erinnere mich an sie als verziehene Ungerechtigkeiten.

4. Auf die Rache verzichten

Da das Verzeihen ein freier Akt ist, ist es auch möglich, dem anderen dieses Geschenk nicht zu machen, ihm diese Gabe zu verweigern. Der jüdische Autor Simon Wiesenthal erzählt in einem seiner Bücher von einigen ganz konkreten Erfahrungen in einem Konzentrationslager während des Zweiten Weltkrieges. Eines Tages kam zu ihm eine Krankenschwester und bat ihn, ihr zu folgen. Sie brachte ihn in ein Zimmer, in dem sich ein junger SS-Offizier befand, der im Sterben lag. Dieser Offizier erzählte dem gefangenen Juden sein Leben: Er sprach über seine Familie, seine Ausbildung und wie er dazu kam, ein Mitarbeiter Hitlers zu werden. Ihn belastete vor allem ein Verbrechen, für das er in besonderer Weise verantwortlich war. Soldaten hatten unter seiner Führung 300 Juden in ein Haus eingeschlossen und das Haus in Brand gesetzt; alle starben. „Ich weiß, dass es schrecklich ist“, sagte der Offizier. „In den langen Nächten, in denen ich auf meinen Tod warte, spüre ich das große Bedürfnis, mit einem Juden über dieses Vergehen zu sprechen und ihn aus ganzem Herzen um Verzeihung zu bitten.“ Wiesenthal schließt seinen Bericht folgendermaßen: „Plötzlich verstand ich, was los war, und ohne auch nur ein Wort zu sagen, verließ ich den Raum.“[8] Ein anderer Jude fügt hinzu: „Nein, ich habe keinem der Schuldigen verziehen und bin weder jetzt noch in Zukunft dazu bereit, auch nur einem einzigen zu verzeihen.“[9]

Verzeihen bedeutet, auf Rache und Hass zu verzichten. Auf der anderen Seite gibt es Menschen, die sich nie verletzt fühlen. Es ist nicht so, dass sie das Böse nicht sehen wollen und den Schmerz unterdrücken (wie wir zu Beginn bedacht haben), sondern ganz im Gegenteil: Sie nehmen die Ungerechtigkeiten objektiv wahr, mit voller Klarheit, aber sie lassen sich nicht im Geringsten von ihnen stören. „Selbst wenn die anderen uns umbringen, können sie uns keinen Schmerz zufügen“, ist einer ihrer Leitsätze.[10] Sie haben eine eiserne Herrschaft über sich selbst errungen und scheinen völlig unempfindlich zu sein. Sie fühlen sich erhaben über andere Menschen und haben in ihrem Innern eine solch große Distanz zu den anderen geschaffen, dass keiner ihr Herz berühren kann. Weil nichts sie berührt, werfen sie ihren Unterdrückern nichts vor. „Was macht es dem Mond schon aus, wenn ein Hund ihn anbellt?“ Es ist das Verhalten der Stoiker und vielleicht auch von einigen asiatischen „Gurus“. Einige von ihnen haben nicht einmal die Güte, diejenigen anzusehen, die sie ohne jede Anstrengung „lossprechen“.

Das Problem besteht in diesem Fall darin, dass es keine zwischenmenschliche Beziehung gibt. Man will nicht leiden, und deshalb verzichtet man auf die Liebe. Ein Mensch, der liebt, ist immer klein und verletzlich. Er ist den anderen nahe. Es ist menschlicher, im Laufe des Lebens viel zu lieben und zu leiden, als den anderen gegenüber auf Distanz zu gehen. Wenn jemandem das Verhalten der anderen niemals weh tut, ist das Verzeihen unnütz.

5. Den Angreifer in seiner persönlichen Würde sehen

Das Verzeihen beginnt, wenn ein Mensch, dank einer neuen Kraft, jegliche Art von Rache ablehnt. Er spricht nicht über die anderen aus seinen schmerzhaften Erfahrungen heraus; er vermeidet es, sie zu verurteilen und abzuwerten; und er ist dazu bereit, ihnen immer wieder neu mit einem offenen Herzen zu begegnen.

Das Geheimnis besteht darin, den Angreifer nicht mit seinem Tun zu identifizieren.[11] Jeder Mensch ist größer als seine Schuld. Ein beredtes Beispiel gibt uns Albert Camus, der sich in einem öffentlichen Brief an die Nazis richtet und über die begangenen Gewalttaten in Frankreich spricht: „Und trotzdem werde ich Sie weiterhin Menschen nennen... Wir bemühen uns, bei Ihnen das zu respektieren, was Sie bei den übrigen nicht respektiert haben.“[12] Jeder Mensch ist trotz all seiner Fehler ein Ebenbild Gottes.

Hier können wir an eine Anekdote denken, die von einem spanischen General des 19. Jahrhunderts erzählt wird. Als dieser auf dem Sterbebett lag, fragte ihn ein Priester, ob er seinen Feinden verzeihe. „Das ist nicht möglich“, antwortete der General, „ich habe alle hinrichten lassen.“[13]

Das Verzeihen, über das wir hier sprechen, entspringt einer bestimmten Haltung. Es bedeutet, in Frieden mit den eigenen Erinnerungen zu leben und die Achtung vor keinem menschlichen Wesen zu verlieren. Man kann auch einen Verstorbenen in seiner persönlichen Würde sehen. Niemand ist vollkommen verdorben; in jedem Menschen leuchtet ein Licht.

Wenn wir verzeihen, sagen wir zu jemandem: „Nein, du bist nicht so. Ich weiß, wer du bist. In Wirklichkeit bist du viel besser.“ Wir wollen das Bestmögliche für den anderen, seine vollständige Entwicklung, sein wahres Glück; und wir bemühen uns, dies ganz aufrichtig, aus dem tiefsten Herzen heraus, zu wollen.


II. Welche Haltungen ermöglichen uns das Verzeihen?

Nachdem wir zu klären versucht haben, worin das Verzeihen besteht, werden wir nun einige Haltungen betrachten, die es uns ermöglichen, diesen Akt zu vollziehen, welcher uns selbst und auch die anderen befreit.

1. Liebe

Verzeihen schließt ein, den anderen intensiv zu lieben. Das lateinische Verb per-donare drückt dies mit großer Deutlichkeit aus: das Präfix per verstärkt das Verb, das es begleitet: donare. Es bedeutet, reichlich zu geben, sich bis zum Äußersten hinzugeben. Der Schriftsteller Werner Bergengruen sagte einmal, dass sich die Liebe in der Treue bewährt und im Verzeihen erfüllt.

Trotzdem kann es schwer sein, den anderen zu lieben, wenn er uns sehr stark verletzt hat. Dann kann es u. U. hilfreich sein, sich zunächst in irgendeiner Weise von dem Angreifer zu distanzieren, auch wenn es nur innerlich ist. Solange das Messer in der Wunde steckt, wird sich die Wunde niemals schließen. Man muss das Messer zuerst herausziehen, Abstand zum anderen gewinnen: Nur dann können wir sein Gesicht sehen. Eine gewisse Loslösung ist eine erste Bedingung, um von ganzem Herzen verzeihen und dem anderen die notwendige Liebe schenken zu können.

Ein Mensch kann nur dann glücklich leben und sich gesund entwickeln, wenn er trotz all seiner Fehler und Mängel geliebt wird; wenn also jemand zu ihm sagt: „Wie gut, dass es dich gibt.“[14]

Es reicht nicht nur, „hier zu sein“, auf der Erde, sondern man braucht auch die Bestätigung des eigenen Wesens, um sich in der Welt wohl zu fühlen, damit es möglich ist, eine gewisse Selbstschätzung zu erlangen und fähig zu sein, sich mit anderen in Freundschaft zu vereinen. In diesem Sinne hat man gesagt, dass die Liebe das Schöpfungswerk weiterführt und vervollkommnet.[15] Einen Menschen zu lieben bedeutet, ihm seinen eigenen Wert und seine eigene Schönheit ins Bewusstsein zu rufen. Ein geliebter Mensch ist immer auch ein angenommener, ein „bestätigter“ Mensch, der dem Geliebten mit voller Wahrheit antworten kann: „Ich brauche dich, um ich selbst zu sein.“

Wenn ich dem anderen nicht verzeihe, nehme ich ihm in gewisser Weise den Raum zu leben und zu atmen. Dieser entfernt sich folglich immer mehr von seinem Ideal und seiner Selbstverwirklichung. Mit anderen Worten, ich töte ihn im geistigen Sinne. Man kann einen Menschen tatsächlich mit ungerechten und harten Worten töten, mit schlechten Gedanken oder einfach, indem man das Verzeihen verweigert. Der andere kann dann traurig werden, auch passiv und verbittert.

Wenn wir aber das Verzeihen gewähren, helfen wir dem anderen, zu seiner eigenen Identität zurückzufinden, mit einer neuen Freiheit und mit einem tieferen Glück zu leben.

2. Verständnis

Wir müssen verstehen, dass jeder Mensch mehr Liebe braucht, als er „verdient“. Jeder ist verletzbarer, als er scheint; und wir alle sind schwach und können ermüden. Verzeihen heißt, die feste Überzeugung zu haben, dass in jedem einzelnen und hinter jedem Übel ein verletzliches und zur Veränderung fähiges menschliches Wesen steckt. Es bedeutet, an die Möglichkeit der Weiterentwicklung der anderen zu glauben.

Wenn jemand nicht verzeiht, kann es sein, dass er die anderen allzu ernst nimmt, dass er zu viel von ihnen verlangt. Wir sind alle schwach und häufig fehlbar. Und oft sind wir uns nicht der Konsequenzen unseres Handelns bewusst: „Wir wissen nicht, was wir tun“. Wenn zum Beispiel jemand verärgert ist, schreit er Sachen heraus, die er im Grunde weder denkt noch sagen will. Wenn ich ihn jede Minute des Tages vollständig ernst nehme und all die Worte „analysiere“, die er sagte, als er wütend war, kann ich endlose Konflikte hervorrufen. Wenn wir alle Fehler eines Menschen auflisten würden, würden wir dahin kommen, sogar den bezauberndsten Menschen zu einem Monster zu machen.

Wir müssen an die Fähigkeiten des anderen glauben und ihm dies auch zu verstehen geben. Manchmal beeindruckt es zu sehen, wie sehr jemand sich verändern kann, wenn man ihm Vertrauen schenkt, wie tief er sich ändert, wenn man mit ihm liebevoll umgeht. Glücklicherweise gibt es viele Menschen, die andere still und unauffällig dazu ermutigen, besser zu sein. Sie vermitteln ihnen die Sicherheit, dass es in ihnen etwas Schönes und Gutes gibt, trotz ihrer Dummheiten und Fehltritte. Sie verhalten sich nach der bekannten Weisheit: „Wenn du willst, dass der andere gut sei, dann behandele ihn so, als ob er es schon wäre.“

3. Großzügigkeit

Verzeihen verlangt ein barmherziges und großzügiges Herz, die Bereitschaft, über die Gerechtigkeit hinauszugehen. Es gibt komplexe Situationen, in denen die bloße Gerechtigkeit unangemessen ist. Wenn etwas gestohlen wurde, muss es zurückgegeben werden; wenn etwas zerstört wurde, ist es in Ordnung zu bringen oder zu ersetzen. Aber wenn jemand durch die Schuld eines anderen ein Organ verliert, einen Verwandten oder einen guten Freund? Es ist unmöglich, diese Verluste mit Gerechtigkeit wieder gutzumachen. Gerade dann ist das Verzeihen umso notwendiger.

Das Verzeihen hebt das Recht nicht auf, aber es überschreitet es unendlich. Manchmal gibt es keine Lösung im äußeren Umfeld. Aber wenn jemand da ist, der uns unterstützt, versteht und liebt, kann zumindest der innere Schaden verringert werden. Im Mittelalter sagte man klipp und klar: „Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist Grausamkeit.“[16]

Im Verzeihen bemühen wir uns, das Böse durch eine Überfülle von Gutem zu überwinden.[17] Es ist ein Akt von bedingungsloser Natur, eine kostenlose Gabe der Liebe, ein immer unverdientes Geschenk. Dies bedeutet, dass derjenige, der verzeiht, nichts von seinem Angreifer fordert, nicht einmal, dass dieser bereut, was er getan hat. Derjenige, der liebt, hat schon vorher verziehen, lange bevor der Angreifer die Versöhnung sucht.

Die Reue des anderen ist keine notwendige Bedingung für das Verzeihen, aber sie ist natürlich sehr angebracht. Es ist sicherlich viel einfacher zu verzeihen, wenn der andere um Verzeihung bittet. Aber manchmal muss man verstehen, dass in denjenigen, die Schlechtes verüben, Blockaden vorhanden sind, die sie daran hindern, ihre eigene Schuld anzuerkennen.

Es gibt auch eine „unreine“ Art des Verzeihens. Wir können dann von ihr sprechen, wenn die Verzeihung mit Berechnung und Spekulation verbunden wird: „Ich verzeihe dir, damit du dir deines Vergehens bewusst wirst; ich verzeihe dir, damit du dich besserst.“ Es können löbliche erzieherische Ziele sein, aber in diesem Fall handelt es sich nicht um das wahre Verzeihen, das man ohne jegliche Bedingung schenkt, genauso wie die wahre Liebe: „Ich verzeihe dir, weil ich dich liebe – trotz allem.“

Ich kann dem anderen verzeihen, ohne dass ich es ihm zu verstehen gebe - im Falle, dass er es nicht verstehen würde. Es ist ein Geschenk, was ich ihm mache, selbst wenn er es nicht erfährt, oder wenn er nicht weiß warum.

4. Demut

Es braucht Klugheit und Taktgefühl, dem anderen mitzuteilen, dass man ihm verziehen hat. In manchen Situationen ist es nicht ratsam, es sofort zu tun, wenn der andere noch aufgebracht ist. Es könnte ihm wie eine erhabene Rache erscheinen; es könnte ihn demütigen und noch mehr aufregen. Tatsächlich kann das Angebot der Versöhnung durch einen Akt des Verzeihens einen anklagenden Charakter besitzen. Es kann ein heuchlerisches Verhalten verbergen: Ich will zeigen, dass ich Recht habe, dass ich großzügig bin. Was dann den Schritt zum Frieden verhindert, ist nicht der Eigensinn des anderen allein, sondern auch meine Arroganz.

Andererseits ist es immer ein Risiko, die Versöhnung anzubieten, da die Annahme durch den anderen nicht sicher ist. Wer die Versöhnung anbietet, setzt sich immer in irgendeiner Weise der Macht des anderen aus; er macht sich auf gewisse Weise abhängig von der unvorhersehbaren Reaktion und von der Laune des anderen, und er gibt ihm die Möglichkeit, erneut zu beleidigen und zu verletzen. Hier sieht man, dass Demut nötig ist, wenn Verzeihen gewährt und Versöhnung gesucht wird.

Wenn die Umstände es zulassen – vielleicht nach einer langen Zeit – ist es angebracht, ein Gespräch mit dem anderen zu führen. In diesem Gespräch sollte man die eigenen Motive und Gründe, den eigenen Standpunkt so gut wie möglich erklären; und man muss sich die Argumente des anderen aufmerksam anhören. Es ist wichtig, bis zum Schluss zuzuhören und sich anzustrengen, um auch die Worte aufzufangen, die der andere nicht sagt. Ab und zu ist es notwendig, „den Stuhl zu wechseln“, zumindest auf geistiger Ebene, und zu versuchen, die Welt aus der Sicht des anderen zu betrachten.

Das Verzeihen ist ein Akt innerer Stärke, ein Akt der Willenskraft, aber nicht des Machtstrebens. Es ist demütig und respektvoll gegenüber dem anderen. Es will ihn nicht beherrschen oder erniedrigen. Um wahr und „rein“ zu sein, muss derjenige, der verletzt worden ist, selbst das kleinste Zeichen einer moralischen Überlegenheit vermeiden. Man muss es vermeiden, den Schuldigen in den Gesprächen immer wieder neu zu beschuldigen. Wer übermäßig die Schuld der anderen anprangert, steht im Verdacht, die Schuld im eigenen Herzen zu verdrängen. Wir müssen als Sünder, die wir sind, verzeihen und nicht als Gerechte (die wir nicht sind); daher ist das Verzeihen eher ein gegenseitiges „Zuteilen“ als ein einseitiges „Zugestehen“.

Wir alle brauchen Verzeihung, weil wir alle ab und zu den anderen wehtun, selbst wenn wir es gar nicht bemerken. Wir brauchen Verzeihung, um die Knoten der Vergangenheit zu lösen und von neuem anfangen zu können. Es ist wichtig, dass jeder Einzelne die eigene Schwäche, die eigenen Fehler erkennt, die vielleicht den anderen zu einem negativen Verhalten geführt haben, und nicht zögert, auch selbst den anderen um Verzeihung zu bitten.

5. Offensein für Gottes Hilfe

Wir können nicht leugnen, dass die Forderung zu verzeihen in gewissen Fällen an die Grenze unserer Kräfte stößt. Kann man verzeihen, wenn der Angreifer rein gar nichts bereut, sondern sogar sein Opfer beschimpft und dann auch noch glaubt, richtig gehandelt zu haben? Vielleicht wird es in solchen Fällen nicht möglich sein, von ganzem Herzen zu verzeihen, zumindest wenn wir nur von unserer eigenen Fähigkeit ausgehen.

Aber ein Christ ist nie allein. Er kann immer mit der allmächtigen Hilfe Gottes rechnen. Gott selbst gesteht ihm seine große Liebe: „Hab keine Angst, ich hab dich bei deinem Namen gerufen! Du bist mein! Wenn du durch das Wasser gehst, bin ich an deiner Seite, und die Fluten werden dich nicht überwältigen... Du bist wunderbar in meinen Augen, von großem Wert, ich liebe dich.“[18]

Ein Christ kann auch die Freude erfahren, dass ihm von Gott vergeben wird. Die wahre Schuld reicht an den Wurzelgrund unseres Seins: Sie beeinflusst unsere Beziehung zu Gott. Und hier geschieht das Wunder! In totalitären Staaten werden Bürger, die gemäß den Verordnungen der Herrschenden ein abweichendes Verhalten zeigen, in Gefängnisse geworfen oder in Psychiatrische Kliniken eingeliefert. Im Reich Christi dagegen werden die „Abirrenden“ zu einem großen Fest geladen, zum Fest der Versöhnung. Gott ist jederzeit bereit, uns zu verzeihen; er schenkt uns die Gnade der Reue und lädt uns zur Umkehr ein.[19] Seine Gnade bewirkt eine tiefe Umgestaltung in uns: Sie ist fähig, auch die tiefsten Wunden zu heilen und eine neue Ordnung in unserem inneren Chaos zu schaffen.

Immer ist es Gott, der zuerst liebt und der zuerst verzeiht.[20] Es ist Gott selbst, der uns die Kraft schenkt, dieses christliche Gebot zu befolgen, das vielleicht das schwierigste von allen ist: Liebe deine Feinde;[21] verzeihe denen, die dir wehgetan haben.[22] Aber im Grunde handelt es sich nicht (nur) um eine moralische Forderung nach dem Motto: Weil Gott dir gnädig verziehen hat, musst auch du dem Nächsten verzeihen. Es handelt sich vielmehr um eine existentielle Notwendigkeit, um eine lebendige innere Erfahrung: Wenn du wirklich verstehst, was mit dir geschehen ist, dann kannst du gar nicht anders, als den anderen verzeihen. Wenn du es nicht tust, dann hast du noch nicht begriffen, was Gott dir geschenkt hat.

Es gehört zur Identität des Christen, immer wieder um Verzeihung zu bitten und zu verzeihen. Wenn jemand grundsätzlich zu diesem Verhalten nicht bereit ist, könnte man daher von einem Verlust der christlichen Identität sprechen. Daher haben die Nachfolger Christi aller Jahrhunderte auf ihren Meister geschaut, der seinen Henkern am Kreuz verziehen hat.[23] Sie haben es gelernt, die „Tragödien“ in „Siege“ zu verwandeln.

Mit Hilfe der Gnade Gottes können wir sogar einen Sinn in den Erniedrigungen und Ungerechtigkeiten finden, die wir im Laufe des Lebens zu erleiden haben. Keine Erfahrung ist nutzlos! Ganz im Gegenteil, immer können wir etwas lernen. Auch wenn uns ein Unwetter überrascht, wenn wir Kälte oder Hitze ertragen müssen: Immer können wir etwas lernen, das uns hilft, die Welt, die anderen und uns selbst besser zu verstehen. Gertrud von le Fort sagt, dass nicht nur der lichte Tag, sondern auch die dunkle Nacht ihre Wunder hat: „Es gibt Blumen, die nur in der Wüste blühen, Sterne, die nur am Rande einer Stadt zu sehen sind. Es gibt Erfahrungen der göttlichen Liebe, die uns nur in großer Verlassenheit, am Rande der Verzweiflung geschenkt werden.[24]


SCHLUSSBETRACHTUNG

Das Verzeihen ist ein Akt geistiger Stärke, ein befreiender Akt. Es ist zugleich ein christliches Gebot und eine große Erleichterung. Es bedeutet, sich für das Leben zu entscheiden und mit Kreativität zu handeln.

Trotzdem ist es nicht angemessen, jemanden zum Verzeihen zu drängen. Man muss einem Menschen jene Zeit lassen, die er braucht, um sich zu beruhigen und fähig zu werden zu verzeihen. Wenn wir jemanden, der eine Ungerechtigkeit erfahren hat, beschuldigten, zu empfindlich oder voll Groll und Rachsucht zu sein, würden wir seine Wunde nur noch vergrößern: Er wäre dann in doppelter Weise Opfer.

Im ersten Augenblick sind wir normalerweise nicht fähig, einen großen Schmerz anzunehmen. Wir müssen uns zunächst beruhigen, akzeptieren, dass uns das Verzeihen schwer fällt und dass wir Zeit brauchen. Das kann uns sehr helfen, unserem eigenen Rhythmus zu folgen. Nur ein engherziger Mensch könnte sich über die normalen menschlichen Begrenzungen wundern.

Der Akt des Verzeihens kann eine wirklich harte innere Arbeit erfordern. Aber mit der Hilfe guter Freunde und – vor allem – mit der Kraft Gottes ist es möglich, diese sehr schwierige Aufgabe zu verwirklichen. „Mit meinem Gott spring ich über Mauern“, singt der Psalmist. Wir können an die Mauern denken, die wir in unserem Herzen aufgerichtet haben.

Wenn es uns gelingt, eine Kultur des Verzeihens zu schaffen, werden wir zusammen eine wohnlichere Welt aufbauen können, in der es mehr Vitalität und mehr Fruchtbarkeit gibt; wir werden zusammen eine wirklich neue Zukunft entwerfen können. Ein weises Wort kann unsere Reflexionen zusammenfassen: „Möchtest Du für einen Augenblick glücklich sein? Dann räche dich! Möchtest du für immer glücklich sein? Dann verzeihe!“

Jutta Burggraf

[1] Cf. THOMAS VON AQUIN, Summa theologiae II-II, q.68,a.4 ad 1.
[2] Ch. DE CHERGÉ, Testament spirituel (1994), in B. CHENU, L’invincible espérance, Paris 1997, S.221.
[3] Mt 5,38.
[4] M. SCHELER, Das Ressentiment im Aufbau der Moralen, in Vom Umsturz der Werte, Bern 51972, SS.36f.
[5] P. RAYBON, My First White Friend, New York 1996, S.4f.
[6] Cf. D. von HILDEBRAND, Moralia, Werke IX, Regensburg 1980, S.338.
[7] A. KOLNAI, Forgiveness, in B. WILLIAMS; D. WIGGINS (Hrsg.), Ethics, Value and Reality. Selected Papers of Aurel Kolnai, Indianapolis 1978, p.95.
[8] Cfr. S. WIESENTHAL, The Sunflower. On the Possibilities and Limits of Forgiveness, New York 1998. In anderen Werken dieses Autors wird die Möglichkeit des Verzeihens allerdings offengelassen. Cf. IDEM, Los límites del perdón, Barcelona 1998.
[9] P. LEVI, Sí, esto es un hombre, Barcelona 1987, S.186. Cfr. IDEM, Los hundidos y los salvados, Barcelona 1995, S.117.
[10] Dieser Satz wird dem Stoiker Epiktet zugeschrieben, der bekanntlich ein Sklave war. Cf. EPIKTET, Handbüchlein der Moral, hrsg. von H. Schmidt, Stuttgart 1984, S. 31. Man kann diesen Satz auch –wie die christlichen Märtyrer– in einem positiven und tief religiösen Sinn verstehen.
[11] Der Haß richtet sich nicht gegen die Täter, sondern gegen ihre Werke.. Cf. Rm 12,9. Apok 2,6.
[12] A. CAMUS, Carta a un amigo alemán, Barcelona 1995, S.58.
[13] Cfr. M. CRESPO, Das Verzeihen. Eine philosophische Untersuchung, Heidelberg 2002, S.96.
[14] J. PIEPER, Über die Liebe, München 1972, S.38s.
[15] Cf. ibid., S.47.
[16] THOMAS VON AQUIN, In Matth., 5,2.
[17] Cf. Rm 12,21.
[18] Is 43,1-4.
[19] Is 43,1-4.
[20] Unser Verzeihen ist eine Folge davon, daß wir Vergebung erfahren haben. Cf. Mt 18,12-14. Lk 19,1-10. Ef 4,32-5,2. Col 3,13.
[21] Cf. Mt 5,43-48. Dagegen Lev 19,18: “Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.”
[22] Cf. Mt 5,23-24; 6,12. Mk 11,25. Lk 11,4.
[23] Cf. Lk 23,34.
[24] G. von LE FORT, Unser Weg durch die Nacht, in Die Krone der Frau, Zürich 1950, SS.90f.

