11.3.15

Wir haben geheiratet, um uns gegenseitig glücklich zu machen


Übersetzt aus dem Spanischen von Angelika Strüder. Aus "Jutta Burggraf: Un nuevo estilo de vida - amar y perdonar". Serie Antropologia 11 Kapitel 2: El Arte de convivir en el Matrimonio" (2007). Die Formatierung ihres Dokuments habe ich beibehalten.

DIE KUNST, IN DER EHE GEMEINSAM GLÜCKLICH ZU WERDEN


Ich erinnere mich noch lebhaft an eine Unterhaltung mit einer österreichischen Freundin, bei der sie mir von den Erfahrungen ihrer ersten beiden Ehejahre erzählte: „ Als unser erstes Kind geboren wurde – so gestand sie mir –, kam ich mit der Hausarbeit, die sich als notwendig erwies, an kein Ende. Den ganzen Tag tat ich nichts anderes als Putzen, Waschen und Aufräumen. Abends war ich regelmäßig erschöpft und schlecht gelaunt. Eines Tages dachte ich dann: ‚So kann das nicht weiter gehen; ich entwickle mich zu einem Putzteufel und kümmere mich gar nicht um mein Kind. Zuerst kommen die Menschen, dann die Sachen.’ Also konzentrierte ich mich von da an ganz auf meinen Sohn. Ich trug ihn auf dem Arm, ich sang ihm Lieder vor und sprach mit ihm. Wir bildeten eine wunderbare Einheit. Aber nach einiger Zeit merkte ich, dass mein Mann nicht zu unserer Symbiose dazugehörte; mein Verhalten musste notwendigerweise zur Folge haben, dass er sich in seinem eigenen Haus wie ein Fremder fühlte, obwohl er sich nie beschwerte. Daraufhin machte ich mir von neuem Gedanken: ‚Das Kind ist ein Segen Gottes, aber es ist nicht der erste Mensch, der mir anvertraut worden ist. Vor ihm kommt noch mein Mann. Er und ich, wir bilden eine Gemeinschaft der Liebe, von der wir hoffen, dass sie unser ganzes Leben andauern wird. Das Zusammenleben mit den Kindern jedoch hört normalerweise nach einigen Jahrzehnten auf. Wir lieben unsere Kinder sehr, aber schließlich und endlich sind sie doch wie Gäste in unserer Zweiergemeinschaft anzusehen; ganz besonders liebe Gäste allerdings, die wir einladen, an ausgedehnten Zeiträumen unseres Lebens teilzunehmen und denen wir das Beste von uns mitgeben möchten.’ So änderte ich noch einmal mein Verhalten und sprach auch mit meinem Mann darüber. Seither ist er meine erste Sorge – und ich die seine. Und so können wir von uns behaupten, dass wir ein glückliches Ehepaar sind, trotz all der Höhen und Tiefen, die das Leben mit sich bringt.“


Dank ihrer selbstkritischen Haltung hatte meine Freundin den Schlüssel entdeckt, um ihr Zuhause in eine Quelle des Lebens und des Glücks für alle seine Bewohner zu machen: Sie war der Bedeutung der Liebe zwischen den Ehepartnern, der Notwendigkeit ihrer beständigen Pflege und Weiterentwicklung auf die Spur gekommen. In der Tat leistet man den Kindern einen schlechten Dienst, wenn man um ihretwillen den Partner auf den zweiten Platz verweist, oder wenn Vater und Mutter aufgrund der ständig steigenden Arbeitsanforderungen und der vielfältigen Beschäftigungen kaum noch Zeit gemeinsam verbringen können oder wollen. Was die Kinder wirklich brauchen, um sich innerlich ausgeglichen und frei im Leben zurecht zu finden, ist nicht nur die Erfahrung, dass ihre Eltern sie lieben, sondern auch die Sicherheit, dass ihre Eltern sich gegenseitig lieben.