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17.3.07

Gedanken zum Feminismus

Frauen prägen heute das öffentliche Leben weitaus sichtbarer als noch vor einigen Jahrzehnten. Sie sprechen mit in Politik, Wirtschaft und Kultur, und - sofern sie sich qualifiziert äußern - hört man im allgemeinen auch ganz selbstverständlich auf ihre Stimme. Man traut ihnen wichtige Entscheidungen zu und diagnostiziert (weitgehend) nicht mehr geringen Verstand und Abhängigkeit als Mängel ihrer Natur.

Das war tatsächlich nicht immer so. Inzwischen gibt es eine schier uferlose Literatur, die aufzeigt, wie Frauen zu allen Zeiten der Geschichte mißachtet worden sind. Es ist üblich geworden, alle Arten von Ungerechtigkeiten zu beleuchten, die Frauen wegen ihres Geschlechts je erlitten haben. Dies mag in einem gewissen Bedürfnis nach Wiedergutmachung gerechtfertigt sein. Der Wahrheit halber aber darf nicht vergessen werden, daß man sich bei dieser Geschichtsschreibung nur mit einem eng begrenzten Ausschnitt der Wirklichkeit befaßt. Das tatsächliche Leben ist weiter, reicher und bunter. Frauen sind nicht nur mißhandelt, sondern auch geehrt, sie sind nicht nur verachtet, sondern auch geliebt worden. Umgekehrt ist jedem klar, daß auch ein Mann von einer Frau verletzt oder gequält werden kann, und daß auch dies immer wieder geschehen ist und geschieht.

Viele Spannungen zwischen Männern und Frauen sind sicher persönlicher Art. Doch darüber hinaus ist nicht zu leugnen, daß sich eine gewisse Minderbewertung des weiblichen Geschlechts weltweit auch in gewissen gesellschaftlichen Konventionen und Gesetzen zeigt. Die vor einigen Jahrzehnten einsetzende feministische Empörung (übrigens eine typische Erscheinung der westlichen Welt) kann daher nicht einfach nur belächelt oder verurteilt werden. Es ist besser, sich zu fragen, wie es überhaupt möglich war, daß sie zustande kam. Das erste Problem, mit dem man sich bei einer Betrachtung der Frauenfrage fairerweise auseinandersetzen muß, lautet daher: Wie konnte es dazu kommen, daß Frauen (etwas plakativ gesagt) daran leiden, Frauen zu sein?


Ungerechtigkeiten gegenüber den Frauen in der westlichen Welt


Am Anfang der europäischen Kulturgeschichte war es nicht so. Die Werke Homers und Hesiods, die griechischen Mythen und der römische, auch der germanische Götterhimmel bezeugen, daß die Frau ihren selbstverständlichen Platz neben dem Mann einnahm. Sie hatte von jeher andere Aufgaben als der Mann, galt deshalb aber keineswegs als weniger wertvoll. Eine Minderbewertung der Frau war gerade den germanischen Völkern völlig fremd. Wie Tacitus berichtet, schenkten die Germanen ihren Frauen zur Hochzeit nicht etwa Schmuck oder Blumen, sondern Stiere, ein gezäumtes Pferd, dazu Schild, Lanze und Schwert.[1] Frauen ihrerseits brachten als Mitgift auch Waffen mit, - was nicht heißt, daß sie sich unbedingt an kriegerischen Auseinandersetzungen beteiligten, wohl aber, daß sie mit den Männern die Verantwortung für Stamm und Besitz teilten (und im Notfall auch für ihre Männer einsprangen).

In orientalischen Kulturkreisen (etwa bis zur Grenze von Indien) dagegen herrschte (und herrscht bis heute) eine andere Mentalität. Hier wird die Frau - zumindest rein äußerlich betrachtet - eher klein gehalten. Das alte Israel, das von Gott auf besondere Weise geführt und unterrichtet wurde, bildete zunächst eine Ausnahme. Die Frau wurde im frühen Israel epochenweise sehr hoch geschätzt. Prophetinnen und Richterinnen traten auf und konnten sich Gehör verschaffen; Debora, Judith und Esther wurden sogar als Retterinnen des Volkes umjubelt. Der Theologe Peter Ketter sagt wohl mit Recht: "Die Stellung, die die Frau bei einem Volk einnimmt, ist der erste Gradmesser seiner Bildung."[2]

Doch zur Zeit Christi war auch Israel längst nicht mehr beispielhaft. Im Haus z.B. hatte die Frau ihren Platz nicht neben ihrem Mann, sondern neben den Kindern und Sklaven. Mehrfach ist uns ein Gebet überliefert, das die Juden täglich sprechen sollten: "Gepriesen sei Gott, der mich nicht als Heiden geschaffen hat! Gepriesen sei Gott, der mich nicht als Weib erschaffen hat! Gepriesen sei Gott, der mich nicht als Unwissenden erschaffen hat!" Das Studium der Thora (Gesetzbuch der Juden) war ein Vorrecht der Männer. Rabbi Eliezer, ein Zeitgenosse des Apostels Johannes, erklärte sogar: "Eher sollen die Worte der Thora verbrannt werden, als daß man sie einer Frau anvertraut."[3]

Demgegenüber wurde die Situation der Frau durch das Auftreten Jesu Christi radikal verändert. Jesus versöhnte die Menschen mit Gott und untereinander. Er bewies im Umgang mit Frauen große Freiheit gegenüber den starren Konventionen einer von Männern bestimmten Gesellschaft. Sein gesamtes Verhalten gegenüber den Frauen war einfach, spontan, unmittelbar - ein Widerschein der Güte Gottes, der jeden einzelnen Menschen "um seiner selbst willen" liebt.[4] Ganz anders als seine Umgebung akzeptierte Christus die Frau als ein dem Mann völlig gleichwertiges Geschöpf. Die Leute waren darüber erstaunt, betreten, sie nahmen Anstoß daran, und selbst die Jünger "wunderten sich".[5] Doch das alles kümmerte Christus nicht, der gekommen war, um die Menschen zu befreien. Christus erkannte die Frauen ganz selbstverständlich als Mitarbeiterinnen in seinem Erlösungswerk an: Er sprach mit ihnen über Themen, die man damals nicht mit Frauen zu erörtern pflegte, und erschloß ihnen die tiefsten Geheimnisse Gottes.[6] Die Frauen ihrerseits zeigten eine besondere Sensibilität für den Sohn Gottes. Sie waren von Anfang an seine treuen Begleiterinnen, ließen die neue Lehre in Kopf und Herz eindringen und antworteten mit einem Glauben, der sich über alle Hindernisse hinweg am Kreuz bewährte. Frauen durften auch als Erste Zeugen der Auferstehung werden. Die Ereignisse des Ostermorgens werfen noch einmal helles Licht auf die Tatsache, daß Christus seine göttlichen Wahrheiten zuerst ihnen anvertraut und so ihre Würde vollkommen wiederhergestellt hatte.[7]

Nach einer grundsätzlichen Aufwertung der Frau, die vor allem dem jungen Christentum zu verdanken war, nach mancherlei Rückfällen und neuen Auftrieben in den folgenden Jahrhunderten fühlen sich die Frauen aber gerade in der Neuzeit, gerade in Mitteleuropa, zunehmend diskriminiert. "Diskriminierung" (lat. discriminatio = Scheidung) besagt: Man wird aus der Lebensordnung einer bestimmten Gruppe "ausgegrenzt". Es bedeutet zum einen, daß Frauen im Vergleich zu Männern ungleiche Chancen in der Ausbildung und im Erwerbsleben haben, und zum anderen, daß gewisse Vorurteile gegen sie gerichtet sind, daß sie nach bestimmten Klischees beurteilt werden.

Das läßt sich in aller Deutlichkeit an einigen Aussagen der Aufklärer nachweisen. So etwa bemerkt Lessing (1729-81): "Ein Frauenzimmer, das denkt, ist ebenso ekelhaft wie ein Mann, der sich schminkt."[8] Selbst führende Denker wie Rousseau (1712-1778) und Kant (1724-1804), die mit ihren emanzipatorischen Ideen die moderne Staats- und Gesellschaftsauffassung prägten, erklärten die Frau für unmündig, unselbständig und nur auf den Mann hin zu erziehen. "Die Frau liebt im allgemeinen die Künste nicht, versteht sich auf keine einzige, und an Genie fehlt es ihr ganz und gar", meint Rousseau. Kants Aussagen dagegen scheinen zunächst hoffnungsvoller zu sein: "Das schöne Geschlecht hat ebensowohl Verstand als das männliche", sagt er, fährt dann aber fort: "nur ist es ein schöner Verstand, der unsrige soll ein tiefer Verstand sein."[9] Lessing, Rousseau und Kant (übrigens auch Nietzsche und Schopenhauer) mögen als Beispiele dienen für eine gewisse Denkrichtung, die sich in einigen Kreisen immer mehr verhärtet hat.

Es stellt sich noch einmal die Frage, wie es denn zu solch einer Minderbewertung der Frau kommen konnte, da doch sowohl das ursprünglich germanische (überhaupt das westliche) als auch das genuin christliche Denken in eine ganz andere Richtung gingen. Wie ist es möglich, daß sich innerhalb der europäischen Kultur, die vom Christentum entscheidend geprägt ist, ein Frauenbild entwickeln konnte, das das weibliche Geschlecht herabsetzt und entwürdigt? Es gab daneben unbestreitbar auch andere Bilder von der Frau, doch es ist nicht zu leugnen, daß eine gewisse "Frauenverachtung" von einigen einflußreichen Denkern propagiert und sogar wissenschaftlich zu untermauern versucht wurde.

Die Gründe hierfür sind vielfacher Art. Persönliche Grenzen und Schwächen, auch traurige Erfahrungen einzelner Menschen spielen sicherlich eine große Rolle. Ebenfalls ist zu bedenken, daß nicht alles, was heute als "Frauenverachtung" verunglimpft wird, dies auch tatsächlich war; eine gewisse unterschiedliche Behandlung der Geschlechter muß nicht notwendig eine Ungerechtigkeit bedeuten. (Man kann nicht mit dem heutigen Bewußtseinsstand, mit heutigen Vorstellungen und Einsichten eine andere Epoche beurteilen!) Darüber hinaus aber möchte ich auf eine These aufmerksam machen, die neuerdings diskutiert wird, und die eine Erklärung dafür bieten möchte, warum Frauen auch in Europa jahrhundertelang klein gehalten wurden.

Die Missionierung Europas geschah direkt oder (wie bei uns) zumindest indirekt durch die Völker des Orients. Das heißt, zusammen mit dem christlichen Glauben sind auch zahlreiche orientalische Denkmuster vermittelt worden, die von einigen Theologen übernommen wurden, als gehörten sie zur Offenbarung mit dazu. Bisweilen wurde das Alte Testament über das Neue gestellt; die dort geschilderten patriarchalischen Gesellschaftsordnungen und Verhaltensweisen wurden dann als verbindlich gesetzt. Eine echte Inkulturation des Evangeliums, um die man sich gerade in letzter Zeit bei den Völkern Afrikas und Asiens so sehr bemüht, fand in Europa noch nicht statt. (Inkulturation bedeutet, daß man den Völkern das Evangelium nicht einfach "überstülpt" und alles, was sie an eigener Kultur, an eigenen Werten haben, zerschlägt; sondern daß man sich bemüht, die jungen christlichen Gemeinden den neuen Glauben in ihrer spezifischen Situation und gemäß der ihnen eigenen Mentalität leben zu lassen. Dabei ist natürlich zu beachten, daß die Kernwahrheiten der Offenbarung sämtliche Kulturen transzendieren.)

Nach der hier vorgestellten These also sind die mangelhafte Inkulturation des Christentums und der sublime Einfluß orientalischer Lebensgewohnheiten in Europa dafür verantwortlich zu machen, daß sich eine Mißachtung der Frau immer mehr verfestigte. Hierzu möcht ich zweierlei anmerken. Zum einen: Es gab (und gibt) sicherlich eine Reihe von verächtlichen Urteilen über die Frauen. Diese Urteile sind auch bei verschiedenen Theologen nachweisbar - und zwar in allen christlichen Jahrhunderten. Man braucht nur zu suchen, dann wird man sie finden - und es ist in letzter Zeit viel gesucht worden! Doch es handelt sich hier trotz aller gegenteiligen Beteuerungen um eine Fehlentwicklung, die oft nur am Rande von Gesellschaft und Kirche existierte. Zu allen Zeiten gab es zahlreiche Vertreter des Christentums, die von der Würde der Frau überzeugt waren und diese wirkungsvoll verteidigten. Doch je mehr man sich vom genuin christlichen Gedankengut entfernte - sei es innerhalb, sei es außerhalb der Kirche (wie etwa im Falle der Aufklärer) - desto mehr verbreitete sich eine gewisse Minderbewertung der Frau. Die Gesellschaft wurde in dem Maße frauenfeindlich, in dem sie sich von der ursprünglichen Botschaft Christi (bewußt oder unbewußt) trennte.

Darüber hinaus halte ich jene These für eine interessante Theorie, die aber wohl nur in wenigen Fällen die historische Wirklichkeit trifft. Auch im alten Römerreich hatte die Frau kein Wahlrecht, auch bei den Germanen war sie unmittelbarer als der Mann mit der Pflege der kleinen Kinder beschäftigt. Spannungen, die sich später aus diesen Situationen ergeben haben, können - zumindest in Mittel- und Nordeuropa - nicht einfach auf den Einfluß orientalischer Völker zurückgeführt werden. Sie entstehen bei jedem Volk in dem Moment, in dem das Anderssein als Minderwertigkeit beurteilt und dann auch von den betroffenen Personengruppen so erfahren wird; und sie entstehen konkret dann, wenn man Frauen in einer völlig veränderten Lebenswelt nicht auch neue Aufgaben und Funktionen zugestehen möchte. Dies ist ein Problem der Neuzeit.


Die Frauenrechtsbewegungen


Man kann verstehen, daß es Frauen gab, die wegen der Mißachtung, die ihnen entgegengebracht wurde, erzürnt waren, protestierten und sich für das einsetzten, was sie immer klarer als ihre Rechte erkannten. Die Frauenrechtsbewegungen traten nachhaltig etwa seit 1789 auf, bezeichnenderweise gerade zur Zeit der Französischen Revolution. Sie sind eine Weiterführung der Forderung nach den Menschenrechten, die eben nicht nur für Männer gelten sollten.

Im September 1791 stellte Olympe Marie de Gouges den Bürgern ihre "Deklaration der Frauenrechte" vor, die der französischen Nationalversammlung zur Beschließung übergeben wurde. Hinter ihr standen viele in Frauenclubs organisierte Frauen. Sie definierten sich selbst als Menschen und Bürgerinnen und nannten ihre politischen und wirtschaftlichen Forderungen. Interessant ist beispielsweise der Artikel VII dieser Erklärung, in dem es heißt:
"Für Frauen gibt es keine Sonderrolle; sie werden verklagt, in Haft genommen und gehalten, wo immer es das Gesetz vorschreibt. Frauen unterstehen wie Männer den gleichen Strafgesetzen." Und Artikel X präzisiert noch: "Die Frau hat das Recht, das Schafott zu besteigen."[10] Die Frauen wollten nicht länger unmündig sein. Sie zogen es vor, bestraft und sogar getötet zu werden, als für unfrei und nicht verantwortlich zu gelten.

Tatsächlich wurde Olympe de Gouges hingerichtet, und mit ihr viele andere namhafte Frauen.[11] Die Frauenclubs wurden mit Gewalt aufgelöst, den Frauen das Versammeln bei Gefängnisstrafen verboten. Ihr Unternehmen schien zunächst gescheitert zu sein.

Doch die Frauen gaben nicht auf. In England engagierten sie sich in der sog. "Antisklavereibewegung" um die Mitte des vorigen Jahrhunderts. Sie gingen davon aus, daß ihnen ebenso wie den ehemaligen Sklaven das gleiche Wahl- und Bürgerrecht zustehe. In dem Philosophen und Ökonom John Stuart Mill (1806-1873) fanden sie einen brillanten Befürworter ihrer Ideen.

In Deutschland wurde die Frauenfrage vor allem zur Erziehungsfrage. Man erkannte immer mehr die Notwendigkeit, auch Mädchen auszubilden. Bildung ist ja nicht nur wichtig, um später in einem außerhäuslichen Beruf vorwärtszukommen, sondern auch, um die eigene Persönlichkeit voll zu entfalten. Wenn ein Mensch lernt, selbständig zu denken, lernt er auch immer mehr, innerlich frei und unabhängig von der öffentlichen Meinung und den Massenmedien zu sein; er wird geistig erwachsen und kann eher mit der eigenen Lebenssituation und mit persönlichen Stimmungen fertig werden.

Frauen wollten nicht länger besondere Betreuung und besondere Aufmerksamkeiten durch die Männer erfahren; sie erkannten ihr Recht auf eigene Bildung und Ausbildung. Theodor Gottlieb von Hippel (1741-1796), ein hoher Beamter und Schriftsteller aus dem Freundeskreis Kants, der sich für die öffentliche Gleichbehandlung der Frauen einsetzte, sagte während der damaligen Diskussionen: "Jemandem Güte erweisen, indem man ihm Gerechtigkeit entzieht, heißt: ein Naturgesetz mit Füßen treten."[12]

Doch noch 1883 erklärte ein offizieller Erlaß, daß Mädchen zum wissenschaflichen Studium nicht fähig seien: "Das Regelrechte ist, daß Mädchen heiraten und ihre Bildung in der Ehe gewinnen; doch auch Schwestern, Töchter, Pflegerinnen werden durch Brüder, Väter, Kranke und Greise zu etwas gemacht, wenn sie diese Männer mit warmem Herzen bedienen."[13]

Nichtsdestotrotz nahm die Frauenbewegung beständig zu. Es ist verständlich, daß sie immer polemischer wurde. Die Frauenrechtlerinnen erregten Aufsehen und Widerspruch; vielleicht übertrieben sie hier und da. Im Grunde aber setzten sie sich für etwas durchaus Legitimes ein: für die gleichen Rechte von Mann und Frau.

Hedwig Dohm (1833-1919), eine ihrer größten Vertreterinnen um die Jahrhundertwende, fragt sich, was wohl geschehen wäre, wenn Friedrich Schiller als "Friederike" zur Welt gekommen wäre.[14] Wahrscheinlich hätten die Talente sich nicht oder nur sehr mühsam entfalten können! Für Hedwig Dohm ist die Frage, ob Frauen studieren dürfen, können oder sollen, genauso müßig wie jene andere: "Darf der Mensch seine Kräfte entwickeln? Soll er seine Beine zum Gehen benutzen?"[15]

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schließlich wurden Frauen nach und nach in allen Ländern des europäischen Kontinents offiziell zum Abitur und zum Hochschulstudium zugelassen. In Italien erkämpfte Maria Montessori schon etwas früher das Medizinstudium für Frauen; sie erwarb dort als erste Frau 1896 den medizinischen Doktortitel.

Die politische und soziale Gleichberechtigung wurde weitgehend - zumindest dem Gesetz nach - in der westlichen Welt erreicht. Seit 1918 gibt es das Wahlrecht für Frauen in Deutschland, Österreich und England, allerdings erst seit 1945 in Spanien und seit 1971 in der Schweiz. Die Frauenrechtsbewegungen hatten somit in Europa ihre hauptsächlichen Ziele verwirklicht und lösten sich hier praktisch auf.


Der Feminismus


Trotz äußerer Erfolge jedoch bleibt zu fragen, ob unsere Gesellschaft tatsächlich auf dem Weg ist, die Würde der Frau genügend zu achten. Kino, Theater, Literatur und darstellende Kunst sprechen eine andere Sprache. Von den Massenmedien und Freizeitangeboten her droht der Frau heute eine Herabsetzung, die noch viel tiefer ist als jene andere, welche durch politische und soziale Ungerechtigkeiten geschah und geschieht. Oft wird dies von Frauen nicht genug durchschaut, sogar mitgetragen und letztlich erst möglich gemacht. Während man einerseits die Grundrechte laut proklamiert, versucht man andererseits, die Frau auf ein menschenunwürdiges Dasein einzuschränken und betrachtet sie häufig mehr als "Objekt" denn als selbständige Person. Doch immer wenn das Hauptinteresse nur einigen äußeren Vorzügen gilt, ist die vordergründige Aufwertung der Frau gepaart mit höchster Mißachtung.

Soziale Veränderungen können die Frauen nicht wirklich befreien, wenn sie nicht in einen geistigen Umschwung eingebettet sind. Dieser Umschwung aber ist noch nicht vollzogen. Er scheint durch hedonistische Grundhaltungen, die in weiten Teilen der Gesellschaft anzutreffen sind, auch nicht gerade erleichtert zu werden. Diese Grundhaltungen sind sicher nicht an ein Geschlecht gebunden; sie zeigen sich gleichermaßen bei Männern wie bei Frauen.

Doch ist es wohl unbestreitbar, daß sie - vielleicht als Reaktion auf allzu große Verletzungen - unter anderem auch in feministischen Übertreibungen ihren Ausdruck finden.
Der heutige Feminismus in seiner radikalen Form kann daher kaum als die legitime Fortsetzung der Frauenrechtsbewegung betrachtet werden. Er hat mit ihr nur noch wenig gemein. Denn im Grunde knüpft er nicht an die Problematik der Frauenrechtsbewegung an, die - wie selbst extreme Feministinnen zugeben - für uns hier und heute kaum noch existiert.[16]

Einem Teil der heutigen Feministinnen geht es nicht mehr lediglich um die rechtliche und soziale Gleichstellung der Frau, sondern um die Gleichartigkeit der Geschlechter. Sie fordern eine völlige Aufhebung der - wie sie es nennen - traditionellen Rollenteilung von Mann und Frau und lehnen vielfach die Mutterschaft, vor allem aber Ehe und Familie entschieden ab. Dabei stützen sie sich auf Simone de Beauvoir (1908-1986), die berühmte Lebensgefährtin Sartres. Diese wird mit Recht als die wegbereitende Feministin unseres Jahrhunderts betrachtet, deren Einfluß kaum zu überschätzen ist. Beauvoir warnt sogar vor der "Falle der Mutterschaft", die den Frauen ihre Freiheit und Aufstiegschancen nehme.[17] Denn wenn eine Frau ein Kind oder sogar mehrere Kinder hat, ist sie nicht mehr so unabhängig wie vorher. Jeder weiß, wieviel Arbeit ein Baby macht. Die Frau ist, wenn sie ein Kind hat, "gebunden" und kann im Berufsfeld nicht mit dem Mann konkurrieren. Sie wird folglich an ihrer Karriere gehindert. Daher, so fordern radikale Feministinnen, solle die Frau sich von den "Ketten ihrer Natur" lösen. Ihr Verhalten müsse auf der sog. "Neuen Ethik" basieren, und das heißt: Alles ist erlaubt, alles Herkömmliche wird grundsätzlich in Frage gestellt, auch die natürlichen zwischenmenschlichen Beziehungen, wie sie in Ehe und Familie zum Ausdruck kommen. Konkret äußert sich dies in der Verbreitung lesbischer Beziehungen,[18] in der Forderung nach freier Abtreibung,[19] nach der Übertragung der Kindererziehung auf die Gesellschaft und nach dem Ersatz der Schwangerschaft durch Retortenzüchtung.[20] Autonomie und Durchsetzungsvermögen gelten oft als die höchsten Werte. Das wird z.B. an der Umschreibung eines Spruches deutlich, der den Mädchen früher in das Poesiealbum gesetzt wurde. Früher hieß es (recht kitschig):

"Sei wie das Veilchen im Moose,
sittsam, bescheiden und rein,
und nicht wie die stolze Rose,
die immer bewundert will sein."

Es ist interessant und hmrvoll, heute folgende Aufforderung in den Frauenzeitschriften zu finden:

"Seid wie die stolze Rose
selbstbewußt, kritisch und frei,
und nicht wie das Veilchen im
Moose, bescheiden, verschüchtert
und treu."[21]

Der heutige Feminismus ist in gewisser Weise ein Produkt der europäischen Studentenrevolutionen von 1968. Innerhalb dieser Bewegungen fühlten sich einige Studentinnen von ihren männlichen Kollegen unterdrückt, lösten sich von ihnen und gründeten sog. "Weiberräte" an den Universitäten. Nach dem Vorbild dieser "Weiberräte" wurden in vielen Städten des deutschsprachigen Raumes (mit Ausnahme der damaligen DDR) "autonome Frauengruppen" gegründet. Sie alle verlangen "Selbstverwirklichung für die Frau", und das bedeutet für sie: Abschaffung des Abtreibungsparagraphen und Befreiung von jeglicher Abhängigkeit von Mann und Kind. Der Begriff "Feminismus", so wie wir ihn heute gebrauchen, meint tatsächlich häufig eine Lösung der Frau von den "Fesseln der Natur". Er existiert in diesem Sinne übrigens erst seit 1980 im "Duden", dem offiziellen deutschen Wörterbuch. Das zeigt, wie jung diese Bewegung ist, aber mit welcher Wucht sie sich ausgebreitet hat und immer mehr ausbreitet.

Waren die gemäßigten Frauenbewegungen bemüht, den Frauen anerkannte Freiräume zu verschaffen, in denen sie das entwickeln konnten, was ihrem Wesen und ihren Begabungen entsprach, so geht es dem radikalen Feminismus darum, das von der Natur Vorgegebene eigenwillig zu "korrigieren" und zu verfälschen. Das Konzept ist revolutionär, die Ziele sind radikal. Der extreme Zweig des Feminismus intendiert eine völlige Änderung des Menschen und der herkömmlichen Gesellschaftsordnung. Daher ist er öfter sogar als Höhepunkt der neuzeitlichen antichristlichen Revolutionen bezeichnet worden. Marcuse, einer der bedeutendsten sozialistischen Philosophen in Deutschland, nennt den Feminismus mit Recht "die vielleicht wichtigste und potentiell radikalste Bewegung, die wir haben."[22]



Insgesamt führt uns die Bestandsaufnahme zu zwei Ergebnissen. Erstens sind Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen in der Menschheitsgeschichte immer wieder aufgetreten. Es fällt nicht schwer, Fakten und Zitate zusammenzutragen, die beweisen, wie oft Frauen gedemütigt, mißbraucht und verspottet wurden. Zweitens sind die Bestrebungen, diese Mißstände zu lösen, mit oft unterschiedlichsten Zielen verfolgt worden, wie an dem Gegensatz von gemäßigter Frauenbewegung und radikalem Feminismus zu sehen ist. Nun stellt sich erneut die Frage nach dem richtigen Verständnis von Mann und Frau und ihrem Verhältnis zueinander. Und es ist zu vermuten, daß der christliche Glaube viel hierzu sagen kann - gerade wenn man bedenkt, in welch hohem Maße Christus selbst die Frau aufgewertet hat.

Im folgenden soll daher geprüft werden, welche Hinweise wir dem Glauben zu Würde und Stellung der Frau in der modernen Gesellschaft entnehmen können.


Gleich in Verschiedenheit


Zunächst sind Mann und Frau natürlich in ihrem Menschsein gleich. Dies gilt als notwendige Voraussetzung für alles weitere Reden über die Geschlechter.

Im Schöpfungsbericht der Genesis (1,27) heißt es unmißverständlich, daß Gott den Menschen - Mann und Frau - nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen hat. Dies besagt: Beide Geschlechter sind gemeinsames Bild des Ursprungs; beider Würde ist in Gott begründet. Beide haben denselben Wesensgrund, sind vernunftbegabt und frei; beide haben die Gestaltung der Erde als gemeinsamen Auftrag erhalten, und beide besitzen eine letzte Unmittelbarkeit zu Gott allein. Sowohl der Mann als auch die Frau sind, christlich gesprochen, von Gott um ihrer selbst willen geliebt, und gerade darin besteht ihre Würde. (Der Doppelauftrag, über die Welt zu herrschen und fruchtbar zu sein, ist an beide gerichtet, - nicht der erste Teil an Adam, der zweite an Eva.)

Darüber hinaus betont die Genesis, daß Mann und Frau dazu bestimmt sind, "füreinander" dazusein.[23] Bei der "Hilfe", von der an anderer Stelle (2,18-25) die Rede ist, handelt es sich natürlich um eine gegenseitige: Der Mann ist eine Hilfe für die Frau, und diese ist eine Hilfe für den Mann. Beide können sich zu einem glücklichen Leben "verhelfen", in bestimmter Weise also ergänzen. Denn ihr Menschsein ist - bei völlig gleichem Rang und gleicher Würde - auf verschiedene Art ausgeprägt. Der Schöpfungsbericht bezeugt, daß die geschlechtliche Differenz von Anfang an existiert. Sie ist nicht unwesentlich oder nachträglich, nicht nur Ausdruck gesellschaftlicher Prägung, sondern stammt von der Absicht des Schöpfers selbst, von dem göttlichen Willen zum Mann und zur Frau. Die Geschlechtlichkeit ist folglich nicht eine bloße Bedingung, die auch fehlen könnte, und sie ist auch nicht irgendeine Wirklichkeit, die nur auf den leiblichen Bereich zu begrenzen wäre. Mann und Frau ergänzen sich in ihrer je spezifischen leiblich-seelisch-geistigen Natur. Beide besitzen Wertqualitäten, die ihnen eigen sind, und jeder ist dem anderen in seinem Bereich überlegen, was tatsächlich durch die psychologischen und medizinischen Forschungen immer wieder bestätigt wird.[24]

Die höchst konkrete, anschauliche und fühlbare Andersheit von Mann und Frau muß weder nivelliert noch geleugnet werden. Der Sinn für Unterschiede ist nach Jörg Splett sogar ein "Gradmesser für die Kultiviertheit des Menschen überhaupt". Splett erwähnt in diesem Zusammenhang "ein altes chinesisches Sprichwort, das sagt, die Weisheit beginne damit, dem anderen sein Anderssein zu vergeben."[25] Nicht ununterschiedene Harmonie, sondern eine gesunde Spannung zwischen den je anderen Polen macht das Leben interessant und reich.

Natürlich gibt es nicht "den" Mann oder "die" Frau, wohl aber Unterschiede in der Verteilung bestimmter Fähigkeiten. Wenn auch kein einziges psychologisches oder geistiges Merkmal festgestellt werden kann, das ausschließlich einem Geschlecht zukommt, so gibt es doch Eigenschaften, die besonders häufig und besonders ausgeprägt bei Männern auftreten, und andere, die besonders Frauen betreffen. Diese zu benennen, ist eine höchst schwierige Aufgabe. Ich habe mir manchmal die Frage gestellt, ob es überhaupt möglich ist, eines Tages mit wissenschaftlicher Genauigkeit zu sagen, etwas sei "typisch männlich" oder "typisch weiblich", da die beiden großen Formgeber, Natur und Kultur, aufs engste ineinander verwoben sind. Doch die Tatsache, daß Männer und Frauen auf verschiedene Art die Welt erleben, Aufgaben bewältigen, fühlen, planen und reagieren, ist für jeden Menschen wohl auch ohne Wissenschaft spürbar und erkennbar.

Von den vielen Beispielen, die immer wieder angeführt werden, möchte ich nur eines nennen. Schon im Säuglingsalter beobachten Forscher immer wieder bei Mädchen ein stärkeres soziales Interesse als bei Jungen. Nach bekannten Untersuchungen reagieren männliche Säuglinge in den ersten Wochen deutlicher auf optische Reize, während weibliche Säuglinge sich mehr für Stimmen und Berührungen interessieren. Dies, so schließen Psychologen, sind erste Auswirkungen der seit langem bekannten Tatsache, daß bei Männern das räumliche Vorstellungsvermögen besonders ausgeprägt ist, bei Frauen hingegen zwischenmenschliche Kontakte vorrangig sind.[26]


Das Spezifische der Frau


Nach der statistischen Verteilung treten einige Begabungen häufiger bei Männern, andere eher bei Frauen auf. Doch sagt dies natürlich gar nichts über den einzelnen Mann oder die einzelne Frau. Wenn auch einige Eigenschaften besonders häufig bei Männern zu finden sind, so können sie im konkreten Fall natürlich bei einzelnen Frauen viel ausgeprägter sein, und umgekehrt. Denn jeder Mensch hat seine individuelle Eigenart und Anlage, und in dieser Anlage hat er die Befähigung zu künstlerischen, technischen, wissenschaftlichen, sozialen oder praktischen Tätigkeiten. Beide Geschlechter sind grundsätzlich zu jeder körperlichen und geistigen Tätigkeit imstande, wenn auch einige den Frauen, andere den Männern im allgemeinen leichter fallen. Denn die geistigen Fähigkeiten - Intuition und Personbezogenheit auf der einen Seite, Objektivität und Universalität des Denkens und Planens auf der anderen - sind nicht je und je exklusiv auf Frau oder Mann verteilt. Sie sind ihnen nicht zuzuordnen in der Weise des Entweder-Oder, sondern des stärkeren Tendierens innerhalb einer gemeinsamen geistigen Ausstattung.

Man täte also Unrecht, wollte man gemäß der differentiellen Verteilung ein "Frauenbild" aufbauen, das dann ganz in der Linie der alten Klischees etwa lauten würde: Der Mann ist rational, aktiv, dominierend; die Frau ist sentimental, passiv, hingegeben. Auch die Frau beherrscht die komplizierteste Technik, und auch der Mann ist dazu bestimmt, sich in der Erziehung von Kindern zu verwirklichen, welche keine spezifisch weibliche Angelegenheit, sondern Sache der Liebe ist.

Gleiche geistige Fähigkeiten von Mann und Frau rechtfertigen den Anspruch der Frau auf öffentliche Verantwortung. Von seiten des Mannes wird hier ein echtes Annehmen-Können der Leistungen der Frau verlangt. Diese schmälern nicht seinen eigenen Wert, sondern heben den Wert des Menschseins. Besondere weibliche Züge, wie etwa der Wunsch zu vermitteln und Gegensätze auszugleichen, Einfühlungsvermögen und Taktgefühl, können zu jener Humanisierung der Arbeitswelt wirksam beitragen, die in unserer Zeit so dringend gefordert wird (und auch schon zu einem Schlagwort geworden ist).

Das Besondere von Frau und Mann ist sicher nicht in ihren je eigenen Talenten zu sehen. Das ihnen je Spezifische ist wohl am ehesten zu fassen in der Gabe zur Mutter- oder Vaterschaft. Nur der Mann kann Vater, nur die Frau kann Mutter sein. Doch auch wenn Mann und Frau gemeinsam beteiligt sind, wenn ein neues Leben entsteht, engagiert sich die Frau in der Elternschaft wesentlich mehr als der Mann. Dies kommt besonders im vorgeburtlichen Stadium zum Ausdruck, in dem eine Reihe der körperlichen und seelischen Energien der Frau von dem noch winzigen Kind absorbiert wird. Der Mann, obgleich er Vater ist, befindet sich immer "außerhalb" des Prozesses der Schwangerschaft und der Geburt und kann nur durch seine Frau daran teilhaben. Er trägt zur gemeinsamen Elternschaft zunächst viel weniger bei als die Frau; daher muß er sich bewußt sein, daß er seiner Frau gegenüber besondere Verpflichtungen hat. Papst Johannes Paul II. sagt sogar (in einem beachtenswerten Schreiben über die Würde der Frau), daß der Mann unter diesem Aspekt der "Schuldner" der Frau sei.[27] Es geht darum, daß er sich seiner Frau gegenüber solidarisch zeigt, daß eine wirkliche Partnerschaft aufgebaut wird - und das bedeutet für die Eheleute: Vertrauen und lebendige Beziehung, Interesse aneinander und gemeinsames Lösen aller auftretenden Probleme in gemeinsamer Verantwortung.

Darüber hinaus ist die Mutterschaft aber nicht nur ein physiologischer Prozeß. Sie ist vielmehr eine Wirklichkeit, die das gesamte Sein und Verhalten der Frau von Grund auf erfaßt und auch der psychisch-physischen Struktur der Fraulichkeit entspricht. Durch die Mutterschaft hat die Frau eine sehr innerliche Verbindung mit dem Geheimnis des Lebens, das in ihrem Schoß reift. Dieser einzigartige Kontakt mit dem neuen Menschen schafft gleichzeitig eine Haltung gegenüber allen Menschen, die die Persönlichkeit der Frau zutiefst prägt. Allgemein drückt sich dies in ihrer natürlichen Neigung aus, in die interpersonalen Beziehungen das Konkret-Menschliche einzubringen.

Das bedeutet: Die Frau hat eine besondere Begabung, in der Masse den einzelnen zu erblicken und zu fördern. Sie hat besonderen Sinn für das Konkrete. Gott hat ihr "in einer besonderen Weise den Menschen anvertraut."[28] (Das sagt Johannes Paul II. in dem schon erwähnten Schreiben über die Würde der Frau.)

Das Leben besteht ja nicht nur im Planen großartiger Projekte, sondern unaufhörlich in tausend Kleinigkeiten, ohne deren Bewältigung man oft auch nichts Großes leisten kann. Mancher Mensch käme sich in der Welt verloren vor, hätte er an seiner Seite nicht jemanden, der ihm hilft, sich in der "großen" Wirklichkeit zurechtzufinden. Die Frau hat nun eine besondere Begabung, das konkrete Leben zur Entfaltung zu bringen; und hier wird ihre besondere Berufung offenbar: Daß die Individualität nicht zugrunde geht im Allgemeinen, daß der gestreßte Mensch sich in einer Welt "kalter" Mechanismen und Apparaturen noch wohl fühlen kann, dies ist vor allem Auftrag und Leistung der Frau.

Natürlich ist keineswegs bewiesen, daß Frauen "automatisch" eine menschlichere Welt gestalten als Männer. Diese Welt kann sich letztlich nur ändern, wenn beide Geschlechter eine neue Kultur fördern, in welcher "Liebe", "Hingabe" und "Füreinander-Dasein" von neuem verstanden und gelebt werden,[29] die aber durch den Einsatz der Frau wesentlich bereichert werden kann.[30] Sicher hat sich auch der Mann um Menschlichkeit zu bemühen. Da er von Natur her aber eine größere Distanz zum Leben hat, kann er hier von der Frau viel lernen. Dies gilt vor allem auch für seine Vaterschaft und betrifft in besonderem Maße die Zeit nach der Geburt.[31]


Schlußbemerkung


Aus dem Gesagten ergibt sich zweierlei für die "Frauenfrage":

1. Gleicher Rang und Ebenbürtigkeit der Geschlechter sind unbedingt zu verteidigen. Jeder, dem die Gerechtigkeit in der Welt ein Anliegen ist, muß sich klar und eindeutig auf die Seite derjenigen stellen, die sich für die legitimen Rechte der Frauen einsetzen: für eine adäquate Ausbildung, für politische und soziale Gleichberechtigung, für Arbeit unter menschenwürdigen Bedingungen. Dies ist zwar in der westlichen Welt weitgehend erreicht, aber in den Ländern der dritten Welt noch lange nicht. Und auch da, wo die Frau offiziell gleichberechtigt ist, bleibt noch viel zu tun, um Stereotype und Vorurteile auszurotten.

2. Bei aller Befürwortung und Unterstützung der Frauenrechtsbewegungen ist dem radikalen Feminismus dagegen eine Absage zu erteilen. Auch wenn er vorgibt, die Frau zu fördern, so zerstört er sie in Wahrheit zutiefst. Denn Einheit und Gleichwertigkeit von Mann und Frau heben die Verschiedenheit nicht auf. Natürlich sind die weiblichen (wie die männlichen) Eigenschaften bis zu einem gewissen Grad wandelbar, können aber nicht vollends übergangen werden. "Es gibt da einen Rest von Determiniertheit..., der sich nicht mehr ohne Krampf und Selbstverleugnung aufheben läßt."[32] Weder eine Frau noch ein Mann kann gegen die eigene Natur angehen, ohne unglücklich zu werden. Der Feminismus gibt daher eine falsche Antwort auf erlittenes Unrecht; statt die Kränkungen und Verwundungen zu heilen, scheint er diese viel eher noch zu vertiefen.

Die feministische Theologie schließlich - radikal betrieben - zerstört die Fundamente des Glaubens selbst, mag sie auch einige berechtigte Anliegen haben. Denn auch wenn Gott jenseits der Geschlechter ist, so hat er sich uns doch als Vater offenbart. Friedebert Hohmeier, ein evangelischer Theologe, bemerkt treffend: "Wenn unser menschlicher Name ein Ausdruck unserer einmaligen Person ist..., mit welchem Recht dürfen wir uns dem heiligen Gott gegenüber eine Änderung eines seiner Namen erlauben, gar noch in der Meinung, Gottes Wesen damit besser zu erfassen, als er sich in seinem Namen geoffenbart hat?"[33]

Zum Schluß noch eine Bemerkung: Ich habe Frauenrechtsbewegungen und Feminismus aus Gründen der Klarheit und Übersicht getrennt, um deutlich zu machen, daß sie in einem jeweils verschiedenen Welt- und Menschenbild gründen: Frauenrechtliche Forderungen sind mit einem christlichen Selbstverständnis vereinbar; mehr noch, sie sind vom Christentum her zu legitimieren. Denn als Gott den Menschen als Mann und Frau schuf, gab er beiden dieselbe Freiheit und dieselbe Würde, und er bestimmte beide gemeinsam dazu, über die sichtbare Natur zu herrschen. Leider kam es zum Bruch zwischen Mensch und Gott, als Folge auch zu Störungen in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Die dann anzutreffende Unterdrückung der Frau zeigt eine falsche Entwicklung in der Gesellschaft, die unbedingt zu korrigieren ist. Sie muß mit allen Kräften bekämpft werden, wozu der aktuelle Papst ja auch seinen mutmachenden Segen gibt. Feministische Forderungen dagegen betrachten den Menschen nicht als Werk Gottes, eher als Zufallsprodukt oder Selbstentwurf. Sie gründen im atheistischen Existentialismus, den Simone de Beauvoir auf das weibliche Dasein übertragen hat, und sind vor allem von marxistischen und neomarxistischen Gruppen auf der ganzen Welt propagiert worden. Der Mensch, so wird von diesen Gruppen betont, sieht sich in bestimmte soziokulturelle und ökonomische Gegebenheiten gestellt, wenn er ins Leben tritt; er kann (und muß) Stellung dazu beziehen, sein Ich im Rahmen der ihn umgrenzenden Möglichkeiten entfalten und sich schließlich zu dem machen, was er will. Dabei ist er niemandem verpflichtet als sich selbst. Er kennt keinen Schöpfergott, keinen transzendenten Sinn, kein Fortleben nach dem Tod. Das Dasein auf dieser Erde kann aus dieser Perspektive natürlich nicht heiter-gelassen angenommen werden. Es wird zum zwanghaften und schließlich verzweifelten Versuch, sich durchzusetzen, zu behaupten - zu "verwirklichen". Dabei ist selbstverständlich "alles erlaubt", was der Realisierung eigener Pläne und Ideen, was der Befriedigung unmittelbarer Bedürfnisse dient - wer sollte es denn verbieten?

Das Schwierige ist nun, daß man diese beiden kurz dargestellten Richtungen, die im Grunde entgegengesetzt sind, fast überall gemeinsam antrifft. Schon in der Frauenrechtsbewegung waren radikal-feministisch eingestellte Frauen. Und auch heute gibt es zahlreiche Frauen, die überall in der Welt für eine gerechte Anerkennung ihrer Würde eintreten, die für Gleichberechtigung in allen gesellschaftlichen Bereichen verdienstvoll kämpfen, ohne sich radikal-feministischer Parolen zu bedienen. Doch in fast jeder Debatte, in fast jedem Thesenpapier oder Programm mischen sich die so notwendigen Forderungen nach Menschenrechten für die Frau mit radikalfeministischen Gedanken. Unterschiedliche, selbst gegensätzliche Ansprüche gehen quer durch so manches menschliche Herz, quer durch Gruppierungen und Parteien - sogar quer durch die Theologie - hindurch. In jedem einzelnen Fall wird daher klar zu unterscheiden sein, was an den Forderungen legitim und was aus einer christlichen Weltsicht heraus nicht zu verantworten ist.

Als Ergebnis ließe sich festhalten: Emanzipation auf jeden Fall - von Vorurteilen und Klischees, von hemmenden Traditionen und zu eng gewordenen Lebensformen, aber nicht von ethischen Werten und zwischenmenschlichen Bindungen - und auch nicht von den Quellen der Offenbarung. Es kann bei der "Selbstbefreiung" der Frau nicht um ein billiges Angleichen an den Mann gehen. Etwas viel Teureres, Lohnenderes, aber auch Schwierigeres muß angestrebt werden: die Selbstannahme der Frau in ihrem Anderssein, in ihrem Einmaligsein als Frau. "Ziel der Emanzipation ist es, sich der Manipulation zu entziehen, nicht Produkt zu werden, sondern Original zu sein", sagt Bischof Kamphaus.[34] Gerade im Widerstand gegen die allgemeinen Trends bewährt sich die eigene Freiheit. Wahre Förderung der Frau befreit nicht "von" den Eigenarten, sondern "zu ihnen hin". Sie beinhaltet daher auch die Wieder-Aufwertung von Mutterschaft, Ehe und Familie. Wenn man gegen den sozialen Zwang von früher kämpft, der Frauen aus vielen Berufen ausschloß, warum scheut man sich dann so, auch gegen den heutigen - viel subtileren - Druck vorzugehen, der Frauen vorgaukelt, nur außerhalb der Familie fänden sie Erfüllung?

Heute wird vielen Frauen von neuem klar, daß man nicht außerhalb der Basis der eigenen Natur frei werden kann, daß das Geschlecht, mehr als Privileg oder Diskriminierung, immer auch eine Chance zur Selbstentfaltung bedeutet. Folglich setzen sie sich dafür ein, daß die Förderung der Frau nicht im außerhäuslichen Bereich allein betrieben wird. Die berufstätige Frau darf - bei aller Anerkennung ihrer berechtigten Anliegen - nicht zum einzigen Ideal weiblicher Selbständigkeit erklärt werden; sonst entsteht ein sozialer Zwang, der sowohl den Frauen als auch den Männern und nicht zuletzt der Familie schadet.

Dabei liegt in der Familie nach wie vor eine der wichtigsten Aufgaben der Frau. Der spezifische Beitrag, der hier geleistet wird, muß selbstverständlich in der Gesetzgebung voll berücksichtigt und endlich auch in finanzieller und sozialpolitischer Hinsicht gebührend honoriert werden.[35] An dieser Gesetzgebung mitzuwirken, sollte weltweit nicht nur als Recht, sondern auch als Pflicht der Frau betrachtet werden.

Die beste Voraussetzung für ein harmonisches Zusammenleben der Geschlechter scheint ein christliches Selbstverständnis des Menschen (der Frau wie des Mannes) zu sein. Wie die Sünde das Band zwischen den Geschlechtern zerschnitten hat, so vermag die Gnade eine neue Harmonie zwischen ihnen zu schaffen. Ihre Beziehung wird daher umso schöner sein, je größer ihre Gottesnähe ist. Als Christen wollen Mann und Frau nicht unabhängig, aber selbständig sein; sie können sich gegenseitig anerkennen und Freude aneinander haben. Und schließlich vermögen beide gleichberechtigt zusammenzuleben, in gemeinsamer Verantwortung für die Zukunft unserer Welt.

Je christlicher diese Welt ist, desto menschlicher wird sie auch sein, und desto mehr wird man in ihr auf die Würde und Freiheit jedes einzelnen Menschen achten.


Jutta Burggraf

[1] Vgl. Tacitus: Germania, XVIII und XIX.
[2] Peter Ketter: Christus und die Frauen, Bd. I, 4. Aufl. Stuttgart 1948, S. 4 f.
[3] Vgl. Georg Siegmund: Die Stellung der Frau in der Welt von heute, Stein am Rhein 1981, S. 54
[4] Vgl. Johannes Paul II.: Apostolisches Schreiben Mulieris dignitatem, 15.August 1985, Nr.13
[5] Joh 4,27
[6] Vgl. Joh 4,7-26
[7] Vgl. ebd., Nr.16
[8] Zitiert bei Gabriele Pechel-Hoffmann: Der Kampf der Frauen um das Studium, in: Die christliche Frau, Heft 5/1987, S. 7
[9] Zitiert bei Joachim Hofmann-Göttig: Frauen raus aus den Separées, in: Informationen für die Frau, 37. Jg., Folge 6, Juni 1988, S. 7
[10] zitiert bei Hannelore Schröder (Hrsg.): Die Frau ist frei geboren. Texte zur Frauenemanzipation, Bd. I, München 1979, S. 38.
[11] Olympe de Gouges wurde offiziell nach Artikel I des Gesetzes vom 29.3.1792 umgebracht: "Wer auch immer Schriften verfaßt oder gedruckt hat, die auf die Zersetzung der Volksvertretung, auf die Wiederherstellung des Königtums oder irgendeiner anderen Macht abzielen, die gegen die Souveränität des Volkes gerichtet ist, sei mit dem Tode bestraft." Zeitgenössische Kommentare machen deutlich, daß man die Verurteilung in weiten Kreisen als einen Willkürakt Robespierres betrachtete, der die Emanzipationsbewegung der Frauen zu unterdrücken strebte. Vgl. Olympe de Gouges: Oeuvres. Présentées par Benoíte Groult, Paris 1986, S.56 ff.
[12] Theodor Gottlieb von Hippel: Über die bürgerliche Verbesserung des Weibes, 1792, in: Hannelore Schröder (Hrsg.): Die Frau ist frei geboren, München 1979, S. 38.
[13] zitiert bei Roswitha Wisniewski: a.a.O., S.3.
[14] Vgl. Hedwig Dohm: a.a.O., S. 42.
[15] Ebd., S. 60.
[16] Vgl. Elisabeth Desai: Kinder? Höchstens 1! Hamburg 1985, S. 20.
[17] Simone de Beauvoir: Interview von Alice Schwarzer, in: Der Spiegel 15 (1976), S. 195; vgl. auch Simone de Beauvoir: "Alles in allem, Reinbek 1974, S. 450.
[18] Vgl. dies. in ihrem Hauptwerk "Le Deuxième Sexe" (Paris 1949), deutsch "Das andere Geschlecht" (Hamburg 1951), das oft als Bibel der Frauenbewegung bezeichnet wurde, S. 409 ff.
[19] Vgl. ebd., S. 504: "Es gibt nichts Absurderes als die Gründe, die gegen die Legalisierung der Abtreibung herangezogen werden." Auch S. 697; dies., Alles in allem, Reinbek 1974, S. 450.
[20] Vgl. dies.: Das andere Geschlecht, S. 697.
[21] Anke Martiny: Poesie-Album, in: Informationen für die Frau, 27. Jg., Folge 9, 1988, S. 13.
[22] Herbert Marcuse: Marxismus und Feminismus, in: Jahrbuch Politik 6, Berlin 1974, S. 86.
[23] Vgl. Johannes Paul II.: Mulieris Dignitatem, Nr. 7.
[24] Vgl. etwa Beatrice Flad-Schnorrenberg: Der wahre Unterschied, Freiburg 1978; Ferdinand Merz: Geschlechtsunterschiede und ihre Entwicklung, Lehrbuch der differentiellen Psychologie, Bd. III, Göttingen 1979.
[25] Jörg Splett: Der Mensch. Mann und Frau, Frankfurt 1980, S.18.
[26] Vgl. Michaela Freifrau Heereman: Über den Einfluß des Zeitgeistes auf das Selbstverständnis der Frau, in: Lebendiges Zeugnis, 41. Jg., Nr. 3, Oktober 1986, S. 34.
[27] Vgl. Johannes Paul II.: Mulieris dignitatem, Nr. 18.
[28] Ebd., Nr. 30.
[29] Vgl. ebd., Nr. 18.
[30] Vgl. ebd., Nr. 30.
[31] Vgl. ebd., Nr. 18.
[32] Barbara Sichtermann: Wer ist wie? Berlin 1987, S. 27.
[33] Friedebert Hohmeier: Der theologische Feminismus im Spiegel seines Bibelgebrauchs, in: Peter Beyerhaus (Hrsg.): Frauen im theologischen Aufstand, a.a.O., S.103
[34] Franz Kamphaus: Mutter Kirche und ihre Töchter, Freiburg-Basel-Wien 1989, S. 32.
[35] Vgl. Johannes Paul II.: Enzyklika Laborem exercens, 14. Sept. 1981, Nr. 19.