Die Haltung, die meine Freundin von ihrem dritten Ehejahr an einnahm, lässt sich in einem einfachen Satz zusammenfassen: „Wir haben geheiratet, um uns gegenseitig glücklich zu machen und zusammen die Anderen glücklich zu machen.“


I. EINE NEUE EINHEIT


Wir haben heute eine besondere Sensibilität dafür entwickelt, dass die Ehe nicht nur die Grundlage der Familie ist, sondern an erster Stelle eine persönliche Begegnung zwischen einem Mann und einer Frau, eine Lebens- und Liebesgemeinschaft, die Überwindung der ursprünglichen und radikalen Einsamkeit, unter der jeder Mensch leidet. Beide, Mann und Frau, sind gerufen, sich gegenseitig zu helfen, ein glücklicheres Leben zu führen, das nicht „meins“ und nicht „deins“, sondern „unser Leben“ ist, eine neue Einheit, ein gemeinsames Abenteuer, das immer einzigartig ist. Und da jede Ehe einmalig ist, ist auch der Weg ihrer Liebe einmalig.


1. Einheit von zweien


Wenn zwei Menschen heiraten, entscheiden sie sich, den Lebensweg fortan gemeinsam zu gehen. Sie treten in eine neue Phase ihres Lebens, die normalerweise von der Freude gekennzeichnet ist, ausgewählt und geliebt zu sein. Jeder von ihnen erkennt sich im Blick und in der Wertschätzung des anderen wieder, jeder ist für den anderen Sicherheit und Stütze. Das Ich erwacht, wächst und entwickelt sich durch die unwiderstehliche Anziehungskraft des Du.


Ein Ehepartner darf vom anderen nicht als ein Besitz angesehen werden, den man ein für allemal erworben hat, sondern als Person, die eine Entwicklung durchmacht. Die Liebe besteht darin, dem Anderen weite Bereiche an Freiheit zu lassen und sich zu schenken, ohne kleinliche Berechnungen anzustellen. „Beziehung ist nur dank ihrer Unentgeltlichkeit lebendig. Ohne diesen Sauerstoff würde jede Beziehung zwischen Menschen ersticken und dem Tod verfallen. Die Unentgeltlichkeit ist so notwendig wie die Luft und das Brot.“ (A. Scola,  Die „entscheidende Frage“ der Liebe: Mann-Frau; Madrid, 2003)


Die Liebe verlangt außerdem, dem Anderen keine Etiketten aufzukleben und ihn nicht in ein vorgefertigtes Schema zu pressen. Sie lässt uns begreifen, dass wir nie damit fertig werden, ihn kennen zu lernen; jeder Tag ist in dieser Hinsicht voller Überraschungen. Darauf weist auch ein Schriftsteller in seinem Tagebuch hin: „Es fällt auf, dass wir gerade in Bezug auf den Menschen, den wir lieben, kaum sagen können, wie er ist. Wir lieben ihn einfach. Darin besteht gerade die Liebe, das Wunder der Liebe, das uns bereit macht, dem anderen überall hin zu folgen, in all seinen Entwicklungen, auf all seinen Wegen.“ (Max Frisch, Tagebuch 1946-1949; Frankfurt 1970). Damit ist nicht gemeint, dass man darauf verzichten soll, zu sein, was man ist, sondern grade das dem Anderen großzügig zu schenken, es ihm zur Verfügung zu stellen, um mit der Zeit etwas zu schaffen, das wirklich „unseres“ ist.


In dem Maß, in dem Mann und Frau dahin gelangen, eine neue Lebenseinheit zu bilden, wächst auch das Bedürfnis, einerseits die eigene Innerlichkeit zu bewahren, andererseits aber den Egoismus, die Herrschsucht und die Trägheit des Herzens zu bekämpfen, damit das Böse nicht auf den Partner übergreift, ihn ansteckt oder verdirbt. Wenn diese Bereitschaft zur persönlichen Besserung da ist, wird es normalerweise möglich sein, auch das Eheleben beständig zu verbessern. Für eine glückliche Ehe ist also nicht in erster Linie wichtig, was zu tun ist, sondern wie man sein soll. Und der entsprechende Ausgangspunkt dafür ist die Bereitschaft, sich vom Partner „besiegen“ zu lassen, und zwar aus Liebe, in dem Wissen, dass Güte wiederum Güte hervorruft und Hingabe ihrerseits Hingabe weckt.


Eine Beziehung, in der nur einer sich schenkt oder nur einer empfängt, ist nicht ausgewogen, und im Grunde kann man gar nicht von Liebe sprechen. Die wahre Liebe lässt uns geben wie empfangen, sie lässt uns fühlen, dass wir jemanden brauchen und dass jemand uns braucht. Sie ist wie eine hin- und herfließende Strömung, eine ständige Bewegung des Gebens und Empfangens, die zwischen zwei Menschen entsteht, die sich auf Augenhöhe begegnen.