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15.3.07

In der Schule des Schmerzes

Als junge Studentin fand ich einmal ein ziemlich staubiges, altmodisches, kleines Buch auf meinem Arbeitstisch. Ich erinnere mich noch deutlich, daß es ein ausgesprochen trüber Tag war. Vielleicht hatte ich Kopfschmerzen, wenig geschlafen oder irgendein Problem. Jedenfalls war ich nicht sonderlich in Stimmung, um ernsthaft zu arbeiten. Ich begann zu blättern und stellte fest, daß es sich um die Essays einer gelähmten Frau handelte. Schon bald wurde ich von ihnen so gefesselt, daß ich sie in einem Satz verschlang. Als ich das kleine Buch schließlich aus den Händen legte, sah die Welt um mich herum anders aus. Ich bemerkte die Sonnenstrahlen, die durch die Fenster unserer Unibibliothek drangen, freute mich an dem kleinen Stück vom blauen Himmel, das zu sehen war, fühlte mich merkwürdig dankbar dafür, daß ich Arme und Beine bewegen und atmen konnte, daß ich lebendig war. Spontan blickte ich mich um, und die todernsten Gesichter einiger Kommilitonen dämpften meine Euphorie. Doch ich spürte den dringenden Wusch, mehr über das nachzudenken, was ich da gelesen hatte, und vor allem auch mit Freunden darüber zu sprechen…

Seither habe ich das kleine Buch nicht vergessen. In ihm erzählt eine behinderte Frau mit heiterer Gelassenheit von ihrem Leben. Sie bejaht dieses Leben, “malgré tout, zum Trotz von Schmerz und Prüfung, Entbehrungen und Enttäuschungen,”[1] und sie liebt unsere Welt - wesentlich mehr, wie mir scheint, als viele andere, die von der Gesellschaft als gesund und dynamisch bezeichnet werden. “Wer Ja zum Leben sagt, hat auch schon Ja zum Schmerz gesagt,”[2] betont sie schlicht. Sie weist ruhig darauf hin, daß der Schmerz nicht nur für einen behinderten, sondern für jeden Menschen zum Leben dazugehört (wie das Gesicht zum Kopf), daß er sich in der einen oder anderen Form allen zeigt, selbst den Glücklichsten und Erfolgreichsten unter uns.

Schmerz als allgemein menschliche Erfahrung

Tatsächlich gibt es wohl kaum jemanden, der nie Einsamkeit, Scheitern oder den Verlust seiner Illusionen erlebt hätte. Wir alle fühlen uns manchmal aufgerieben, werden hin und wieder belächelt, vielleicht auch bespottet oder hart kritisiert. “Nimm die Tageszeitung! Jeder Tag ist eine Wunde,” hat jemand einmal höchst zutreffend gemeint. Andere klagen, wieviele Konflike allein aus der Sprachnot, aus den Verständnisschwierigkeiten entstehen können.[3] Ich muß kein Ausländer in einem fernen Land sein, um zu erfahren, wie selten es ist, einen Menschen zu finden, der mich versteht - und den ich verstehe… Ja, auch im äußersten Glück, in Reichtum und Gesundheit kann der Schmerz erfaßt werden - allerdings nur von denen, die eine gewisse Sensibilität, eine gewisse ‘Tiefendimension’ in ihrem Inneren entwickelt haben und fähig sind, die Nöte der Menschen wahrzunehmen.

Man kann ganz nüchtern davon ausgehen, daß jeder von uns im Laufe seines Lebens auf vielfältige Weise mit dem Schmerz konfrontiert wird. Wenn dieser Schmerz verarbeitet wird, so kann er anscheinend als Schwung und Ansporn dienen. Geschieht dies nicht, so zerfrißt er uns langsam, aber sicher. Manche gehen auf Weltreise, wenn sie ein Unglück trifft, oder sie ziehen in eine andere Stadt. Aber sie können dem Leid nicht entfliehen. Jeder Schmerz, der lediglich verleugnet und bemäntelt wird, kehrt durch die Hintertür wieder zurück. Als traumatische Erfahrung wirkt er lange fort, kann bleibende Verletzungen und auch folgenschwere Verblendungen begründen. Verdrängter Schmerz kann im einzelnen dazu führen, daß ein Mensch verbittert, obsessiv, ängstlich, nervös oder auch unverständlich hart wird, sich der Freundschaft verweigert und Albträume hat. Ungebeten tauchen die Erinnerungen auf, vielleicht täglich, vielleicht erst nach vielen Jahren. Am Ende sehen dann manche ein, daß es besser gewesen wäre, wenn man den Erfahrungen bewußt und direkt begegnet wäre. Doch dazu ist dann oft die Hilfe eines Psychotherapeuten notwendig.

Man kann dem Schmerz nicht ausweichen. Wenn man versucht, ihn totzuschweigen, fehlt Lebendigkeit. Vielleicht könnte man auch sagen, es fehlt Identität, da man wesentliche Bereiche des eigenen Lebens einfach ignoriert. Ich denke, es fehlt vor allem die Voraussetzung zu echter Freundschaft, weil man nicht fähig ist, ein unverfälschtes Selbst in die Beziehung zu einem anderen Menschen einzubringen. Man spielt sich selbst und den anderen Theater vor, das Theater eines rosaroten, gekünstelten Lebens.

An jenem fernen Tag, als ich die Essays der gelähmten Frau in unserer Unibibliothek las, begriff ich plötzlich: Wer nicht gelitten hat, hat nicht gelebt. Wer den Schmerz nur verdrängt oder vor ihm davonläuft, hat keine Möglichkeit, das wirkliche Leben - den Reichtum des inneren Lebens - mit seinen unergründlichen Tiefen und sonnigen Höhen kennenzulernen. Er sieht den Zoo, nicht die Wildnis. Manchmal mag er sich oberflächlich, feige, leer oder auch öde fühlen. Vor allem aber ist er kein Realist; und er ist erst recht kein Lebenskünstler.

Ob ein Leben gelingt, entscheidet sich wohl weniger in den glücklichen als in den schweren Stunden - nicht an Festtagen, sondern im gewöhnlichen Alltag. Wer nicht fähig und bereit ist, ein Leid anzunehmen, ist auch nicht lernfähig. Er kann in der “Schule des Schmerzes” nicht geformt werden, nicht innere Weite gewinnen, nicht Frieden finden wie jene sanfte Autorin, deren Persönlichkeit mich faszinierte.

Unnützer Schmerz

Soll der Schmerz also verherrlicht werden? Mit Sicherheit nicht! Ich pflege sehr skeptisch zu sein, wenn bei bestimmten Gelegenheiten vorschnell und feierlich vom “Adel des Leidens” gesprochen wird. Oft, scheint mir, wird dann weder die menschliche Not noch die ernste Herausforderung einer schmerzlichen Situation begriffen. In früheren Generationen etwa wurden die Frauen ermahnt, alle Ungerechtigkeiten ihrer Männer wortlos und geduldig zu ertragen. "Die süßen Beglückerinnen des Lebens sollen gefallen und nützlich sein,"[4] betonten männliche Autoren. Sie sollen "sanft und lieblich" die Laute spielen, dem Mann "Freude ins Herz lächeln",[5] ihn "als leichte und liebliche Welle...umspielen" und ihm schließlich "mit Grazienhänden den Staub von der Stirn wischen."[6] Knigge riet den Frauen sogar, sich ihrem Ehemann nur mit ehrerbietiger Aufmerksamkeit zu nähern, seine Launen zu studieren, seinen Befehlen sofort zu folgen und auf heftige Worte allenfalls eine ganz leise Antwort zu geben. Nur so könnten sie ihrer Verpflichtung nachkommen, Zierde und Schmuck des Mannes zu sein. [7] Die Frage, die sich angesichts dieser Albernheiten heute wohl nicht nur mir aufdrängt, lautet doch wohl: Wieviel unnützes und unsinniges Leid hatten unsere Urgroßmütter zu ertragen?

Das heißt natürlich nicht, daß der unnütze Schmerz einseitig geschlechtsspezifisch aufzufassen sei. Es gibt eine Menge “mystifiziertes Leid” völlig unanbängig vom Geschlecht, und es gibt darüber hinaus auch unnötiges “typisch männliches” Leiden, wenn etwa in unserer Kultur Jungen dazu erzogen wurden, keine Gefühle zu zeigen: “Ein Indianer kennt keinen Schmerz”, “Jungen weinen nicht”… Daraus ergeben sich sowohl für die Betroffenen selbst als auch für ihr Umfeld (Ehefrau, Kinder, Freunde) zahlreiche Komplikationen.

Wenn ein Schmerz vermieden werden kann, scheint es mir eine moralische Verpflichtung zu sein, ihn mit allen Kräften zu vermeiden.[8] Eine Opfer- und Leidensmentalität ist nicht nur unsympathisch; sie kann auch höchst egozentrisch sein und ist zudem noch ungesund. Jedes Leid ist eine Aufforderung an den einzelnen und an seine Mitmenschen, sich ihm mutig entgegenzustellen und - wenn möglich - zu überwinden.

Aber auch wenn wir uns noch so sehr anstrengen, bleibt genug Leid übrig, das mit physischen Mitteln nicht zu beheben ist. Es gibt Krankheiten, die trotz Operationen und Chemotherapien voranschreiten, sogenannte “Schicksalsschläge” und Katastrophen. Früher oder später haben wir wohl alle den Verlust geliebter Menschen zu beweinen, und schließlich wartet auf uns der eigene Tod, der vielleicht umso grauenvoller ist, je mehr man ihn in anonyme Kliniken zu verdrängen versucht… Es ist erstaunlich: Wir gehen alle miteinander, sicheren Schritts, auf ein Ende zu und wollen es nicht wahrhaben.

Menschliche Rebellion

Wie haben wir unsere Situation zu bewerten? Ist es völlig sinnlos, absurd, wenn wir Unverständnis, Demütigungen und Einsamkeit erfahren, wenn unsere liebsten Freunde und Verwandten uns verlassen, wir den Arbeitsplatz verlieren und an quälenden Krankheiten leiden? Ja, auf den ersten Blick betrachtet ist es das! Der Schmerz, in jeder nur möglichen Form, wird von uns spontan zurückgewiesen. Unsere menschliche Natur bäumt sich gegen ihn auf. Für Argumente ist kaum jemand zugänglich, nicht im ersten Moment. Goethe hat dies im Leiden des jungen Werther klassisch zur Sprache gebracht: “Und ward der Kelch dem Gott vom Himmel auf seiner Menschenlippe zu bitter, warum soll ich großtun und mich stellen, als schmeckte er mir süß?… Ist es da nicht die Stimme der ganz in sich gedrängten, sich selbst ermangelnden und unaufhaltsam hinabstürzenden Kreatur, in den inneren Tiefen ihrer vergebens aufarbeitenden Kräfte zu knirschen: ‘Mein Gott! Mein Gott! Warum hast du mich verlassen? Und sollt ich mich des Ausdrucks schämen, … da ihm der nicht entging, der die Himmel zusammenrollt wie ein Tuch?”[9] Sogar der anglikanische Schriftsteller C.S. Lewis, der für seine christliche Literatur weltweit bekannt ist, äußert im Schmerz um seine verstorbene Frau: “Aber kommt mir nicht und sprecht von den Tröstungen der Religion, oder ich schöpfe gegen euch Verdacht, daß ihr nichts versteht.”[10] Selbst die große heilige Teresa von Avila (eine spanische Ordensfrau aus dem 16. Jahrhundert) stritt mit ihrem Herrn und Meister Jesus Christus, als sie eine Wagenpanne hatte, und es entstand folgender bekannter Dialog: “Warum hast Du mir nicht geholfen, Herr?” - “Um dich im Leid zu prüfen, Teresa. Das mache ich mit allen meinen Freunden.” - Und die Heilige erwiderte prompt: “Deshalb hast Du so wenige Freunde!”

Es ist tröstlich, daß selbst vernünftige und vorbildliche Menschen gegen das Leid protestieren. Damit geben sie uns ein Zeichen von Ehrlichkeit, so meine ich. Sie zeigen sich uns, wie sie sind, in ihrer Schwäche und Hilfsbedürftigkeit; sogar in einer sympathischen. “Unvollkommenheit”. Und das ist ein Appell an uns! Wir müssen nicht den Helden oder die Heilige spielen, sondern dürfen menschlich sein, weinen und toben, zanken und schreien - wie es im griechischen Theater üblich war, wenn den Protagonisten ein Mißgeschick widerfuhr. Da gab es keine verzweifelte Selbstbeherrschung, keine gefühllose Ironie, sondern nur ein lautes Klagen und das offene Eingeständnis: Ich kann nicht mehr!… Der große mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin rät denen, die von einem Leid getroffen werden, außerdem noch etwas anderes, das mir höchst bedenkenswert erscheint: Sie sollen nicht grübeln und argumentieren, lesen und schreiben; zunächst einmal sollen sie etwas ganz Einfaches tun, nämlich “baden und schlafen”![11] Im ersten Augenblick sind wir eben oft nicht fähig, ein Mißgeschick anzunehmen. Wir brauchen Zeit, und es kann entlastend sein, den Regungen der menschlichen Natur zu folgen. Nur ein sehr kleingeistiger Mensch wird daran Anstoß nehmen!

Die Hilfe der anderen

Hier schließt sich die Frage an, wie wir als Unbetroffene einem leidenden Mitmenschen begegnen sollten. Diese Frage ist wichtig und sollte ab und zu ernsthaft erwogen werden, denn wir sind oft höchst unsicher auf diesem Gebiet und können, ohne es zu wollen, sogar grausam sein. Ein Mann, dessen Frau aufgrund eines Unfalls erblindet ist, gestand mir einmal: “Seit jenem schrecklichen Unfallstag lädt uns niemand mehr ein, da wir für alle unsere Bekannten eine Verlegenheit bedeuten.”… Was also könnten wir tun, um sinnvoll zu helfen?

Vor allem, denke ich, dürfen wir den Leidtragenden nicht bestürmen mit gutgemeinten Ratschlägen, mit tiefschürfenden Erkenntnissen, Ermahnungen oder gar Predigten, auch nicht mit dem banalen Trostwort “Es ist ja nicht so schlimm”. Doch, eine Schmerzerfahrung ist “schlimm”, sie tut weh; und ein wenig menschliches Mitgefühl hilft mehr als jedes Argument. Mir scheint, die beste Art, einen trauernden Menschen zu begleiten, besteht darin, einfach da zu sein, seine Gefühle aufzunehmen, seine Geschichten anzuhören, den Schmerz mitzutragen so gut es geht. Ein anschauliches Beispiel hierfür wird zu Beginn des alttestamentlichen Buches Job angeführt. Als die Freunde vom Unglück Jobs hören, beginnen sie, laut zu weinen, zerreißen ihre Kleider und streuen Asche auf ihr Haupt. Dann setzen sie sich zu Job auf den Boden, sieben Tage und sieben Nächte lang, ohne ein Wort zu sagen.[12] Die Freunde wollen Jobs Gefühle des Kummers und der Angst, des Verzweifelns und des Zorns nicht verändern und zurechtbiegen. Sie wollen sie zunächst annehmen, in sich selbst nachvollziehen und aushalten. Deshalb versetzen sie sich in das Innere des Leidtragenden hinein und entdecken ein tiefes Verwandtsein mit ihm. Sie entwickeln Verständnis, und dazu brauchen sie Ruhe und Aufmerksamkeit, “sieben Tage und sieben Nächte”. Nach einem schönen Wort von Guardini bedeutet Verständnis, “da zu sehen, zu hören, zu empfinden, wie sich hinter einem Gefühl, das gezeigt, hinter einer Gesinnung, die ausgedrückt wird, anderes verbirgt - und vielleicht hinter dem noch einmal anderes.”[13]

Dieses Hineinhorchen in einen anderen wird manchmal auch als Mitleid bezeichnet, gerade dann, wenn es sich auf einen Menschen bezieht, der vom Schmerz gezeichnet ist. Doch wenn man tief genug blickt, dann kann man entdecken, daß im Grunde jeder von uns ein “Leidtragender” ist; jeder hat seine persönlichen Fehler und Begrenzungen, das Auf und Ab des Lebens, die Eigenheiten auch der liebsten Mitmenschen auszuhalten. Je mehr wir einen anderen kennen, desto mehr wissen wir auch um das Schwere, das er zu tragen hat. Und wir sind bereit, es mit ihm zu tragen. Mitleid ist, nach einem etwas romantischen Bild, “die einzige Pforte, durch die man in das Innere eines anderen Menschen eintreten”[14] und an dem Schicksal eines anderen teilhaben kann. Mir scheint es wichtig, diese Haltung klar von einer anderen, äußerlich ähnlichen, abzugrenzen. Mitleid ist etwas anderes als Sentimentalität![15] Während ein sentimentaler Mensch sich von den eigenen Gefühlen beherrschen läßt, ohne sie als Anlaß zu nehmen, um wirklich zu helfen (und darum im Grunde um seine eigene Person kreist), ordnet der mitleidende Mensch seine affektiven Regungen den durch die Vernunft erkannten Notwendigkeiten zum Wohl des anderen unter: “Der Wehleidige wird beim Anblick von Wunden und Blut ohnmächtig, der Mitleidende beugt sich über den Kranken und pflegt ihn.”[16] Es wird von uns also nicht nur Einfühlungsvermögen, sondern auch Tatkraft verlangt, wenn einer unserer Mitmenschen Schmerz erleidet. “Das einzig wahre Mitleid ist die Tat.”[17] Doch welche Tat ist es, die in dieser Situation von uns erwartet wird - abgesehen von allen materiellen Diensten, die natürlich immer das erste sein sollten?

Hier nun, denke ich, könnte von der Sinnfindung gesprochen werden. Nehmen wir an, unseren Bruder hat ein hartes Unglück getroffen - seine Frau ist gestorben. Nehmen wir an, wir haben mit ihm getrauert und geweint, seine Klagen gehört und selbst geklagt, Erinnerungen ausgetauscht und dafür gesorgt, daß unser Bruder trotz allem ißt und schläft. Irgendwann wird die Zeit kommen, in der er nicht mehr weinen kann. Das ist keine Untreue gegenüber der Verstorbenen, sondern ein Zeichen dafür, daß er lebendig ist. Ein psychischer Zustand - und sei er noch so intensiv - kann nicht für immer festgeschrieben werden. Es folgt ein langsamer Prozeß der Loslösung. Das Leben geht weiter. Wir dürfen es nicht aufhalten, uns nicht an die Vergangenheit krampfen, die Verstorbenen nicht “mumifizieren”. Wenn man einen Schmerz festzuhalten versucht, dann wird der Rhythmus der Natur blockiert; die Beziehung zu dem verlorenen Menschen ist dann nicht mehr gesund; sie friert ein. Manche weigern sich, die Möbel eines Zimmers auszuwechseln, weil ein verstorbener Mensch sie geliebt hat; oder sie wollen eine bestimmte Melodie nicht hören, die einem Verstorbenen nicht gefiel. Angesichts dieser Haltungen sagt Lewis tiefsinnig: “Den Toten - oder Lebenden - ein Versprechen halten, ist ganz schön. Aber ich beginne einzusehen, daß ‘der Respekt vor den Wünschen der Toten’ eine Falle ist.”[18] Dieser sogenannte Respekt kann zu einem Mittel häuslicher Tyrannei werden, und die angeblichen Wünsche der Toten werden manchmal zu einer fadenscheinigen Verkleidung der eigenen. Tatsächlich besteht die Gefahr, sich selbst und die anderen einzuengen mit dem Satz: “Der Verstorbene hat es so gewünscht.” Wichtig ist doch nicht, was er vor fünf, zehn, zwanzig oder vierzig Jahren gewünscht hat, sondern was er jetzt wünscht. Wenn wir Christen sind und glauben, daß er bei Gott ist, so wird er jetzt das wünschen, was Gott will, nämlich daß wir weiterleben und glücklich sind. Doch eben das ist der springende Punkt: daß wir uns Gedanken darüber machen müssen, was nach dem Tod kommt, ja, welchen Sinn Sterben, Trennung und Leid haben könnten. Hier, denke ich, sind ernsthafte Gespräche möglich, ja notwendig. “Wer ein Warum zum Leben hat, erträgt fast jedes Wie,”[19] sagt der Wiener Psychotherapeut Viktor E. Frankl. Wer dagegen sein Leben als sinnlos empfindet, kann aus der Verzweiflung kaum herauskommen.

Der Schmerz als “Erzieher”

Jene gelähmte Autorin, deren Einsichten mich vor vielen Jahren aufrüttelten, sagt an einer Stelle ihres kleinen Werkes: Der Schmerz ist nicht ein “Veredler der Menschen”, wie man manchmal hört; denn er macht niemanden besser, als er ist. Er scheint sogar eher einige schlechter zu machen. Im Grunde aber bringt er nur zum Vorschein, was in einem Menschen drinsteckt. Er läßt die Masken fallen und zeigt die tiefsten Motivationen, die unsere Handlungen beseelen. Er bringt unsere letzten Überzeugungen ans Licht. Jemand, der Leid erfährt, steht vor den Augen aller plötzlich in seinem inneren Reichtum oder in seiner inneren Armseligkeit da. “Wenn wir nichts mehr besitzen als das Eigentum der Seele, dann ist Edelsinn von Gemeinheit leicht zu unterscheiden.”[20] In diesem Sinne scheint der Schmerz die innerlich kleinen Menschen zu “verkrüppeln”, die innerlich großen dagegen zu “verklären”. Doch er bewirkt gar nichts; er ist lediglich ein “Thermometer des Edelsinns”.[21]

So weit die besagte Autorin. Einerseits gebe ich ihr auch heute noch unbestreitbar recht. Niemand von uns weiß, wie tief sein Glauben, sein Hoffen und Lieben verankert sind, bis deren Wahrheit zu einer Frage von Leben und Tod wird. Dabei ist es nicht nötig, ja nicht einmal erstrebenswert, im ersten Moment souverän zu reagieren, wenn unsere Existenz erschüttert wird. Doch die innersten Einstellungen brechen nicht zusammen, wenn sie tief genug sind; sie werden nur unter den Tränen der Wut oder der Verzweiflung für einige Zeit verborgen. Über kurz oder lang wird deutlich, ob ein leidtragender Mensch einen inneren Halt hat oder nicht, ob er von Überzeugungen lebt, die ihn aufrichten können, die ihm trotz allem Lebensmut und neue Kraft zu geben vermögen, oder eben nicht. Natürlich ist es völlig fehl am Platz, als Außenstehender über einen andern urteilen zu wollen. Ein leidender Mensch erfordert immer Mitgefühl und tiefen Respekt. Ich denke an Dantes besonders ausgebildetes Gefühl für die Größe eines jeden Menschen: Als dieser - in der “Göttlichen Kommödie” - auf seinem Weg durch die Hölle seinen alten Lehrer Brunetto Latini entdeckt, verneigt er sich vor ihm, dem Verdammten, denn er schuldet ihm viel: Latini hat ihn gelehrt, nach ewigem Ruhm zu streben. Dessen persönliche Sünden zu strafen, kommt Gott allein zu.[22]

Bis hierhin bin ich mit meiner Autorin auch heute noch einverstanden. Ansonsten muß ich gestehen, daß ich viele Erfahrungen gemacht habe, die ganz anders sind. Was weiß schon einer, der nie gelitten hat? Wie kann jemand trösten und verstehen, wenn er nie von Traurigkeit oder seelischer Lähmung befallen war? Ich habe Menschen gesehen, die durch einen tiefen Schmerz verständnisvoll, weit und herzlich geworden sind. Ihr Verhältnis zu anderen Menschen veränderte sich manchmal radikal. Sie wurden sensibel für fremdes Leid, entwickelten Solidarität. Ich sehe den Schmerz durchaus als einen “Erzieher” an; er ist einer von denen, auf die wir alle gern verzichten würden und deren Wert uns oft erst nach Jahren oder Jahrzehnten wirklich überzeugt.

Kürzlich las ich in der Zeitung, daß einige Schüler wegen ihrer schlechten Noten Selbstmord begangen haben - nicht weil die Eltern so streng waren (diese waren im Gegenteil höchst “weich”), sondern weil ihre Frustrationstoleranz so niedrig war. Sie waren nicht daran gewöhnt, Kritik auszuhalten. Dazu meinte ein befreundeter Psychologe: Die Kinder dürfen nicht in einen Elfenbeinturm gepackt und von den Härten der Welt abgeschirmt werden. Sie dürfen nicht nur umschmeichelt werden; sonst sind sie kaum überlebensfähig.

Es klingt paradox und ist doch wahr: Nur eine Erziehung, die das Leid nicht scheut, kann letztlich das Leid überwinden. Ich erinnere mich an die Geschichte von einer Palme, die in einer Oase stand. Sie war klein, aber schöner als alle anderen Palmen in ihrer Umgebung. Eines Tages kam ein böser Mann vorbei, der beim Anblick der schönen Palme eifersüchtig wurde. “Wie kann ich ihr schaden?,” überlegte er. “Ich werde sie erdrücken!” Er legte einen schweren Stein in ihre Zweige und ging fort. Die Palme wollte ihre Last abschütteln, doch es war nicht möglich. So streckte sie ihre Wurzeln tiefer in den Boden, gelangte an eine Wasserader und wuchs in die Höhe. Nach einigen Jahren, als der böse Mann wiederkam, war sie noch schöner als vorher. Sie war die größte aller Palmen und dankte für die Last, die sie bekommen hatte.

Diese Geschichte mag hilfreich sein, und trotzdem bin ich zutiefst davon überzeugt, daß das Leid an sich keinesfalls etwas Gutes ist. Es ist keine Nahrung, sondern ein Gift. Aber dieses Gift kann sich in Arznei verwandeln, wenn wir wollen. Es kann uns - zumindest innerlich - gesund und stark machen, wenn wir die Herausforderung akzeptieren.

Kein Weg des Lebens ist vergebens! Auch wenn wir auf Umwege geraten, in einer Wüste oder im Urwald landen, von einem Gewitter überracht werden, Hitze und Schneestürme bewältigen müssen, immer können wir irgendetwas lernen, das uns hilft, die Welt, den Menschen und uns selbst besser zu verstehen. “Nicht nur der lichte Tag, auch die Nacht hat ihre Wunder,” sagt die Dichterin Gertrud von Le Fort. “Es gibt Blumen, die nur in der Wildnis gedeihen, Sterne, die nur am Horizont der Wüste erscheinen. Es gibt Erfahrungen der göttlichen Liebe, die uns nur in der äußersten Verlassenheit, ja am Rande der Verzweiflung geschenkt werden.”[23]

Ein Prozeß des Reifens

Wenn man ein bewußtes Ja zum Leben sagt und bereit ist, sich auch auf die Schattenseiten einzulassen, kann also ein Reifungsprozeß beginnen. Wie sieht er aus? Zunächst, denke ich, kann man Innerlichkeit entwickeln. Es ist eine Tatsache, daß wir normalerweise sehr “nach außen hin” leben. Radio und Fernsehen, Leuchtreklamen, Handy und Internet halten uns in Atem und beeinflussen uns weit mehr, als uns bewußt ist. Oft bleibt keine Zeit, um allein zu sein, selbständig zu denken und die vielen Eindrücke zu verarbeiten, die auf uns einstürmen. Eine schmerzliche Situation aber kann uns zum Einhalten zwingen. Wir sondern uns von den anderen ab, verkriechen uns vielleicht, und nach einer gewissen Zeit der “Trägheit”, in der wir gar nichts denken (können) und die kleinste Anstrengung uns zuwider ist, sehen wir uns auf einmal mit uns selbst konfrontiert und aufgefordert, unser Leben neu zu ordnen. Nun ist es nicht mehr möglich, uns selbst zu täuschen. Der Schmerz schärft unsere Wahrnehmung. “Entbanalisierung” findet statt. Wesentliches tritt vor das Unwesentliche. “Du siehst alles anders und besser mit Augen, die geweint haben,” sagt ein alter Spruch.

Wenn wir mit dem Tod konfrontiert werden, dann wird uns bewußt, daß unser Dasein in der Welt vorläufig und unsicher ist. Aber gerade durch den Gedanken an diese Vorläufigkeit - und an den Tod - wird die Zeit wertvoller. Vieles wird leichter, manches intensiver; wir fühlen uns frei von unnützen Konventionen. “Ich habe das tiefe, schwierig zu beschreibende Gefühl, daß wir freie Menschen wären, könnten wir uns wirklich mit dem Tod anfreunden,”[24] sagt der bekannte Seelsorger Henri Nouwen. Welchen Sinn hat es, eine gute Rolle in der Gesellschaft zu spielen, wenn alles nach achtzig, neunzig, spätestens wohl hundert Jahren zu Ende ist? Und dann?

Eine schmerzliche Situation kann uns anstoßen, nach dem letzten Grund aller Wirklichkeit neu zu fragen. Wenn unser Leben endlos wäre und ohne Leid, dann würde es uns vielleicht niemals einfallen zu erwägen, warum die Welt überhaupt da ist. Doch die Gedanken an ein Ende führen in die Tiefe. Die Endlichkeit des Lebens macht die einzelnen Tage erst eigentlich wertvoll. So betet der Psalmist: “Herr, lehre uns bedenken, daß wir sterben müssen, damit wir weise werden.”[25]

Es tut weh, die eigene Ohnmacht zu spüren. Doch je schmerzlicher wir innerlich verletzt sind, desto dringlicher suchen wir einen Halt, der nicht vergeht. Wir suchen Zuflucht und Trost, und finden sie letztlich nicht in unserer Umgebung. Anders und salopp ausgedrückt: Gott hat eine “Chance”, von uns aufgenommen zu werden. Wir sehnen uns nach einer tiefen, restlosen Geborgenheit und beginnen - vielleicht - zu ahnen, daß er sie uns geben kann.

Wenn wir bereit sind hinzuhören und mitzumachen, kann eine schmerzliche Situation uns in diesem Sinne vorwärtsbringen. Sie versetzt uns in die Lage, etwas zu tun, woran wir kaum jemals gedacht haben: einen Schritt über alle Verstrickungen hinaus, auf Gott hin… Ich kenne einen jungen Mann, den man wegen einer plötzlich auftretenden, unheilbaren Krankheit arbeitsunfähig erklären mußte. Nach dem ersten Schock fragte sich dieser Mann: “Wer bin ich noch, jetzt, da alles nicht mehr zählt - Titel, Stellung, Ansehen? Wer bin ich noch, jetzt, da ich nichts mehr leiste, nichts mehr ‘bringe’? Was darf ich hoffen? Was erwartet mich?” Ein guter Freund half ihm, diese Fragen vor Gott zu stellen, und er konnte die Antwort hören: “Du bist geliebt um deiner selbst willen. Du hast einen Wert und eine Würde, die nichts und niemand dir nehmen kann. Du darfst auf ein Glück hoffen, das nie zu Ende geht…” Der Mann begann, sein Christsein ernst zu nehmen, und als er einige Jahre später starb, waren seine Verwandten von seinem ruhigen Gottvertrauen bewegt. Die “Geborgenheit im Letzten” hatte ihn zur “Gelassenheit im Vorletzten” geführt, wie Guardini es einmal ausgedrückt hat. Eine sogenannte “Wüstenerfahrung” gibt es wohl nur, wenn wir an der Oberfläche bleiben. Gerade sie zwingt dazu, tiefer zu graben. In der Tiefe ist überall (im Bild gesprochen) das “lebendige Wasser” - die Gegenwart des fernen und doch nahen Gottes.

Erfahrung des guten Gottes

Als ich - noch während des Studiums - mein erstes Praktikum bei todkranken und außerdem “erziehungsschwierigen” Jugendlichen machte, war ich innerlich getroffen angesichts des menschlichen Elends, das ich sah. Ich fühlte mich völlig hilflos. Das Herz schnürte sich mir jeden Morgen zusammen, wenn ich zur Arbeit ging. Damals sagte mir eine gute, alte Dame: “Tu, was du kannst, und bleib ruhig! Gottes Liebe ist immer größer, als unser Leid sein kann.” Diese Worte gefielen mir. Sie machten mir Mut, und ich wollte sie gern glauben. Zugleich aber nahm mich die Theodizeefrage in jener Zeit in ihren Bann: Wenn Gott uns tatsächlich liebt und allmächtig ist, warum läßt er es dann zu, daß wir so viel leiden?

Die Antworten, die ich bei den Theologen fand, sind im wesentlichen wohl bekannt. Der Mensch selbst hat das Böse in die Welt gebracht, weil er sich von dem guten Gott abwandte. Seither regieren Egoismus, Stolz, Neid, Habgier, Zorn und Geiz unsere Welt und verursachen unsagbares Leid. Die sogenannten “physischen Übel” - Krankheiten, Tod und Naturkatastrophen - läßt Gott zu, um uns aufzurütteln und an den tiefsten Sinn unseres Lebens zu erinnern. Eines Tages möchte er uns für immer glücklich machen, doch nur dann, wenn wir das tatsächlich auch wollen. In den verschiedensten Situationen unseres Lebens werden wir immer wieder aufgefordert, uns frei für ihn zu entscheiden und auf die Begegnung mit ihm vorzubereiten…

Ich muß sagen, daß diese Antworten zahlreiche neue Fragen in mir hervorrufen. Mir ist Guardini sehr sympathisch, der die ganze Spannung von Denken und Glauben zeit seines Lebens persönlich durchzutragen hatte. Kurz vor seinem Tod meinte dieser große Philosoph im Gespräch mit einem Freund, er werde, wenn er bei Gott ankomme, als erstes etwas Wichtiges fragen, das ihm kein Buch, kein Dogma, kein Lehramt je habe beantworten können: Warum müssen die Menschen leiden?[26]

Das Kreuz hat im Christentum einen zentralen Platz. Es kann im Glauben angenommen, in das Leben integriert und verehrt werden - immer bleibt es ein Geheimnis. Aber es handelt sich um ein Geheimnis der Liebe, nicht der Furcht. Es handelt sich um das Geheimnis eines Gottes, der sich solidarisiert mit unserem Leid, und dessen Liebe so groß ist, daß er für uns starb. Seither sind Schmerz und Tod nicht mehr die letzten Worte in der Welt. Nach dem Kreuz kommt die Freude der Auferstehung, die niemals enden wird. Wer darauf vertraut, ist in seinem tiefsten Kern unverletzlich. Wer kann den überwinden, dessen Sieg die Niederlage voraussetzt?

Gott befreit uns nicht vom Leid, weil es einen unergründlichen Sinn für uns hat. Aber er bleibt an unserer Seite und sagt jedem von uns ganz persönlich: “Fürchte dich nicht! Es endet jede Nacht im Licht des Ostermorgens.”

Natürlich lieben wir als Christen trotz allem nicht das Kreuz! Wir lieben Christus, den Gekreuzigten. Wenn wir auf den blicken, der für uns gestorben ist, dann könnte es sein, daß unser Schmerz nebensächlich wird. Und wenn wir uns in das Geheimnis der göttlichen Liebe vertiefen, dann könnte es sogar geschehen, daß wir es erreichen, die wichtigste aller unserer christlichen Pflichten gut zu erfüllen, nämlich so glücklich zu sein, wie wir können.

Jutta Burggraf
____________________
[1] Zenta Maurina: Mosaik des Herzens. Essays, Dillingen 1947, S.57.
[2] Ebd., S.45 f.
[3] Vgl. Siegfried Lenz: Über den Schmerz. Essays, Hamburg 1998, S.13.
[4] Ernst Moritz Arndt: Fragmente über Menschenbildung, (1805), hrsg. von Friedrich Mann, Langensalza 1904, S.187.
[5] J.H. Campe: Väterlicher Rat für meine Tochter, Braunschweig 1788; Reprint Paderborn 1988, S.196.
[6] Ernst Moritz Arndt: Fragmente über Menschenbildung, a.a.O., S.195-197.
[7] Vgl. Adolf Freiherr von Knigge: Briefe über Erziehung, Frankfurt 1784.
[8] Ein anderer Fall liegt dann vor, wenn jemand bewußt und frei etwas Schweres auf sich nimmt, um ein (religiöses) Opfer zu bringen, etwa eine anstrengende Wallfahrt.
[9] Johann Wolfgang von Goethe: Die Leiden des jungen Werther II, in Werke VI, 6. Aufl. Hamburg 1965, S.86.
[10] C.S. Lewis: Über die Trauer, 2.Aufl. Zürich 1990, S.42. Titel der Originalausgabe: A Grief Observed, erstmals veröffentlicht 1961 unter dem Pseudonym N.W. Clerk.
[11] Cfr. Thomas von Aquin: Summa theologiae I-II, q.22.
[12] Cfr. Iob 2,12-13.
[13] Romano Guardini: Tugenden. Meditationen über Gestalten sittlichen Lebens, Würzburg 1963.
[14] Zenta Maurina: Mosaik des Herzens, a.a.O., S.17.
[15] Ein Kind etwa kann durch Sentimentalität und “falsches Mitleid” verzogen werden. Vgl. die Darstellungen der Verwöhnung bei Paul Moor: Heilpädagogik, Bern und Stuttgart 1965, S.156, 207, 306, 456.
[16] Zenta Maurina: Mosaik des Herzens, a.a.O., 17.
[17] Ebd., S.20.
[18] C.S. Lewis: Über die Trauer, a.a.O., S.28.
[19] Friedrich Nietzsche, zitiert nach Viktor E. Frankl: Der Mensch auf der Suche nach Sinn, S.92.
[20] Zenta Maurina: Mosaik des Herzens, a.a.O., S.62.
[21] Ebd., S.61.
[22] Vgl. Dante Alighieri: La divina commedia I, 15.
[23] Gertrud von Le Fort: Unser Weg durch die Nacht, in: Die Krone der Frau, Zürich 1950, S.90 f.
[24] Henri J.M. Nouwen: Trost in Trauer, Freiburg-Basel-Wien 1997, S.16.
[25] Psalm 90,12.
[26] Vgl. Romano Guardini: Reform aus dem Ursprung, in: Von der Suche nach Gott, hrsg. Von Margot Schmidt und Fernando Domínguez Reboiras, Stuttgart-Bad Cannstatt 1998, S.313.

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14.3.07

Johannes Paul II. und die Frauen

“Er hat mich wieder beim Namen genannt.” Das ist der Titel eines ergreifenden Berichts, der vor vor einigen Jahren durch die internationale Presse ging. Eine polnische Jüdin erzählt, wie ihr Leben gegen Ende des Zweiten Weltkriegs gerettet wurde. Nachdem die Russen sie im Januar 1945 aus dem Konzentrationslager Tschenstochau befreit hatten, fand sie sich völlig entkräftet auf einem kleinen Bahnhof zwischen Krakau und Kattowitz wieder. Es war kalt, sie war allein. Ein junger blonder Priester kam vorbei und erkannte sie an ihrer grünweiß gestreiften Häftlingskleidung. Er fragte nach ihrem Namen. Das gab ihr neuen Lebensmut! Auf einmal war sie keine Nummer mehr, wie in den langen Jahren der Gefangenschaft; auf einmal war sie wieder ein Mensch! Ein Mensch mit einem persönlichen Namen! Der Priester habe sich rührend um sie gekümmert, so liest man weiter. Er besorgte der jungen Frau warmen Tee, Brot und Käse; und da sie wegen ihrer geschwollenen Beine nicht laufen konnte, trug er sie schließlich - viele Stunden - zu einem größeren Bahnhof. Dort entzündete er ein Feuer an einem alten Teerfaß, schenkte ihr seinen schwarzen Umhang und versprach, sie zu seiner Tante nach Krakau zu bringen. Am Anfang ihrer Begegnung hatte er sich ihr bereits vorgestellt. Es war Karol Wojtyla...[1]

Vorurteile, Berührungsängste oder Gleichgültigkeit gegenüber dem Schicksal anderer hat der spätere Papst Johannes Paul II. wohl nie gekannt. Wenn er in seinen Schriften immer wieder betont, daß jeder Mensch - Mann und Frau - von Gott “um seiner selbst willen” geliebt wird, so weist er damit nicht nur auf eine glückliche Formulierung des Zweiten Vatikanums hin;[2] er legt zugleich Grund, Norm und Maß seines eigenen Denkens und Handelns offen. Und wenn er sich zum Thema Frau äußert, so ist das nicht ein Ergebnis blutleerer Theorien, die abseits vom Trubel der Gesellschaft - etwa in Castelgandolfo - entstanden sind. Es ist vielmehr die reife Frucht einer lebenslangen Erfahrung.[3]

Ein persönliches Ja zu den Frauen

Johannes Paul II. ist sicher ein großer Philosoph und Theologe. Vor allem aber ist er groß als Mensch. Und er ist ein Mensch, der aus der Praxis kommt. Zunächst arbeitete er in einer Fabrik und spielte Theater, lernte also die Welt der Arbeiter und der Künstler kennen, bevor er als Universitätsprofessor ein hohes Ansehen genoß. Ganz aus der Nähe hat er die Not der Frauen im ehemaligen Kommunismus erfahren, “mit offenen Augen und keineswegs kaltem Herzen”, wie ein italienischer Schriftsteller hervorhebt.[4] Ganz aus der Nähe hat er auch gesehen, was die Frauen seines Landes in zahlreichen Familien, in Kultur und Gesellschaft geleistet haben, wobei die Gleichheitsideologie der Geschlechter sie nicht selten an den Rand der Erschöpfung trieb.[5] Vielleicht schätzt er die Frauen deshalb so sehr.[6] Vielleicht dankt er ihnen deshalb so sensibel dafür, daß sie sich “in allen Bereichen des sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen, künstlerischen und politischen Lebens” engagieren.[7] Vielleicht zeigt er sich deshalb auf seinen vielen Reisen stets solidarisch mit den Frauen aller Länder und Kontinente, vor allem mit denen, die gedemütigt und erniedrigt werden, die Objekte männlicher Gewalt und Herrschsucht sind. Wer erinnert sich nicht an jene arme Negerin in Kisangani, die plötzlich - zitternd und zerlumpt - vor dem Papst erschien? Johannes Paul II. begriff ihr ganzes Leid. Er nahm sie spontan in die Arme, und die Frau verschwand weinend in seinem weiten Mantel.[8] Dieses Beispiel ist eins von vielen.

Nicht nur in Afrika pflegt Johannes Paul II. mit aller Leichtigkeit Konventionen und Protokolle zu durchbrechen, wenn es darum geht, den Menschen nah zu sein. In Schweden nahm er 1990 die Einladung zu einem Abendessen “nur mit Frauen” an. So konnten die nordischen Priorinnen verschiedener Ordensgemeinschaften, die darum gebeten hatten, direkt mit ihm auf Deutsch, Französisch, Polnisch oder Italienisch sprechen. Es geschah in einer familiären und entspannten Atmosphäre, wie später zu hören war. Der Papst wurde von den Ordensschwestern als “sehr froh und gut informiert” charakterisiert.[9]

Bei dieser persönlichen “Offenheit gegenüber der weiblichen Welt”[10] ist es nicht verwunderlich, daß Johannes Paul II. jede Art von Diskriminierung und Verdächtigung bezüglich der Frauen entschieden verurteilt.[11] Er bricht nicht nur mit dem Protokoll, sondern auch mit einer alten Tradition, welche geistige und moralische Minderwertigkeiten bei der Frau festzustellen meinte,[12] wichtige Entscheidungen daher von ihr fernhielt und von jeder Gattin verlangte, sich ihrem Herrn und Gebieter (nämlich dem Mann) widerspruchslos unterzuordnen.[13] Solche Mahnungen beschnitten die Freiheit der Frau und konnten unter Umständen tief verletzen. Sie trafen indirekt aber auch den Mann, der - sofern er sich an die weit verbreiteten Normen hielt - auf eine echte Partnerschaft verzichten mußte. Statt einer “Freundin” hatte er eine “Sklavin”, so könnte man etwas plakativ formulieren.[14] Obwohl sicher zu beachten ist, daß die Mentalitäten in früheren Zeiten etwas anders waren als heute, scheut der Papst sich nicht, neben allen Fortschritten auch die Fehler der Kirche in der Frauenfrage freimütig zu bekennen.[15] “Ich würde mir wünschen, daß alle Fanatiker der Welt mit der Ausgewogenheit des Papstes denken,” bemerkte Gertrude Mongella, die Vorsitzende der Welt-Frauenkonferenz von Peking, nach einer Begegnung mit dem Heiligen Vater im August 1995.[16]

Treffend ist Johannes Paul II. als “Pionier” der Menschenrechte für die Frau,[17] als ein großer “Erneuerer”[18] bezeichnet worden. Fern von aller romantischen Schwärmerei stellt er sich eindeutig auf die Seite derjenigen, die sich für soziale und politische Gerechtigkeit einsetzen. “Emanzipation” bedeutet für ihn eine Lösung von hemmenden Traditionen, von Klischees und Vorurteilen, von allen zu eng gewordenen Lebensformen. Er ruft ins Bewußtsein, daß die christliche Gemeinschaft die größte Frauen-Hilfs-Organisation der Welt ist. Tatsächlich gibt es wohl keine Einrichtung der UNO, die in zahllosen kleinen afrikanischen Dörfern oder südostasiatischen Inseln mit so vielen Hilfsprogrammen vertreten ist wie die Kirche, um die Frauen aller Länder aus der Bildungs- und scheinbaren Bedeutungslosigkeit herauszuführen.[19]

Der Schatz des Evangeliums

Dabei geht es dem Papst sicher nicht darum, auf jeden Fall “originell” zu sein. Seine Lehre ist neu und alt wie das Evangelium, zu dessen Wurzeln er immer wieder zurückkehrt. Er möchte sich an dem Verhalten Jesu orientieren[20] und das, was zum Schatz der Kirche, zum Glaubensgut gehört, von gewachsenen Mißverständnissen reinigen. So trägt er dazu bei, die christliche Botschaft klar und unverfälscht in unsere Zeit hineinzuformulieren, wie es ja auch das Anliegen des II. Vatikanums[21] und seiner unmittelbaren Vorgänger war.[22]

So brachte etwa Paul VI. gegen Mitte der siebziger Jahre das neue Phänomen der religiösen Distanz zur Mutter Jesu mit dem neuen Selbstverständnis der Frau in Verbindung. In seinem Apostolischen Schreiben über die Marienverehrung, "Marialis Cultus", bemerkte er mit Weitblick: "Es fällt in der Tat schwer, das Bild von Maria, wie es in bestimmten Andachtsbüchern und frommen Schriften zu finden ist, mit den heutigen Lebensbedingungen der Gesellschaft und insbesondere der modernen Frau in Einklang zu bringen - sei es im häuslichen Bereich, wo die Gesetze und die Gewohnheiten mit Recht darauf hinwirken, daß die Frau in der Leitung der Familie die gleichen Kompetenzen besitzt wie der Mann - sei es auf dem Gebiet der Politik, wo sie heute in vielen Ländern die gleichen Rechte besitzt wie der Mann - sei es im sozialen Bereich, wo sie in vielfältigen Aufgaben ihre volle Eigenart entfalten kann und so immer mehr aus dem engen Raum der Familie herauswächst - sei es auf kulturellem Gebiet, wo ihr neue Möglichkeiten der wissenschaftlichen Forschung und der intellektuellen Leistung offenstehen."[23] Diese Mahnungen sind leider nicht überall gehört worden.[24] “Die Lichter, die aus Rom kamen, blieben weitgehend unter dem Scheffel versteckt,” gibt Kardinal Albert Decourtray zu bedenken.[25] Es ist nun endlich an der Zeit, sie rund um den Erdkreis bekannt zu machen. Und wer könnte das besser verwirklichen als der Papst selbst?

Johannes Paul II. bekennt klar, daß die Kirche spät damit begonnen hat, ihren Schatz zu heben. Teresa von Avila und Katharina von Siena sind erst in diesem Jahrhundert, erst 1970, offiziell zu Kirchenlehrerinnen erklärt worden; ihr Wirken war längst vorher bekannt.[26] Frühere Befürworter der Ernennungen hatten die Antwort erhalten: “Obstat sexus - ihr Geschlecht als Frau steht dem entgegen.”[27] Dagegen wurde Thérèse von Lisieux bereits 1996 - nach wesentlich kürzerer “Wartezeit” - in den Rang der doctores eingereiht, obwohl sie kein wissenschaftliches Werk hinterlassen hat. Eine Demonstration, daß das Zeugnis des Lebens eben wichtiger ist als jede Theorie![28]

Ein neuer geschichtlicher Ansatz

Gerade in der Frauenfrage zeigt Johannes Paul II. geistige Tiefe und Herzensweite. Seine Weite umspannt im buchstäblichen Sinn die gesamte Menschheit, sowohl räumlich als auch zeitlich. So setzen seine Reflexionen in dem Apostolischen Schreiben “Mulieris dignitatem” nicht kurzatmig bei den empirischen Daten der gesellschaftlichen Lage der Frauen an, die sich zudem dauernd ändern, und die etwa in Rußland oder Indien anders aussehen als in Kolumbien oder Kanada. Vielmehr bietet der Papst eine grundsätzliche Betrachtung des christlichen Frauenbildes[29] und gewinnt von daher die Basis zur Beurteilung der je geschichtlichen Wirklichkeiten mit ihren Herausforderungen für Frau und Mann. Nicht der neuzeitliche Feminismus, sondern die Heilsgeschichte stellt die Bühne dar.

Der Papst geht bis zu unseren Ursprüngen, bis zur Genesis, zurück und interpretiert sie neu. Eva ist nicht “die Verführerin”, sondern gleichwertige Partnerin Adams.[30] So kann eine Geschichtsbetrachtung entstehen, in der die Frauen tatsächlich einbezogen und ernstgenommen werden, auch wenn ihr Wirken jahrhundertelang im Verborgenen geschah. Dem liegt die Auffassung zugrunde: Die Frauen wurden zwar - häufig ungerecht - daran gehindert, öffentlich hervorzutreten; aber trotzdem war ihr Handeln immer wirksam und wertvoll und verdient es, auch genannt zu werden.[31] Unwillkürlich wird man an einen Ausspruch der Dichterin Gertrud von Le Fort erinnert: “Der tiefe Trost, den die Frau der heutigen Menschheit zu geben vermag, ist der Glaube an die unermeßliche Wirksamkeit auch der verborgenen Kräfte, die unerschütterliche Gewißheit, daß nicht nur ein sichtbarer, sondern auch ein unsichtbarer Pfeiler diese Welt trägt und hält.”[32] Der Papst tritt allerdings dafür ein, daß hier keine geschlechtsspezifischen Trennungen mehr vorgenommen werden, sondern Männer und Frauen gemeinsam sowohl an dem sichtbaren als auch an dem unsichtbaren “Pfeiler” bauen.[33]

Am Anfang der Menschheitsgeschichte war genau dies vorgesehen. Adam und Eva standen nebeneinander vor Gott, mit derselben Würde, Freiheit und Verantwortung.[34] Der Doppelaufrag, die zeitlichen Güter zu verwalten und für die Nachkommen Sorge zu tragen, wurde an beide gerichtet, nicht der erste Teil an Adam, der zweite an Eva.[35] In diesem Sinne sollen sich auch in der Ehe Mann und Frau als gleichwertige Partner verstehen, die ein gemeinsames Leben wagen und sich zusammen darum bemühen, Familie und Beruf in Einklang zu bringen. Beide sind “auf gleicher Höhe”. Schön verdeutlicht dies der junge Karol Wojtyla in seinem Theaterstück “Der Laden des Goldschmieds”. Als - in dieser Erzählung - Andrezej seiner Freundin Teresa einen Heiratsantrag macht, wird dies folgendermaßen beschrieben: “Willst du die Gefährtin meines Lebens sein? So sagte er. Nicht etwa: Willst du meine Frau werden, sondern: die Gefährtin meines Lebens. Er hatte sich also gut überlegt, was er sagte.” Teresa versteht den Sinn seiner Worte. Sie besorgt sich Brautschuhe mit hohem Absatz, um nach außen hin sichtbar zu machen, daß sie ebenso groß ist wie er.[36]

Die Texte der Genesis lassen auch den letzten Grund erkennen, warum das Miteinander von Mann und Frau oft gestört ist: “Gerade in diesen Anfang drängt sich die Sünde ein und tritt dort als Gegensatz und Verneinung auf.”[37] Wie die Verantwortung, so ist die Schuld natürlich beiden Geschlechtern gemeinsam. Und auch die Strafe haben beide zu tragen.[38] Als Gott nach dem Sündenfall zu Eva sagte, daß Adam über sie herrschen werde (nicht solle),[39] da traf er sowohl die Frau als auch den Mann im inneren Wesenskern. Beide leiden an der Unterdrückung der Frau (übrigens auch an der “Unterordnung”, sofern sie nicht nur Metaphorik ist); denn diese Situation widerspricht zutiefst ihren natürlichen Wünschen und Sehnsüchten. Beide leiden, wenn auch auf verschiedene Weise. Auf den ersten Blick scheint es, daß die Frau an den Folgen der Sünde schwerer zu tragen hat.[40] Der Papst prangert an, daß sie oft alleingelassen wird und für gemeinsame Taten allein “zahlen” muß.[41] Im Grunde aber wird der Mann selbst noch mehr verletzt, wenn er die Frau verachtet und mißbraucht (und auch, wenn er sie scheinbar liebevoll wie ein unmündiges Kind behandelt). Denn der, der Unrecht tut, entfernt sich mehr vom Glück als der, der Unrecht leidet. Letztlich zerstört er nicht den anderen, sondern sich selbst. Er entstellt das Bild Gottes in sich immer mehr.

Der Mensch - Bild Gottes

Daß der Mensch als Bild Gottes geschaffen wurde,[42] ist ein Gedanke, den Johannes Paul II. mehrfach erläutert hat.[43] Er beinhaltet, daß sowohl der Mann als auch die Frau “Personen” sind,[44] mit eigener Innerlichkeit und Tiefe, mit der Möglichkeit, die Welt zu verstehen, sich frei zu entfalten, kreativ zu sein.[45] Das “Bild Gottes” gehört zu ihrer individuellen Seinsstruktur; es ist nicht äußerlich hinzugefügt. Gott hat nicht erst den Menschen geschaffen und ihm dann sein Bild eingeprägt. Mann und Frau haben nicht ein Bild Gottes in sich, sondern sie sind Bild Gottes von Anfang an, in der Einheit von Körper und Geistigkeit.[46]

Die Frau ist folglich nicht ein vom Mann her und auf ihn hin definiertes Wesen. Sie hat Wert und Würde in sich selbst, erhält diese also nicht erst durch einen anderen - etwa als “Tochter des Bürgermeisters” oder “Mutter des Prinzen”. Der Bericht von der Schöpfung aus jener gemeinsamen “Rippe”[47] unterstreicht dies noch. Er ist für Johannes Paul II. keineswegs ein “Beweis” für die Unterordnung der Frau, sondern ein lebendiger Ausdruck für die Wesensgleichheit der Geschlechter, die denselben “Stoff” in sich tragen:[48] “Die Frau ist ein anderes ‘Ich’ im gemeinsamen Menschsein.”[49]

Als Person verfügt jeder Mensch - Mann und Frau - über eigene Innerlichkeit und Tiefe, zu der kein anderer Mensch Zugang hat. Andererseits besitzt er die Möglichkeit, sich zu öffnen und mit anderen Personen in Gemeinschaft zu treten; er ist von Natur her auf Beziehung angelegt.[50] Auch hierin gleicht er seinem Schöpfer[51], dessen Dreipersonalität ein letztes und unergründliches Geheimnis ist. Die klassische Theologie versteht die drei göttlichen Personen als Relationen, als wechselseitige Bezogenheit, in denen die Einheit in der Verschiedenheit in höchstem Maße verwirklicht ist. Das innertrinitarische Leben stellt sich uns als eine innige Gemeinschaft zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist geheimnisvoll dar. Analog dazu ist auch der Mensch dazu bestimmt, durch liebendes Miteinander im Du ein anderes Ich zu finden. Menschsein heißt, “zur interpersonalen Gemeinschaft”[52] berufen zu sein. Hinweis darauf gibt die Zweigeschlechtlichkeit. “In der ‘Einheit der zwei’ sind Mann und Frau von Anfang an gerufen, nicht nur ‘nebeneinander’ oder ‘miteinander’ zu existieren, sondern sie sind auch dazu berufen gegenseitig ‘füreinander’ dazusein.”[53]

Für Johannes Paul II. ist es selbstverständlich, daß die “Hilfe”, von der die Genesis spricht, gegenseitig ist.[54] Der Mann hilft der Frau und diese dem Mann, ein glückliches Leben zu führen, sich zu verwirklichen.[55] Jeder besitzt Wertqualitäten, die ihm eigen sind, und jeder ist dem anderen in seinem Bereich überlegen. Man muß die geschlechtliche Differenz nicht als unwesentlich oder nachträglich definieren, um die Gleichheit zu retten. Sie ist nicht eine bloße Bedingung, die auch fehlen könnte, nicht nur Ausdruck gesellschaftlicher Prägung, sondern sie stammt aus der Absicht des Schöpfers selbst, aus dem göttlichen Willen zum Mann und zur Frau.[56] Sie ist auch nicht irgendeine Wirklichkeit, die nur auf den körperlichen Bereich zu begrenzen wäre. Mann und Frau ergänzen sich in ihrer je spezifischen leiblich-seelisch-geistigen Natur.[57] Ihre höchst konkrete, anschauliche, auch spürbare Andersheit muß weder nivelliert noch geleugnet werden. Vielmehr geht es darum, die Gleichrangigkeit des Unterschiedlichen zu entdecken und Konsequenzen zu ziehen. Der Sinn für Unterschiede ist ein Zeichen für Freiheit und Gerechtigkeit, wohl auch für schlichten Realitätssinn. Er ist nach dem Philosophen Jörg Splett sogar ein "Gradmesser für die Kultiviertheit des Menschen überhaupt". Splett erwähnt in diesem Zusammenhang ein altes chinesisches Sprichwort, das sagt, die Weisheit beginne damit, “dem anderen sein Anderssein zu vergeben”.[58]

Mannsein und Frausein sind zwei verschiedene Ausprägungen des einen Menschseins, des leiblich-seelischen Seins eines nach dem Bild Gottes geschaffenen Wesens, das Innerlichkeit und Eigenständigkeit, immer aber auch Beziehung zum anderen ist, Selbstsein und Mitsein zugleich. Der Mensch als Person greift über sich hinaus, weist auf einen anderen hin, für den es zu leben und den es zu lieben gilt. In Beziehung zu leben, Beziehungen einzugehen, entspricht der inneren Struktur seines Wesens.[59] Freundschaft, Liebe, Sorge füreinander und Teilnahme am Schicksal der anderen sind folglich nicht etwas Zufälliges, Dekoratives, letztlich Überflüssiges für Mann und Frau, sondern absolut notwendig zur geistigen Reife und zum menschlichen Glück. Denn in dem gleichen Maße, in dem die Person sich selbst Ziel ist und zur eigenen Entfaltung strebt, gilt auch dies: Sie kann sich nur dann verwirklichen, wenn sie bereit ist, ihre je eigenen Begabungen und Fähigkeiten - mehr noch: sich selbst - in den Dienst der anderen zu stellen.[60] Paradoxerweise entfaltet sie sich gerade dann, wenn sie sich den anderen schenkt, wenn sie - mit Worten Johannes Pauls II. - zur "Gabe" für die anderen wird.[61] Hier ist selbstverständlich eine verantwortete und zu verantwortende Hingabe gemeint. Selbsthingabe darf nie so mißverstanden werden, als ob man sich einem anderen als Mittel für dessen Zwecke zur Verfügung stellte. Weder sich noch andere darf der Mensch als Mittel begreifen. Unter diesen Voraussetzungen aber gilt, daß er gerade dann zur tiefsten persönlichen Verwirklichung gelangt, wenn er den anderen hilft, sie selbst zu sein.

Mann und Frau sind geschaffen, um füreinander dazusein, in Freiheit und Liebe. Eheliche Liebe besteht folglich, wie jede andere Form der Liebe auch, in einem ständigen Geben und Nehmen.[62] Für die Interpretation des so oft zitierten neutestamentlichen Wortes, nach dem die Ehe ein Zeichen der Liebe Christi zu seiner Kirche ist, heißt das schlicht: Beide Ehepartner sind “Christus” füreinander, und beide sind auch “Kirche”.[63]

Der weibliche “Genius”

Was nun bedeutet es, “Mann” oder “Frau” zu sein? Worin unterscheiden sich die Geschlechter? Dank der Emanzipationsbewegungen ist zumindest in der westlichen Welt heute weithin klar, daß der Unterschied nicht in irgendwelchen intellektuellen oder moralischen Qualitäten zu suchen ist. Tatsächlich wurde er in vergangenen Zeiten häufig übertrieben. Daher ist es verständlich, daß zahlreiche Frauen versuchen, ihn einfach beiseite zu schieben.[64] Inzwischen haben wir allerdings auch einige Erfahrung, wohin das führen kann – nämlich in den Krampf der Selbstverleugnung und bisweilen sogar in die psychische Krankheit hinein.

Demgegenüber ermutigt Johannes Paul II. die Frauen, sich in ihrem Anderssein ganz bewußt zu bejahen. Es wäre zu fade und für die Welt eine Verarmung, wenn die Emanzipation der Frau lediglich als ein Angleichen an den Mann verstanden würde. Das Leben verlöre Licht und Wärme, das Miteinander seinen besonderen Reiz. Etwas viel Teureres, Lohnenderes, auch Schwierigeres muß angestrebt werden. Es geht darum, den inneren Reichtum der Frau zu entdecken. Alle Emanzipation von äußeren Fesseln dient dazu, den weiblichen “Genius” voll zur Entfaltung zu bringen.[65]

Johannes Paul II. spricht gern von diesem weiblichen “Genius” oder auch von einem “Charisma”, einer besonderen “Berufung” der Frau[66] – übrigens nicht nur in seinen offiziellen Texten. Die italienische Politikerin Maria Antonietta Macciocchi erzählt von einer privaten Unterredung mit ihm, in der er ihr versicherte: “Ich glaube an den Genius der Frau... Ja, ich glaube, daß der weibliche Genius der Sauerteig des menschlichen Fortschritts und der menschlichen Geschichte ist, selbst in den dunkelsten Epochen.”[67] Dieser “Genius” bot dem Heiligen Vater manches Mal Hilfe und Ansporn. So war es beispielsweise nicht ein hoher kirchlicher Würdenträger, auch kein staatlicher Repräsentant, der ihn bat, ein Heim für alte und behinderte Menschen in einem der Vatikanischen Gärten errichten zu lassen. Es war eine schlichte Frau, Mutter Teresa aus Kalkutta. Und er hörte auf sie![68]

Nun wird man sich nüchtern fragen, welchen “Reichtum”, welche “Talente” die Frau denn hat, die der Mann nicht auch besäße. Und man wird an das Mutter-Sein denken. Denn das einzige, wodurch die Geschlechter sich unterscheiden, ist offensichtlich ihre je eigene Begabung zur Vater- und zur Mutterschaft.

Tatsächlich streicht Johannes Paul II. nicht selten – mit besonderem Gespür für die Belange der Frau – Größe und Ernst der physischen Mutterschaft heraus. Sie ist ein Ausdruck des Vertrauens und der Nähe Gottes, betont er, unmittelbarer und tiefer noch als die physische Vaterschaft. Als Mutter ist die Frau berufen, “Ort” eines göttlichen Schöpfungsaktes zu sein.[69] Denn die Eltern wirken auf unbegreifliche Weise mit Gott zusammen, wenn ein neuer Mensch entsteht. Dieser wird noch vor dem Mann der Frau anvertraut, damit sie ihn (zunächst in sich) aufnehme, berge und ernähre. Zwar ist die Schwangerschaft nicht selten von Anstrengung und Erschöpfung gekennzeichnet – doch bedeutet es nicht eine besondere Auszeichnung für die Frau, Gottes schöpferische Liebe bis in die eigene Leiblichkeit hinein spüren zu dürfen? Daß die Frau als Mutter herabgesetzt oder benachteiligt sei, kann nur aus einer oberflächlichen Perspektive heraus behauptet werden. Aus christlicher Sicht gilt im Gegenteil, daß der Frau in ihrer Mutterschaft ein ganz besonderer “Vorrang vor dem Mann” zukommt, wie Johannes Paul II. formuliert.[70]

Damit soll die Mutter keineswegs “ans Haus gefesselt”, zu “Sklavenarbeiten verurteilt” werden, auch wenn dies in einigen feministischen Kreisen längst als bewiesen erscheint. Zwar erfahren nicht wenige Frauen die Geburt eines Kindes als Belastung, was teils an dem Unverständnis der Mitmenschen, teils auch an ungerechten Sozialstrukturen liegen mag. Doch das sind Folgen der Sünde, nicht notwendige Begleitumstände der Mutterschaft. Ihretwegen darf einem neuen Menschen das Leben nicht verweigert, sie selbst müssen abgeschafft werden! Dies stellt in allen Gesellschaften gerade für Christen eine der dringendsten Herausforderungen dar.[71]

Natürlich ist es nicht wünschenswert, daß die Frau in den eigenen vier Wänden “eingesperrt” lebt. Dies mag ein Ideal des Bürgertums im 19. Jahrhundert gewesen sein;[72] mit christlicher Moral hat es wenig zu tun. Je nach persönlicher Belastbarkeit und familiärer Situation kann die Frau es sogar als ihre Pflicht betrachten, auch andere Formen des - beruflichen, ehrenamtlichen oder persönlichen - Engagements in der Gesellschaft zu suchen und ihr Haus für viele Menschen zu öffnen. Daß das Wohl der Familie stets das erste Anliegen guter Eltern bleiben wird, steht dabei außer Debatte. Und daß die Erziehung eines Kindes mehr Kreativität, Flexibilität und Einsatzfreude verlangt als fast jede außerhäusliche Tätigkeit, ist auch ganz sicher.[73]

Doch bei aller Liebe zu den Müttern auf der ganzen Welt meint Johannes Paul II. in erster Linie nicht die physische Mutterschaft, wenn er vom “Genius” der Frauen spricht. Die Tatsache, daß eine Frau Mutter sein kann, heißt für ihn nicht, daß alle Frauen Mütter sein sollten und nur in der Mutterschaft das Glück finden könnten. Der weibliche “Genius” zielt eher auf eine seelisch-geistige Dimension, auf eine gewisse Grundhaltung, die der physischen Struktur der Weiblichkeit durchaus entspricht und durch sie gefördert wird. So wie eine Frau in der Zeit der Schwangerschaft eine einzigartige Nähe zu einem neuen Menschen erfahren kann, so begünstigt ihre Natur sie auch, menschlich-spontane Kontakte zu den anderen Menschen ihrer Umgebung zu knüpfen.[74] Die “geistige Mutterschaft” besteht in einer zarten Sensibilität, in einem besonderen Gespür für die Bedürfnisse der anderen,[75] in der Fähigkeit, seelische Konflikte zu erahnen und mitzutragen. Sie zielt auf Personennähe, Realitätsbezug, Einfühlungsvermögen. Im Grunde bezeichnet sie nicht mehr und nicht weniger als eine besondere Liebesfähigkeit der Frau.[76]

Diese geistige Mutterschaft ist für Johannes Paul II. der “Genius”, der innere Reichtum der Frau. Er umfaßt das Talent, in der Masse den einzelnen zu entdecken und zu fördern, und auch in einem hektischen Betriebsalltag nicht zu vergessen, daß Personen wichtiger als Sachen sind. Gott hat der Frau, wie der Papst es ausdrückt, “in einer besonderen Weise den Menschen anvertraut.”[77] In diesem Sinne sind tatsächlich alle Frauen berufen, auf irgendeine Weise “Mutter” zu sein.[78] Was heißt das denn anderes, als die Anonymität zu durchbrechen, den anderen ein offenes Ohr zu schenken, ihre Sorgen ernst zu nehmen, sich solidarisch zu zeigen? Unverbildeten Frauen fällt es normalerweise nicht schwer, Geborgenheit zu vermitteln und eine Umgebung zu schaffen, in der man sich wohlfühlen kann. Sie neigen oft zu einem intuitiven, spontanen Handeln, das nicht einseitig auf Funktionalität und Effektivität ausgerichtet ist.[79] So können sie, unauffällig und natürlich, von der Liebe Gottes zu jedem einzelnen Menschen Zeugnis geben und den anderen das Bewußtsein vermitteln, daß sie – auch von Gott – mit allen ihren Nöten angenommen werden, und daß ihr Leben wertvoll ist.

Gemeinsam als Mann und Frau

Die Botschaft des Papstes lautet gewissermaßen: In einer Gesellschaft, in der die weiblichen Kräfte nicht zum Tragen kommen, die vielmehr geprägt ist von Leistungsdenken und Erfolgswahn, kann sich - trotz allen äußeren Glanzes und aller technischen Wunder - die menschliche Persönlichkeit nicht gesund entfalten. Bedeutet dies nun, so könnte man etwas enttäuscht fragen, daß die Frauen nur deshalb in Politik und Wirtschaft zugelassen werden sollten, weil sie mit ihrem Lächeln die gestreßten Manager aufheitern könnten? Haben sie nur den Auftrag, ein gutes Betriebsklima zu schaffen, Blumen zu gießen und Kaffee zu kochen? Sicher nicht! Johannes Paul II. eröffnet weitere Horizonte.[80] Indem er die Frau in ihrem Person-Sein erfaßt, erwartet er von ihr, daß sie sich den Forderungen des Berufslebens ernsthaft stellt; und er ermuntert sie, auch “schwere” Verantwortung zu übernehmen.[81]

Nun prägt allerdings ein gewisses Nicht-Einbeziehen der Frauen bis heute viele Gesellschaften,[82] immer mehr in seinen sublimen Formen. Dagegen möchte Johannes Paul II. die Frauen in allen Bereichen gefördert wissen, und zwar nicht nur auf legaler Ebene, in Dokumenten und Gesetzestexten, sondern auch faktisch und real,[83] das heißt im ganz gewöhnlichen Alltag, wie er sich in Firmen und Betrieben von morgens bis abends abspielt, von den Dienstleistungen bis zur Arbeit in den Chefetagen.[84] Überall sollen die Frauen als echte Partnerinnen betrachtet werden. Dies gilt natürlich auch für die kirchlichen Institutionen.

Daß das Priestertum in der katholischen Kirche den Männern vorbehalten ist, wird von vielen nicht verstanden. Auf jeden Fall aber wird einem Menschen guten Willens inzwischen klar sein, daß der Papst sich hier einem Gebot Christi verpflichtet fühlt, das zu erläutern eine dringende theologische Aufgabe darstellt.[85] In einer Zeit, in der mit aller Klarheit die Verbindlichkeit des persönlichen Gewissens neu formuliert wird, sollte auch das Gewissen des Nachfolgers Petri respektiert werden. Die Tatsache, daß die Männlichkeit eine Voraussetzung für die Priesterweihe ist, hat mit Misogynie nichts zu tun![86] Dafür gibt Johannes Paul II. ein zu eindeutiges Zeugnis von seiner aufrichtigen Wertschätzung aller Frauen. Diese haben unendlich viele andere Möglichkeiten, sich als Christinnen zu engagieren, wenn sie es wollen.[87]

Natürlich ist der Papst ein viel zu guter Menschenkenner, um nicht klar zu sehen, daß das weibliche Geschlecht keineswegs immer sanft und freundlich ist. Viele Frauen haben ihren “Genius” nicht oder nicht genügend entfaltet. Andererseits hat auch der Mann sich um Geduld und Verständnisbereitschaft zu bemühen,[88] die im Grunde eine Forderung für jeden Christen sind. “Ich glaube an den weiblichen Genius” heißt doch nichts anderes als “Ich glaube an die Liebe! - Ich glaube daran, daß unser gesellschaftliches Zusammenleben besser und angenehmer werden kann, wenn wir bereit sind, auch an die anderen zu denken.” Johannes Paul II. wendet sich an die tiefsten Schichten des menschlichen Herzens. Von hier aus muß eine Umwandlung geschehen, wenn die Welt neu gestaltet werden soll.[89]

Echte Liebe äußert sich im Hier und Jetzt, in unzähligen kleinen Gesten, selten auch in großen Taten. Da die Frau eine besondere Beziehung zum Geheimnis des Lebens hat, ist es für sie gewissermaßen leichter, die Liebe konkret zum Ausdruck zu bringen. Sie hat die Fähigkeit, rasch zu erspüren, wer in jeder Situation ihr “Nächster” ist. Der Mann - obgleich er Vater ist - befindet sich immer etwas “außerhalb” des Prozesses der Schwangerschaft und der Geburt und nimmt nur durch seine Frau an ihm teil.[90] Von Natur her hat er eine größere Distanz zum Leben. Daher kann (und muß) er von der Frau viel lernen.[91] Eine Gesellschaft wird sich natürlich nur ändern, wenn beide Geschlechter gemeinsam eine neue Kultur fördern, in der das Füreinander-Dasein von neuem verstanden und gelebt wird.[92] Nur zusammen können sie eine “Zivilisation der Liebe” errichten.[93]

Wenn Johannes Paul II. an den “weiblichen” Genius appelliert, so spricht er letztlich nicht von der Frau, sondern von einer bestimmten Anlage, die auch im Mann vorhanden ist; ähnlich beanspruchen ja auch die “männlichen” Qualitäten bei der Frau Entfaltung.[94] Immer geht es um die Ganzheit der Person,[95] um die geistige Reife von Mann und Frau, die allerdings nur in einer ständigen “Konversion”, in einer tiefen Umkehr des Herzens “zum anderen hin” erstrebt werden kann. Denn beide, Mann und Frau, sind nach dem Bild des dreifaltigen Gottes geschaffen, um “Gabe” zu sein.[96] Beide haben eine Berufung zur Liebe empfangen. “Ich habe dich bei deinem Namen gerufen” - das sagt Gott zu jedem einzelnen, zu jedem Mann und zu jeder Frau.[97]

Ausblick

Die Vision des Papstes beginnt bei der Genesis und reicht weit über das dritte Millenium hinaus. Sie weist auf das Ende der Menschheitsgeschichte hin, von dem aus unsere augenblickliche Situation noch eine vertiefende Deutung erfährt. In der apokalyptischen Darstellung erscheint Maria als Siegerin im Kampf gegen jedes Unrecht, schlicht als Mutter.[98] In ihrer Freiheit und Selbstlosigkeit, in ihrem Einsatz, “den Menschen zu retten”, ist sie Vorbild für uns alle.[99] Hier wird uns klar versichert: Der “weibliche Genius” ist stärker als alle Gewalt, auch wenn aus unserer begrenzten Sicht zuweilen das Gegenteil der Fall zu sein scheint. Doch wir können sicher sein: Was wir am Ende unseres Lebens in den Händen halten, das ist nicht unser Geld und auch nicht unser Erfolg. Was unsere wirkliche, ewig andauernde Existenz aufbaut, ist die Liebe, die wir gegeben und empfangen haben - sonst nichts.


Jutta Burggraf

[1] Vgl. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 14.2. 1998. - Es handelte sich, genau genommen, nicht um einen “Priester”, sondern um einen Seminaristen. Karol Wojtyla empfing die Priesterweihe am 1.11.1946.
[2] Vgl. die Pastoralkonstitution Gaudium et Spes (= GS, 24) vom II. Vatikanischen Konzil und das Apostolische Schreiben Mulieris dignitatem (=MD 7; 10; 13; 18; 20; 30) von Johannes Paul II. (15.8.1985).
[3] Johannes Paul II. hat bezüglich der Frauenfrage klar gesagt: “Alles, was ich über dieses Thema in Mulieris dignitatem geschrieben habe, trug ich seit meiner frühen Jugend, ja, gewissermaßen seit der Kindheit in mir.” Vgl. Die Schwelle der Hoffnung überschreiten, Hamburg 1994, S.241.
[4] Vgl. Italo Alighiero Chiusano: Variaciones sobre la Mulieris dignitatem, in Las mujeres según Wojtyla (= MW), hrsg. von Maria Antonietta Macciocchi, Madrid 1992, S.285.
[5] Vgl. das Gespräch Johannes Pauls II. mit der italienischen Politikerin und Autorin Maria Antonietta Macciocchi, veröffentlicht in MW, S.38-40.
[6] Vgl. etwa die Ausführungen Johannes Pauls II. beim Angelus (=An), 9.7.1995.
[7] Johannes Paul II.: Brief an die Frauen (=BF; 29.6. 1995), 2.
[8] Diese Begebenheit wird beschrieben von Maria Antonietta Macciocchi: Las mujeres de Wojtyla, in MW, S.53.
[9] Vgl. die Aussagen von Catarina Broomé, in MW, S.148.
[10] So charakterisiert die Schriftstellerin Rosetta Loy die Haltung des Papstes gegenüber den Frauen, in MW, S.314.
[11] Vgl. Johannes Paul II.: Evangelium vitae (=EV), 99.
[12] Aus der Fülle der Literatur vgl. die wissenschaftliche Darlegung von Josep Ignasi Saranyana: La discusión medieval sobre la condición femenina, Salamanca 1997.
[13] Nach den Ermahnungen des 1566 veröffentlichten Catechismus Romanus (Teil II-VIII, 2 und 27) sollten die Frauen sich “unterwürfig” zeigen, ihren Männern “willfährig sein und mit der größten Bereitwilligkeit gehorchen.” Es liegt eine deutsche Ausgabe vor: Der römische Katechismus, übersetzt nach der zu Rom 1855 veröffentlichten Ausgabe, Kirchen/Sieg 1970.
[14] Johannes Paul II. hebt hervor, daß die Ungerechtigkeiten, die die Frau erfährt, zutiefst verletzend und schädigend sind, nicht nur für sie selbst, sondern auch für den Mann. Vgl. MD 10.
[15] Vgl. BF 3.
[16] Diese Worte von Gertrude Mongella wurden veröffentlicht in Kirche heute (1996/12), S.26.
[17] Vgl. G.W. Hunt: The Pope on the Human Vocation, in America 159 (1988), S.267.
[18] Vgl. die Aussagen von Kard. Albert Decourtray, in MW, S.236; auch die Bemerkungen der kanadischen Theologin Elisabeth J. Lacelle, ebd., S.164; auch Catarina Broomé, ebd., S.150 und 152.
[19] Vgl. die Botschaft des Papstes an die Generalsekretärin der Weltfrauenkonferenz in Peking (26.5.1995), veröffentlicht in Johannes Paul II.: Carta y 21 mensajes a las mujeres (=CMM), Madrid 1996, S.46-58.
[20] Vgl. MD 12-16. - BF 3.
[21] Der in diesem Zusammenhang wohl berühmteste Text lautet: “Doch jede Form einer Diskriminierung in den gesellschaftlichen und kulturellen Grundrechten der Person, sei es wegen des Geschlechts, der Rasse, der Farbe… muß überwunden und beseitigt werden, da sie dem Plan Gottes widerspricht.”GS 29. - Dieser Text findet sich zwar nicht in MD; doch die Pastoralkonstitution, aus der er stammt, wird in MD dreizehnmal zitiert. - Vgl. auch GS 8; 9; 60. - Dekret Apostolicam Actuositatem 9. - Botschaft des Konzils an die Frauen (8.12. 1965), AAS 58 (1966), S.13 f.
[22] Vgl. etwa Pius XII.: Ansprache an die italienischen Frauen (21.10. 1945), AAS 37 (1945), S.284-295.- Ders.: Ansprache an die Weltunion der Katholischen Frauenorganisationen (24.4. 1952), AAS 44 (1952), S.420-424. - Johannes XXIII: Enzyklika Pacem in Terris (11.4.1963), AAS 55 (1963), S.267 f.
[23] Paul VI.: Apostolisches Schreiben Marialis Cultus (2.2. 1974), II, 34.
[24] Vgl. dazu Jutta Burggraf: “Das Verständnis der Frau am Beispiel der Magnifikat-Interpretationen im 20. Jahrhundert”, in Forum Katholische Theologie 13 (1997/1), S.50-69.
[25] Albert Decourtray: La enseñanza más novedosa que nos ha llegado de la cátedra de Pedro, in MW, S.237.
[26] Schon Pius X. nannte Teresa von Avila in einem amtlichen Schreiben "Lehrerin" ("magistra"); er richtete dieses Schreiben aus Anlaß der Dreihundertjahrfeier der Seligsprechung an den General der unbeschuhten Karmeliten. Vgl. AAS VI (1914), S.137-145. - Paul VI. erhob die Heilige von Avila schließlich am 27. September 1970 als erste Frau in den Rang einer Kirchenlehrerin. - Auch Johannes Paul II. empfahl sie den Christen zur Nachahmung. Vgl. Ansprache in Avila am 1.11.1982, in Der Apostolische Stuhl, Rom-Köln 1984, S.680.
[27] Vgl. Österreichische Karmeliten (Hrsg.): Teresa de Jesús. Eine Frau als Kirchenlehrer, 2.Aufl. Linz 1972, S.12.
[28] Vgl. Alfredo García Suárez: Eclesiología-Catequesis-Espiritualidad, hrsg. von Pedro Rodríguez, Pamplona 1998, S.749-766.
[29] Johannes Paul II. wollte diesem Dokument “den Stil und Charakter einer Meditation” (MD 2) geben; hieran erkennt man seine Haltung, die Fragen der Gegenwart in Ruhe abzuwägen und vertiefend zu betrachten. Eine “Betrachtung” könnte zwar auf den ersten Blick die Aufnahmebereitschaft eines lehramtlichen Dokumentes verringern; sie kann diese aber auch vertiefen: “Lex orandi, lex credendi.”
[30] Vgl. die Ausführungen zum Sündenfall, in der Generalaudienz (=GA), 26.9.1980; auch GA, 5.3.1980.
[31] Vgl. An, 30.7.1995 und 13.8.1995.
[32] Gertrud von Le Fort: Die Krone der Frau, Zürich 1950, S.68. - Vgl. dies.: Wirken und Wirkung. Dokumente zusammengestellt von Eleonore von La Chevallerie, Heidelberg 1983, S. 174 und 193.
[33] Vgl. An, 6.8.1995.
[34] Vgl. GA, 24.10.1979.
[35] Vgl. Gen 1,28. - BF 8.
[36] Vgl. Andrezej Jawien; Karol Wojtyla: Der Laden des Goldschmieds. Szenische Meditationen über Liebe und Ehe, Freiburg 1979, S.10; 21 und 25.
[37] MD 9.
[38] Vgl die Ausführungen zum Sündenfall, GA, 26.9. und 31.10. 1979.
[39] Vgl. Gen 3,16 - auch MD 10.
[40] Der Papst zeigt sich besonders auch im sexuellen Bereich als ein großer Verteidiger der Frau. Das Unrecht, das die Frau hier durch den Mangel an Zärtlichkeit erfahren kann, wird mit aller Klarheit genannt. Vgl. Johannes Paul II. (Karol Wojtyla): Liebe und Verantwortung, München 1979, S.234-241.
[41] Vgl. MD 14.
[42] Vgl. Gen 1,27; 2,7.
[43] Besonders in den sogenannten Mittwochskatechesen über die “Theologie des Körpers”, die Johannes Paul II. 1979-81 gehalten hat, zeigte er seine Vorliebe für die ersten drei Kapitel der Genesis. - In “Mulieris dignitatem” weist er darauf hin, daß in den altbekannten Texten der Genesis “die unveränderliche Grundlage der gesamten christlichen Anthropologie” offenbart wurde. Vgl. MD 6.
[44] Vgl hierzu besonders die Ausführungen zum ersten Schöpfungsbericht, GA, 12.9. 1979.
[45] Vgl. MD 6-7.
[46] Vgl. Die Ausführungen zu “Der Körper, Bild Gottes” und “Der Körper als Sakrament”, GA, 2.1.1980 und 20.2.1980.
[47] Vgl. Gen 2,18-25.
[48] Vgl. Die Ausführungen zum zweiten Schöpfungsbericht, GA, 19.9. und 7.11. 1979.
[49] MD 6.
[50] Vgl. An, 18.6.1995.
[51] Diese Gedanken entfaltete Johannes Paul II. bereits in seiner philosophischen Anthropologie. Vgl. Johannes Paul II. (Karol Wojtyla): Von der Königswürde des Menschen (=KW), Stuttgart 1980, S.95-97.
[52] MD 7.
[53] MD 7.
[54] Vgl. die Ausführungen zur “ursprünglichen Einsamkeit” des Menschen, GA, 10.10. 1979.
[55] Johannes Paul II. spricht von einer Hilfe “im Sein”, nicht nur “im Wirken”. Vgl. BF 7.
[56] Vgl. die Ausführungen zur “ursprünglichen Einheit und Zweiheit” des Menschen, GA, 14.11.1979.
[57] Vgl. die Ausführungen zum “Geschlecht als ein Konstitutiv der Person”, GA, 21.11.1979.
[58] Vgl. Jörg Splett: Der Mensch. Mann und Frau, Frankfurt 1980, S.18.
[59] Vgl. KW, S.97.
[60] Vgl. die Ausführungen zur “Hingabe”, GA, 16.1.1980.
[61] KW, S. 106. - Vgl. auch GS 24.
[62] Vgl. die Ausführungen zur “reziproken Annahme des anderen”, GA, 6.2.1980. - Auch An, 19.3.1995.
[63] Schon in seiner philosophischen Anthropologie führte Johannes Paul II aus, daß die “reziproke Hingabe” zur “reziproken Entfaltung” führt. Vgl. Karol Wojtyla: Ensayos de ética personalista, in Mi visión del hombre, Madrid 1997, S.316. - Vgl auch die Reflexionen zur “Personengemeinschaft”, GA, 14.11.1979 und 9.1.1980. - Gerade in dieser Aufforderung zur gegenseitigen Hingabe sieht Johannes Paul II. die “evangelische Neuheit”. MD 24.
[64] In unserem Jahrhundert hat Simone de Beauvoir die Gleichheitsideologie der Geschlechter in aller Schärfe formuliert. Der Einfluß dieser französischen Philosophin ist kaum zu überschätzen. Ihre Monographie “Le Deuxième Sexe” (erstmals erschienen 1949, deutsch 1951) wird als “Bibel des Feminismus” bezeichnet. Vgl. C. Wagner: Simone de Beauvoirs Weg zum Feminismus, Rheinfelden 1984.
[65] Vgl. MD 10. - Auch BF 10-12.
[66] Vgl. An, 23.7.1995 und 15.8.1995.
[67] Vgl. MW, S.200.
[68] Diese Begebenheit wird erzählt von Maria Antonietta Macciocchi, in MW, S.40 f.
[69] Vgl. MD 18.
[70] MD 18.
[71] Vgl. An, 14.8.1994.
[72] Vgl. Als die Frauen noch sanft und engelgleich waren, hrsg. von Hildegard Westhoff-Krummacher, Münster 1996, S.14.
[73] Bei aller Bejahung der berechtigten Emanzipationsbestrebungen tritt Johannes Paul II. dafür ein, daß die Förderung der Frau nicht nur im außerhäuslichen Bereich betrieben werde. Der Wert der mütterlichen und familiären Aufgaben muß klare Anerkennung finden, auch in der Gesetzgebung. An dieser Gesetzgebung weltbeit mitzuwirken, ist Recht und Pflicht der Frauen. Vgl. die Enzyklika Laborem exercens (14.9.1981), 23. – Auch das Apostolische Schreiben Familiaris Consortio (22.11.1981), 23. – MD 18-19.
[74] Vgl. MD 18.
[75] Vgl. EV 99. 1990, S.69-84.
[76] Vgl. MD 30.
[77] MD 30. - Auch Joseph Ratzinger: La donna - custode dell’essere humano. Präsentation des Apostolischen Schreibens Mulieris dignitatem, in L’Osservatore Romano vom 6.10.1988.
[78] Vgl. MD 21.
[79] Vgl. hierzu auch J. Angst und C. Ernst: Geschlechtsunterschiede in der Psychiatrie, in Weibliche Identität im Wandel. Vorträge im Wintersemester 1989/90, Heidelberg 1990, S.69-84.
[80] Vgl. den Vortrag des Papstes vor den Mitgliedern der Delegation des Vatikans, die an der Weltfrauenkonferenz in Peking teilnahmen (29.8.1995), veröffentlicht in CMM, S.59-64.
[81] Vgl. MD 69.
[82] Johannes Paul II. betont, daß noch nicht alle Möglichkeiten der “Bestimmung der Frau” freigelegt worden sind. Vgl. BF 3.
[83] Vgl. die Ausführungen zu “Das religiöse Ideal: ein reales, ein praktisches Ideal”, in Karol Wojtyla: Primat des Geistes. Philosophische Schriften, Stuttgart 1980, S.270 f. - Auch die Ausführungen zu “Dem Menschen dienen, nicht einer Ideologie”, in Johannes Paul II.: Wissen im Glanz der Wahrheit, St. Augustin 1980, S.108-111. - An, 25.6.1995. - BF 4.
[84] Vgl. etwa EV 99. - Auch die Aussagen Johannes Pauls II. in Kanada: L’Osservatore Romano vom 27.10.1987.
[85] Vgl. die Erklärung der Kongregation für die Glaubenslehre Inter insigniores (15.10.1976) und das Apostolische Schreiben von Johannes Paul II. Ordinatio Sacerdotalis (22.5.1994) sowie die diesbezügliche Klarstellung (28.10.1995). Zum näheren Verständnis können die von der Kongregation für die Glaubenslehre herausgegebenen Kommentare helfen: Dall’ Inter insigniores all’ Ordinatio sacerdotalis, Città del Vaticano 1997.
[86] Den Kern der Argumentation bildet das Verhalten Christi, der - obwohl er sich radikal gegen die Diskriminierung der Frauen wandte und damit absichtlich und mutig einen Bruch mit seiner Umwelt riskierte - doch keine Frauen, sondern nur Männer zu Priestern geweiht hat. Die Apostel handelten nach seinem Beispiel, und daher fühlte sich die katholische Kirche stets verpflichtet, diese Verhaltensweise Jesu und der Urgemeinde zu bewahren. Denn das Christentum ist eine historische Religion in mehr als einer Hinsicht. Seine Anfänge stellen nicht nur einen Ausgangspunkt dar, sondern haben auch einen Inhalt, der es in seinen wesentlichen Zügen für immer geprägt hat. Das Nein der katholischen Kirche zum Frauenpriestertum erschöpft sich folglich nicht in gesellschaftlich-kulturellen Verengungen früherer oder modernerer Zeiten, sondern ist Ausdruck der Treue zu ihrem Herrn. Diese Treue sichert die Fruchtbarkeit. Denn die Anfänge tragen den Charakter der Fülle.
Der letzte Grund für diesen Plan Gottes läßt sich im Rahmen menschlicher Rationalität wohl nicht beantworten, denn er deutet auf eine tiefere Dimension hin, die nur im Glauben angenommen und erhellt werden kann. Die Zuordnung des Priestertums zum Mann ist zentral in der Substanz des Kirchenmysteriums verankert. Der Priester stellt Christus, den Urheber der Gnade, dar, wenn er in der Eucharistiefeier die Worte spricht: “Dies ist mein Leib.”
[87] Zu den weiten Wirkungsbereichen der Frau in der Kirche vgl. etwa den Vortrag des Papstes vor den Teilnehmern eines italienischen Nationalkongresses (4.12.1993), veröffentlicht in L’Osservatore Romano vom 10.12.1993. - Auch GA, 13.7.1994.
[88] Vgl. die Predigt des Papstes in Köln (15.11.1980), 4, in Papst Johannes Paul II. in Deutschland, Bonn 1980, S.18. - MD 22. - Besonders auch das Apostolische Schreiben Redemptoris Custos (15.8.1989).
[89] Hier wird deutlich, daß der Appell an den “weiblichen Genius” nicht mit einer oberflächlichen Feminisierung der Gesellschaft gleichzusetzen ist, die etwa in der Ideologie des New Age propagiert wird. Vgl. hierzu L. Caldecott und S. Leland (Hgg.): Reclaim the Earth, London 1983. – L. Segal: Ist die Zukunft weiblich? Frankfurt/M. 1989.
[90] Vgl. MD 18.
[91] Vgl. die Ausführungen zum “Ethos des Körpers”, GA, 13.2.1980. - Auch die Aussagen Johannes Pauls II. in Kanada, in L’Osservatore Romano vom 27.10.1987. - In der Botschaft zum Weltfriedenstag (1.1.1995) führt Johannes Paul II. aus, daß die Frau “Erzieherin zum Frieden” ist. Vgl. CMM, S.17-25.
[92] Vgl. MD 30.
[93] Vgl. EV 98. Hierzu ausfürlich José Luis Illanes: Iglesia en la historia. Estudios sobre el pensamiento de Juan Pablo II, Mexiko - Santo Domingo - Valencia 1997, S.249-272.
[94] Vgl. hierzu C.G. Jung: Gesammelte Werke X, Freiburg 1971, S.43-65. - Auch die Erläuterung und Weiterführung der Psychologie Juns, etwa durch H. Barz: Männersache, Zürich 1984.
[95] Vgl. BF 7.
[96] Vgl. MD 7.
[97] Is 43,1 - vgl. Gal 3,28. - MD 25.
[98] Vgl. Offb 12,1-4. - MD 30.
[99] Vgl. Johannes Paul II.: Enzyklika Redemptoris mater (25.3.1987), 46. – MD 4-5.

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13.3.07

Was bedeutet „Gender“?

1. DIE GENDER-IDEOLOGIE

Die feministische Gender-Ideologie hat seit den sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts immer größeren Einfluss gewonnen. Sie besagt, dass Männlichkeit und Weiblichkeit grundsätzlich nicht von der Sexualität (vom biologischen Geschlecht), sondern von der Kultur bestimmt seien.[1] Während der Begriff “Sexualität” sich auf die biologische Natur bezieht und zwei Möglichkeiten beinhaltet (Mann und Frau), bezeichnet der Begriff Gender das soziale Geschlecht (in Orientierung an engl. gender zur Bezeichnung des grammatikalischen Geschlechts). Gemäß Gender-Ideologie beziehen sich die Unterschiede zwischen Mann und Frau – abgesehen von offensichtlichen biologischen Fakten – nicht auf eine „vorgegebene“ Natur, sondern sie seien lediglich Kulturerzeugnisse, „hervorgebracht“ gemäß den Rollen und Stereotypen, die jede Gesellschaft dem jeweiligen Geschlecht zuordnet (“sozial konstruierte Rollen”). In diesem Kontext wird (nicht ohne Grund) betont, dass die Unterschiede in der Vergangenheit häufig übertrieben worden sind, was für viele Frauen zu Diskriminierung und Ungerechtigkeit geführt hat: Jahrhunderte lang gehörte es zum “Frauenschicksal”, als minderwertiges Wesen zu gelten und von öffentlichen Entscheidungen und höherer Bildung ausgeschlossen zu sein. Aber heute – so die Gender-Vertreter – merkten die Frauen den Betrug, dem sie zum Opfer gefallen sind, und brächen die Schemata auf, die ihnen aufgezwungen wurden. Vor allem wollten sie sich von Ehe und Mutterschaft befreien.[2]

Einige Gender-Ideologen treten für die Annahme von vier, fünf oder sechs Geschlechtern unterschiedlicher Art ein: männlich heterosexuell, weiblich heterosexuell, homosexuell, lesbisch, bisexuell und indifferent. Somit erscheinen Männlichkeit und Weiblichkeit nicht mehr als die einzigen Möglichkeiten der menschlichen Geschlechtlichkeit (als „biologischer sexueller Dichotomie“). Folglich wäre jede sexuelle Praxis gerechtfertigt.[3] Die Heterosexualität – weit entfernt davon, als normal zu gelten – würde folglich nur noch eine der vielen Möglichkeiten sexueller Orientierung darstellen. Sie soll für die Fortpflanzung nicht einmal vorzuziehen sein. In “phantasievolleren” Gesellschaften, so wird betont, könne die Weitergabe des Lebens (die biologische Reproduktion) auch durch andere Techniken gesichert werden.[4] Und so wie die Gender-Identität sich immer wieder an neue und andere Bedingungen anpassen könne, stehe es jedem einzelnen frei, das Geschlecht (also „den Gendertyp“) zu wählen, wie es ihm je nach Situation und Lebensphase passe.

Um eine universale Akzeptanz dieser Ideen zu erreichen, versuchen die Förderer des radikalen Feminismus einen schrittweisen Kulturwandel – die sogenannte “De-konstruktion der Gesellschaft – voranzutreiben, wobei sie mit der Familie und der Kindererziehung beginnen.[5] Sie bedienen sich einer vieldeutigen Sprache, um ihre neuen ethischen Vorschläge vernünftig klingen zu lassen. Das Ziel besteht darin, eine neue Welt auf willkürliche Weise zu „re-konstruieren“, die die menschlichen Beziehungen anders als bisher gestaltet und neben „männlich“ und „weiblich“ auch andere Geschlechtertypen anerkennt.

Diese Aussagen haben in der individualistischen Anthropologie des radikalen Neoliberalismus ein günstiges Klima gefunden. Sie stützen sich einerseits auf verschiedene marxistische und strukturalistische Theorien[6], andererseits auf die Postulate einiger Repräsentanten der „sexuellen Revolution“ wie Wilhelm Reich (1897-1957) und Herbert Marcuse (1898-1979), die dazu aufgerufen haben, mit allen möglichen sexuellen Praktiken zu experimentieren. Noch direkter ist der Einfluss des atheistischen Existentialismus von Simone de Beauvoir (1908-1986), die bereits im Jahre 1949 ihren berühmten Aphorismus schuf: “Du wirst nicht als Frau geboren, du wirst zur Frau gemacht!”[7] Später ergänzte sie ihn logischerweise mit der Behauptung: “Als Mann ist man nicht geboren, zum Mann wird man gemacht! Auch Mannsein ist keine von Anfang an gegebene Realität.”[8] Ebenso lassen sich die soziokulturellen Studien von Margaret Mead (1901-1978) in diesen geschichtlichen Prozess einordnen. Sie bestärkten einen neuen Zweig des radikalen Feminismus, obwohl die wissenschaftliche Gültigkeit ihrer Beiträge von anderen Forschern in Frage gestellt wurde.[9]

Wenn die Befürworter der Gender-Theorie erklären, dass das männliche und das weibliche Geschlecht ausschließlich Produkt sozialer Faktoren seien und keinerlei Bezug zur sexuellen Dimension des Menschen hätten, stehen sie in Gegensatz zu einem Modell, das ebenso einseitig ist wie das ihre – nur mit umgekehrten Vorzeichen. Dieses Modell verneint jegliche Interaktion zwischen dem Individuum und der Gemeinschaft in der Ausprägung der persönlichen Identät als Mann oder Frau; und es hält daran fest, dass jedem Geschlecht aufgrund biologischer Notwendigkeiten eine geschichtlich unveränderliche, feste soziale Rolle entspreche.[10] Aber dieses Modell gilt heutzutage theoretisch und juristisch als falsch, zumindest in der westlichen Welt.[11] Es wurde von den meisten Verfassungen, wenn auch nicht vollständig, so doch in weiten Teilen, aufgegeben. Aber es ist nicht von der Hand zu weisen, dass dieses Modell weiterhin die soziale Praxis beeinflusst.[12]

2. DER PROZESS DER IDENTIFIZIERUNG MIT DEM EIGENEN GESCHLECHT

In einer realistischen Sicht sind beim Menschen Sexualität und Geschlecht – biologische Grundlage und kultureller Ausdruck – nicht dasselbe, aber auch nicht völlig unabhängig voneinander. Um den Bezug beider zueinander korrekt beschreiben zu können, ist es hilfreich, zunächst den Entwicklungsprozess zu betrachten, in dem sich die Identität von Mann oder Frau herausbildet. Fachleute weisen auf drei Aspekte dieses Prozesses hin, die sich im Normalfall harmonisch ineinander verflechten: das biologische, das psychische und das soziale Geschlecht.[13]

Das biologische Geschlecht bezeichnet die Körperlichkeit eines Menschen. Man unterscheidet verschiedene Faktoren. Das „genotypische (oder chromosomale) Geschlecht“ – von den XX-Chromosomen der Frau oder den XY-Chromosomen des Mannes bestimmt – entsteht im Moment der Befruchtung und prägt sich als „gonadales Geschlecht“ aus, das für die hormonelle Aktivität zuständig ist. Das „gonadale Geschlecht” wiederum beeinflusst das “phänotypische (oder somatische) Geschlecht”, das die Struktur der inneren und äußeren Fortpflanzungsorgane bestimmt. Diese biologischen Grundlagen greifen zutiefst in den Organismus ein, so dass, beispielsweise, jede Zelle eines weiblichen Körpers sich von jeder Zelle eines männlichen Körpers unterscheidet.

Das psychische Geschlecht bezieht sich auf das seelische Erleben eines Menschen als Mann oder Frau. Es besteht konkret in dem Bewusstsein, einem bestimmten Geschlecht anzugehören. Dieses Bewusstsein ist ansatzweise bereits im 2. bis 3. Lebensjahr vorhanden und stimmt in der Regel mit dem biologischen Geschlecht überein. Es kann durch Erziehung und Umgebung eines Kindes allerdings tiefgreifend beeinflusst werden.

Das soziale (oder bürgerliche) Geschlecht wird einem Menschen bei der Geburt zugesprochen. Es bringt zum Ausdruck, wie das neugeborene Kind von seiner Umgebung wahrgenommen wird, und bezeichnet eine dem Mann oder der Frau spezifische Verhaltensweise. Im allgemeinen wird es als Ergebnis eines historisch-kulturellen Prozesses verstanden, denn es bezieht sich auf Funktionen, Rollen und Stereotypen, die jede Gesellschaft einer bestimmten Gruppe von Menschen zuweist.

Diese drei Aspekte sollten nicht als voneinander isoliert verstanden werden. Im Gegenteil, sie integrieren sich in einem weitgespannten Entwicklungsprozess, der der eigenen Identitätsfindung dient. Während der Kindheit und Jugend entwickelt der Mensch schrittweise das Bewusstsein, „er selbst zu sein“. Er entdeckt seine eigene Identität und darin auch, in immer tieferen Schichten, die eigene Geschlechtlichkeit als die sexuelle Dimension des eigenen Seins. Er entwickelt nach und nach eine sexuelle Identität, indem er sich der biopsychischen Faktoren des eigenen Geschlechts und auch des Unterschieds zum anderen Geschlecht bewusst wird; und er entfaltet eine Gender-Identität, d. h. er entdeckt psychosoziale und kulturelle Faktoren der Rolle von Frau und Mann in der Gesellschaft. In einem harmonischen Integrationsprozess entsprechen und ergänzen sich diese Dimensionen.

Eine besondere Beachtung verdient die Intersexualität, denn Gender-Vertreter argumentieren, dass die Existenz von Hermaphroditen und transsexuellen Menschen beweisen würde, dass es nicht nur zwei Geschlechter gebe. Aber diese Formen der Intersexualität signalisieren Anomalien unterschiedlicher klinischer Art. Sie entstehen meist in einer frühen Phase der embryonalen Entwicklung und sind von der Fehlfunktion eines oder mehrerer Faktoren bestimmt, die das Geschlecht definieren. Das bedeutet, dass Hermaphroditen in einem bestimmten Abschnitt ihrer biologischen Entwicklung, die für die sexuelle Differenzierung zuständig ist, Pathologien aufweisen. Sie leiden unter Abweichungen von der normalen Entwicklung des biologischen und folglich auch des psychosozialen Geschlechts.[14] Statt diese Menschen als Mittel der Propaganda für eine „De-konstruierung” der Familiengrundlage und der Gesellschaft zu benutzen, sollte man ihnen mit Respekt begegnen und ihnen eine adäquate Therapie zukommen lassen.

Des weiteren sollte zwischen sexueller Identität (Mann oder Frau) und sexueller Orientierung (Heterosexualität, Homosexualität, Bisexualität) unterschieden werden. Unter sexueller Orientierung versteht man gewöhnlich die sexuelle Präferenz, die sich in der Jugend mit der vollständigen Entwicklung des Gehirns herausbildet. Sie hat eine biologische Grundlage und ist außerdem von anderen Faktoren wie Erziehung, Kultur und eigenen Erfahrungen bestimmt. Auch wenn die Zahlen in den verschiedenen Untersuchungen variieren, so kann man doch sagen, dass die große Mehrheit der Menschen heterosexuell ist.[15]

Wieder etwas anderes ist das sexuelle Verhalten. Im Normalfall bezeichnet es das eigene, selbst gewählte Tun. Wir sollten nicht vergessen, dass es eine große Bandbreite an Möglichkeiten gibt, wie Mann und Frau mit ihrer Sexualität umgehen können.

3. VOM SINN DER GESCHLECHTERDIFFERENZ

Da der Mensch „in der Einheit von Körper und Seele”[16] Mann oder Frau ist, prägt die Männlichkeit oder Weiblichkeit den ganzen Menschen, seine Persönlichkeit: von der Beschaffenheit und Sinnhaftigkeit der Geschlechtsorgane und deren Einfluss auf das Erleben der körperlichen Liebe bis hin zu psychischen Differenzen zwischen Mann und Frau und der unterschiedlichen Form ihrer Gottesbeziehung. Auch wenn man kein einzelnes psychisches oder geistiges Merkmal nur einem der Geschlechter zurechnen kann, so gibt es doch Wesenszüge, die sich besonders häufig und akzentuiert bei Männern und andere, die sich eher bei Frauen feststellen lassen. Hier Klarheit zu schaffen, ist äußerst schwierig. Wahrscheinlich wird es nie möglich sein, mit wissenschaftlicher Exaktheit zu bestimmen, was „typisch männlich“ oder „typisch weiblich“ ist, denn Natur und Kultur, die beiden großen Formbildner, sind von Anfang an eng miteinander verflochten. Aber die Tatsache, dass Mann und Frau die Welt unterschiedlich erleben, Aufgaben verschieden lösen, auf verschiedene Weise fühlen, planen und reagieren, findet in der biologischen Konstitution des Menschen eine solide Grundlage, wie auch die moderne Hirnforschung belegt.[17]

Bei der Sexualität spielen Identität und Unterschiedenheit eine wichtige Rolle: Mann und Frau haben die gleiche menschliche Natur, aber sie haben sie auf verschiedene Art. In vieler Hinsicht ergänzen sie sich gegenseitig. Deshalb ist der Mann „konstitutiv“ auf die Frau und die Frau auf den Mann hin ausgerichtet. Sie suchen keine androgyne Einheit, wie die mythische Vision des Aristophanes im platonischen “Gastmahl” suggeriert, sondern sie bedürfen einer des anderen, um ihre Menschlichkeit voll entwickeln zu können.[18] Nach der Genesis ist die Frau dem Mann vom Schöpfer als „Hilfe“ gegeben, was weder dasselbe ist wie „Sklave“, noch Geringschätzung bedeutet.[19] In der ehelichen Beziehung von Mann und Frau ist „Hilfe“, ist „Unterordnung“ nicht einseitig zu sehen, sondern reziprok. Eine gegenseitige Unterordnung in Liebe entspricht der Personwürde beider.

Dass nur die Frau Mutter sein kann und nur der Mann Vater, ist eine biologische Tatsache. Während die Zeugung von Nachkommen an sich nur funktionalen Charakter hat, wird sie beim Menschen durch die Liebe zu einem ganzheitlich menschlichen Akt. Durch die Bindung an die Liebe ist die menschliche Fortpflanzung von Gott in die Personmitte als gemeinsame Aufgabe beider Geschlechter gesetzt worden. Elternschaft verweist darauf, dass Gott dem Menschen das Leben anvertraut.

Beide, Mann und Frau, sind befähigt, im anderen ein grundlegendes Bedürfnis zu erfüllen. In ihrer wechselseitigen Beziehung lässt einer den anderen sich selbst erkennen und in seiner geschlechtlichen Bestimmtheit auch verwirklichen. Jeder hilft dem anderen, sich bewusst zu werden, dass er zur Gemeinschaft und zur Hingabe berufen ist. So finden beide ihr eigenes Glück, indem sie dem anderen helfen, glücklich zu sein.

Während die Festlegung auf die Gender-Ideologie eine Fixierung auf sich selbst und die eigenen Bedürfnisse begünstigt, verlangt die geschlechtliche Liebe von Mann und Frau eine klare Bereitschaft zum Anderen hin. Dies zeigt, dass die menschliche Fülle eben gerade in der Beziehung liegt, im Für-den-anderen-da-Sein. So wird der Menschen dazu bewegt, aus sich herausgehen, den anderen zu suchen und sich an seiner Gegenwart zu erfreuen. Die Sexualität ist gewissermaßen das Siegel der Liebe Gottes in der menschlichen Natur. Auch wenn jeder Mensch von Gott „um seiner selbst willen“[20] geliebt wird und zur individuellen Fülle berufen ist, so kann er diese nicht ohne die Gemeinschaft mit anderen erreichen. Er ist geschaffen, um Liebe zu geben und zu empfangen. Das ist der Sinn der sexuellen Bedingtheit, die einen unschätzbaren Wert darstellt. Beide Geschlechter sind von Gott selbst dazu bestimmt, zusammen zu wirken und zu leben.[21] Darin liegt ihre Berufung. Man kann sogar sagen, dass Gott den Menschen nicht als Mann und Frau geschaffen hat, damit neue Menschen gezeugt werden, vielmehr: Er habe dem Menschen die Fähigkeit zur Fortpflanzung gegeben, damit die Gottebenbildlichkeit des Menschen über die Generationen hin weitergegeben werde, die der Mensch auch in seiner sexuellen Bedingtheit widerspiegelt.

Frau sein, Mann sein, erschöpft sich nicht im Mutter- oder Vater-sein. Im Hinblick auf die besonderen Fähigkeiten der Frau wird von der „geistigen Mutterschaft“ oder auch –mit Johannes Paul II. – vom „weiblichen Genius” gesprochen.[22] Der Papst deutet auf eine seelische Dimension, auf eine bestimmte Grundhaltung hin, die der physischen Struktur der Frau entspricht und von ihr gefördert wird. Es scheint tatsächlich nicht abwegig anzunehmen, dass die starke Beziehung der Frau zum Leben besondere Begabungen wecken kann. Wie die Frau während der Schwangerschaft eine einzigartige Nähe zu dem neuen menschlichen Wesen erfährt, das in ihr heranreift, so begünstigt ihre Natur sie auch, spontan menschliche Kontakte zu den anderen Menschen ihrer Umgebung zu knüpfen. Der „Genius der Frau“ kann als ein feines Gespür für die Nöte und Bedürfnisse anderer gefasst werden, als die Fähigkeit, mögliche innere Konflikte zu erahnen und mitzutragen. Er zielt auf Personennähe, Realitätsbezug und Einfühlungsvermögen. Man kann ihn als ein Talent umschreiben, das Liebe in konkreter Form zu geben und eine Ethik der Fürsorge zu entwickeln weiß[23].

Wenn es einen „weibliches Genius“ gibt, muss es auch einen „männlichen Genius“ geben. Der Mann hat von Natur aus eine größere Distanz zum konkreten Leben. Er befindet sich immer „außerhalb“ des Prozesses der Schwangerschaft und der Geburt und kann nur durch seine Frau daran teilnehmen. Aber eben diese größere Distanz ermöglicht ihm wohl eine rationalere Handlungsweise zum Schutz des Lebens und zur Absicherung der Zukunft. Sie ermöglicht es ihm, ein wirklicher Vater zu sein, nicht nur im physischen, sondern auch im geistigen Sinn.[24] Sie kann es ihm auch erleichtern, ein unerschütterlicher Freund zu sein, der verlässlich und vertrauenswürdig ist. Andererseits kann sie auch ein gewisses Desinteresse für die konkreten und alltäglichen Dinge hervorrufen, was bedauerlicherweise in vergangenen Zeiten in einer einseitigen Erziehung gefördert wurde.

In allen Bereichen der Gesellschaft, in Kultur und Kunst, in Politik und Wirtschaft, im öffentlichen wie im privaten Leben sind Männer und Frauen aufgerufen, sich in ihrer Verschiedenartigkeit gegenseitig anzunehmen, um so in harmonischer Zusammenarbeit eine lebenswerte Welt zu schaffen.

4. EINE ADÄQUATE BEZIEHUNG ZWISCHEN SEXUALITÄT UND GESCHLECHT

Im Menschen besteht – wie gezeigt wurde - eine tiefgehende Einheit zwischen der körperlichen, der psychischen und der geistigen Dimension, eine gegenseitige Abhängigkeit von Biologischem und Kulturellem. Sein und Handeln gründen in der biologischen Natur und können nicht von ihr gelöst werden.

Für die Einheit und Gleichberechtigung von Mann und Frau ist die Geschlechterdifferenz kein Hindernis. Wenn auch die weiblichen und männlichen Ausprägungen sehr flexibel sind, so können sie doch nicht völlig ignoriert werden. Es bleibt immer ein hohes Maß an natürlicher geschlechtlicher Verfasstheit bestehen, das nicht ohne verweifelte Anstrengung verdrängt werden kann, was dann schließlich zur Leugnung der eigenen Identität führen würde. Weder die Frau noch der Mann können gegen ihre eigene Natur angehen, ohne unglücklich zu werden. Der Bruch mit der biologischen Natur befreit weder die Frau noch den Mann; es ist ein Weg, der ins Pathologische führt.

Die Kultur hat ihrerseits eine adäquate Antwort auf die Natur zu geben. Sie darf kein Hindernis für die volle Entwicklung einer Gruppe von Menschen aufrichten. Es ist offensichtlich, dass es Frauen gegenüber in der Geschichte viele Ungerechtigkeiten gegeben hat, die es auch heute noch in vielen Teilen der Welt und in vielen Bereichen gibt. Diskriminierungen haben keine biologische Grundlage, sondern kulturelle Wurzeln. Soziale Funktionen dürfen nicht einfachhin an Genetik oder Biologie gebunden werden. Es ist wünschenswert, dass die Frau neue Aufgaben übernimmt, die ihrer Würde entsprechen. In diesem Sinn hat Papst Johannes Paul II. ausdrücklich die biologisch-deterministische Position abgelehnt, in der alle Rollenverteilungen und Beziehungen zwischen den Geschlechtern von einem einheitlichen statischen Modell bestimmt sind; und er hat die Männer aufgerufen, „am großartigen Befreiungsprozess der Frau“ teilzunehmen.[25] Das Mitwirken der Frau in der Öffentlichkeit und am Arbeitsmarkt ist zweifellos ein Fortschritt, der neue Herausforderungen an beide Geschlechter stellt.

In diesem Zusammenhang kann der Begriff Gender dann akzeptiert werden, wenn kulturelle Prägungen von Mann und Frau und deren Funktionen im sozialen Kontext damit umschrieben werden, ohne dass geleugnet werden dürfte, dass es eine biologisch fundierte Geschlechterdifferenz gibt.[26] Denn viele dieser Funktionen von Mann und Frau im sozialen Kontext sind nicht beliebig konstruierbar, weil biologisch verwurzelt. Deshalb “ist es möglich, ohne nachteilige Folgen für die Frau auch einen gewissen Rollenunterschied anzunehmen, insofern dieser Unterschied nicht das Ergebnis willkürlicher Auflagen ist, sondern sich aus der besonderen Eigenart des Mann- und Frauseins ergibt.“[27]

Gegenwärtig wird vielen von neuem klar, dass man nicht unabhängig von der Basis der eigenen Natur frei werden kann; dass das Geschlecht, jenseits von Privileg oder Diskriminierung, immer auch eine Chance zur Selbstentfaltung bedeutet. Folglich setzen sie sich z. B. dafür ein, dass die Förderung der Frau nicht allein im außerhäuslichen Bereich betrieben wird. Die erwerbstätige Frau darf - bei aller Anerkennung ihrer berechtigten Anliegen - nicht zum einzigen Ideal weiblicher Selbständigkeit erklärt werden; sonst entsteht ein sozialer Zwang, der sowohl den Frauen als auch den Männern und nicht zuletzt der Familie schadet.

Die Sorge für die Familie ist selbstverständlich nicht nur eine Aufgabe der Frau, sondern auch des Mannes. Aber auch wenn der Mann verantwortungsbewusst ist und seine beruflichen und familiären Aufgaben angemessen miteinander verbindet, ist nicht zu übersehen, dass der Frau innerhalb der Familie eine äußerst wichtige Rolle zukommt. Der spezifische Beitrag, den sie hier leistet, muss selbstverständlich in der Gesetzgebung voll berücksichtigt und endlich auch in finanzieller und sozialpolitischer Hinsicht gebührend honoriert werden.[28] An einer entsprechenden Gesetzgebung mitzuwirken, sollte weltweit nicht nur als Recht, sondern auch als Pflicht der Frau angesehen werden.

5. SCHLUSSBEMERKUNG

Die Entwicklung einer Gesellschaft hängt vom Einsatz aller menschlichen Ressourcen ab. Deshalb sollten sowohl Männer als auch Frauen in allen Bereichen des öffentlichen und privaten Lebens wirken können. Die Bemühungen, dieses gerechte Ziel auf den verschiedenen Ebenen der Politik, der wirtschaftlichen Unternehmen, in der Kultur, im Sozialbereich und in der Familie zu erreichen, können in der „Perspektive der Gendergleichberechtigung“ behandelt werden, sofern diese Gleichberechtigung die realistische Sicht der Geschlechterdifferenz einschließt. Einige Länder und internationale Organisationen nehmen die unterschiedliche Situation von Mann und Frau tatsächlich ernst und entwickeln Pläne für Chancengerechtigkeit, die Frauen wie Männern nützen. Wenn es gilt, politische Entscheidungen zu treffen, fordert die Gender-Perspektive dazu auf, sich von vornherein klarzumachen, wie sich die möglichen Folgen der Gesetzgebung oder bestimmter Programme auf das Leben von Frauen und Männern auswirken.

Eine so verstandene Gender-Perspektive, in der sich Menschen für das Recht auf Verschiedenheit von Mann und Frau und für ihre gemeinsame Verantwortung in Familie und Beruf einsetzen, darf allerdings nicht mit den radikalen Ansichten, die eingangs erwähnt wurden, verwechselt werden. Denn wenn die geschlechtlichen Differenzen ignoriert werden, kann nicht nur der einzelne Mensch tiefen Schaden erleiden. Zugleich wird der Weg dafür geebnet, die Fundamente der Familie und der zwischenmenschlichen Beziehungen auszuhöhlen.

Jutta Burggraf

[1] In den Sprachen, in denen man nicht –wie im Englischen– über zwei Wörter (sex – gender) verfügt, die sich inhaltlich klar voneinander unterscheiden, spricht man vom “biologischen Geschlecht” und vom “(psycho-)sozialen Geschlecht”. Im Deutschen benutzt man darüber hinaus die Wörter “Sexualität” und “Geschlecht” in diesem Zusammenhang immer öfter als direkte Übersetzung von sex und gender.
[2] Einige Befürworter der Gender-Ideologie haben schon vor Jahren vorgeschlagen, die Geschlechtsrollen zu ändern, um die Fruchtbarkeit zu reduzieren: “In order to be effective in the long run, family planning programmes should not only focus on attempting to reduce fertility within existing gender roles, but rather on changing gender roles in order to reduce fertility.”Vgl. Gender Perspective in Family Planning Programs, erstellt von der Division for the Advancement of Women for the Expert Group Meeting on Family Planning, Health and Family Well-being, Bangalore (India), 26.-30. Oktober 1992; unter Mitarbeit des United Nations Populations Fund (UNFPA).
[3] Vgl. Judith BUTLER: “Wenn man davon ausgeht, dass das Geschlecht eine von der Sexualität völlig unabhängige Konstruktion ist, wird es zu einem Kunstprodukt, frei von Fesseln. Folglich könnten Mann und männlich sowohl einen weiblichen als auch einen männlichen Körper bezeichnen; Frau und weiblich könnten ebenfalls sowohl einen männlichen als auch einen weiblichen Körper bezeichnen.” Gender Trouble. Feminism and the Subversion of Identity, New York–London 1990, S.6. Auch wenn dieses Buch in einigen extremen und noch radikaleren Kreisen kritisiert wird, da es sich nicht vollständig von der biologischen Dimension löst, kann es als eines der Hauptwerke über die Gender-Ideologie betrachtet werden.
[4] Heidi HARTMANN, The Unhappy Marriage of Marxism and Feminism, Boston 1981, S.16. Wie viele andere, so sah auch diese Autorin zum Teil schon die völlige Trennung von Sexualität und Fortpflanzung, von Mutterschaft/Vaterschaft und Sohn- oder Tochtersein voraus, welche die heutige Technik möglich macht.
[5] PÄPSTLICHER RAT FÜR DIE FAMILIE, Ehe, Familia und “Faktische Lebensgemeinschaften” (21. November 2000), 8. Die Gender-Ideologie wird in vielen wichtigen internationalen Institutionen sehr geschätzt, unter denen sich nicht wenige Versammlungsbehörden der Vereinten Nationen befinden. Außerdem bemühen sich immer mehr Universitäten, den “Gender Studies” einen neuen wissenschaftlichen Rang zu geben.
[6] Friedrich ENGELS schuf die Basis für die Vereinigung von Marxismus und Feminismus. Vgl. The Origin of the Family, Property and the State, New York 1972. (Original deutsch: Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staates, 1884).
[7] Simone de BEAUVOIR, Das andere Geschlecht, Hamburg 1951, S.285. (Original französisch: Le Deuxième Sexe, Paris 1949).
[8] Simone de BEAUVOIR, Alles in Allem, Hamburg 1974, S.455.
[9] Vgl. Margaret MEAD, Male and Female. A Study of the Sexes in a Changing Word, New York 1949. Gloria SOLÉ ROMEO, Historia del feminismo. Siglos XIX y XX, Pamplona 1995, S.50-53.
[10] Bezüglich der verschiedenen Modelle, die die Beziehungen von Mann und Frau verdeutlichen, vgl. die Ausführungen von María ELÓSEGUI, La transexualidad. Jurisprudencia y argumentación jurídica, Granada 1999, S.91-118.
[11] Die Unterordnung der Frau verletzt das Prinzip der Gleichheit der Geschlechter, das von der Generalversammlung der Vereinten Nationen in der Allgemeinen Menschenrechtserklärung (10. Dezember 1948) und auch in zahlreichen anderen Dokumenten der UNO anerkannt worden ist.
[12] Vgl. die Studien von María ELÓSEGUI: “Es gibt auch heute noch direkte, indirekte und verborgene Diskriminierung im Arbeitsbereich, in der Sozialversicherung, im Finanzrecht, usw.” Los derechos reproductivos. Un nuevo concepto jurídico procedente del mundo legal anglosajón, in Anuario de Derecho Eclesiástico del Estado 16 (2000), S.689.
[13] Das biologische Geschlecht wird häufig sex (Sexualität) genannt, während das soziale Geschlecht als gender (schlicht Geschlecht) bezeichnet wird. Das psychologische Geschlecht wird sowohl der Sexualität als dem Geschlecht zugeordnet. Vgl. Anm. 1.
[14] Es gab schon immer Menschen, deren biologisches Geschlecht keine eindeutigen Merkmale trägt. So kann es beispielsweise vorkommen, daß das genotypische, gonadale und phänotypische Geschlecht (oder die inneren und äußeren Genitalien) nicht übereinstimmen; oder dass das psychische und biologische Geschlecht nicht harmonieren. Entsprechend empfinden transsexuelle Menschen, dass sie nicht zu dem Geschlecht gehören, das die Gesellschaft ihnen zugesprochen hat. Mehr Information bei J. GONZÁLEZ MERLO, Ginecología, Kap. 3: Estados Intersexuales, Barcelona 1998. Ana Carmen MARCUELLO y María ELÓSEGUI: Sexo, género, identidad sexual y sus patologías, in Cuadernos de Bioética (1999/3), S.459-477.
[15] Vgl. beispielsweise die Studien des Psychiaters Gerard J.M. van den AARDWEG, Das Drama des gewöhnlichen Homosexuellen. Analyse und Therapie, 3. Aufl., Neuhausen-Stuttgart 1995, S.17-47. (Original inglés Homosexuality as a Disease of Self-Pity).
[16] Zweites Vatikanisches konzil, Pastoralkonstitution Gaudium et Spes (GS), 14.
[17] Vgl. Dennis D. KELLY, Sexual Differentiation of the Nervous System, in: Principles of Neural Science, hrsg. von Eric R. KANDEL, James H. SCHWARTZ, Thomas M. JESSELL, 4. Ausg. (Appleton and Lange), Norwalk, Connecticut 2000, S.1131-1149. P. NOPOULOS, M. FLAUM, D. O’LEARY, N.C. ANDREASEN, Sexual dimorphism in the human brain: evaluation of tissue volume, tissue composition and surface anatomy using magnetic resonance imaging, in: Psychiatry Res (2000/2), S.1-13. H. DAVIDSON, K.R. CAVE, D. SELLNER, Differences in visual attention and task interference between males and females reflect differences in brain laterality, in: Neuropsychologia (2000/4), S.508-514. N. SADATO, V. IBANEZ, M.P. DEIBER, M. HALLETT, Gender difference in premotor activity during active tactile discrimination, in: Neuroimage (2000/5), S.532-540. K. KANSAKU, A. YAMAURA, S. KITAZAWA, Sex differences in lateralization revealed in the posterior language areas, in: Cereb Cortex (2000/9), S.866-872.
[18] Vgl. Angelo SCOLA, ¿Qué es la vida? Madrid 1999, S.128 f.
[19] Vgl. Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Mulieris dignitatem, (MD; 15. August 1985), 10. Auch der Psalmist sagt zu Gott: “Du bist meine Hilfe.” Psalm 70,6. Vgl. Psalm 115,9.10.11; 118,7; 146,5.
[20] Vgl. GS, 24 y MD, 7, 10, 13, 18, 20 y 30.
[21] Die menschliche Sexualität deutet auf einen unergründlichen Wunsch Gottes hin. Vgl. Génesis 1,27.
[22] Vgl. Jutta BURGGRAF, Johannes Paul II. und die Berufung der Frau, in Johannes Paul II., Zeuge des Evangeliums: Perspektiven des Papstes an der Schwelle des dritten Jahrtausends, hrsg. von Stephan Otto HORN SDS und Alexander RIEBEL, Würzburg 1999, S. 322-335.
[23] Vgl. MD 30.
[24] Geistige Vaterschaft bedeutet, den Egozentrismus zu überwinden und “von der Liebe erobert zu werden”. Vgl. Karol WOJTYLA, Radiation of fatherhood, in DERS., The Collected Plays and Writings on Theater, Berkeley 1987, S.355.
[25] JOHANNES PAUL II, Brief an die Frauen (29. Juni 1995), 6.
[26] Vgl. die Dokumente der Delegation des Heiligen Stuhls, die in die Akten der IV. Weltkonferenz für Frauen (Peking 1995) aufgenommen worden sind, bei José Manuel CASAS TORRES, La cuarta conferencia mundial sobre la mujer, Madrid 1998, S.78.
[27] JOHANNES PAUL II, Brief an die Frauen, 11.
[28] Vgl. Johannes Paul II., Enzyklika Laborem exercens, (14. September 1981), 19.

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