2. Einheit von dreien


Aber der „Andere“ schlechthin, dessen Gegenwart die Ehe von Christen zuinnerst belebt, ist Gott selbst. Zu einer tiefen und vollständigen ehelichen Verbindung gehören drei. Das Versprechen von zwei Christen vor Gott bindet sie nicht nur an den Partner, sondern in gewisser Weise binden sich beide über den jeweils anderen zugleich an Jesus Christus, geben sich nicht nur gegenseitig, sondern durch den anderen Menschen auch Christus hin. Die Ehegatten leben nicht nur für den anderen, sondern sie leben gemeinsam für Christus; durch ihre eheliche Liebe lieben sie auch Christus. Daher kann jeder von ihnen Gott durch den Partner entdecken, kann in seiner Haltung erspüren, wie sehr Gott ihn liebt, und in seinem Verhalten die Zärtlichkeit Gottes erfahren.


Zweifellos ist die religiöse Dimension etwas so Tiefes, dass es manchmal nicht leicht ist, die rechte Weise zu finden, den Partner daran teilhaben zu lassen. Wenn es den beiden zur liebevollen Gewohnheit wird, ehrlich miteinander zu sprechen, wird das eine große Hilfe sein, sich unter dieser Perspektive anzusehen und im Anderen diese Tiefendimension zu sehen. Es kann sie ermutigen, dem letzten Sinn ihrer Ehe auf die Spur zu kommen, die Liebe Gottes in Fülle anzunehmen, sein Geschenk an mich, das du bist, und sein Geschenk an dich, das ich bin.


Aber Gott hat nicht nur einen Plan für mich oder für dich; er hat auch etwas für uns vor. Er ruft die christlichen Eheleute, gemeinsam Zeugnis von ihrer Liebe zu geben, Widerschein seiner beständigen Sorge für die Menschen zu sein. Er lädt sie ein, Abbild Christi zu sein – zuerst füreinander und dann gemeinsam für die Anderen. „Wir möchten aus unserem Haus einen Ort der Begegnung mit Gott und mit den anderen machen, mit Kleinen und Großen, mit Gesunden und Kranken, einen Ort der Arbeit, der Erholung und des Feierns, einen Ort, der offen steht für Arme und Reiche; und vor allem einen Ort des Gebetes,“ sagte einmal eine einfache Frau. Je verbundener die Eheleute untereinander sind, desto mehr werden sie sich diesem Ideal nähern können.


II. SICH DER WIRKLICHKEIT STELLEN


Unser Leben mit einem anderen Menschen zu teilen kann eine große Freude sein; aber es ist auch harte Arbeit. Es ist ein anspruchsvoller, schwieriger Prozess, der viel Geduld erfordert. Der Weg ist lang und führt nicht nur durch sonnige Täler, sondern häufig durch dunkle Wälder, trockene Wüsten und sturmgepeitschte Gebirge. Trotzdem dürfen die Paare, die denken, dass ein Streit bereits das Ende ihres gemeinsamen Lebens bedeutet, neuen Mut fassen: Die Auseinandersetzungen sind gerade die Momente, in denen man entscheidende Fortschritte in der Beziehung machen kann. Jedes Mal, wenn wir ein Hindernis überwinden, machen wir einen weiteren wichtigen Schritt auf unserem Weg der Liebe, der uns noch mehr Fülle und Tiefe schenken wird als der vorhergehende.


1. Die „Krise des Anfangs“


Am Anfang ist die Liebe vielleicht aufgebrochen, weil ich von einem anderen Menschen völlig hingerissen war. Ich habe fast ausschließlich einige seiner äußerlichen Eigenschaften beachtet, sie maßlos übertrieben und alle meine Träume und Sehnsüchte auf ihn projiziert.


Es kann sein, dass umgekehrt dasselbe geschehen ist und der Partner ebenfalls eher unbewusst alle seine Hoffnungen auf ein Wunschbild übertragen hat, das er in mir gesehen hat. Und nun entwickeln wir beide eine Reihe von Verteidigungsmechanismen, um unsere Bedürftigkeit und unsere Schwäche zu verbergen.


Aber das Zusammenleben widersteht weder den Lügen noch dem Schein. Die verschiedenen Situationen des Lebens zu zweit demaskieren recht schnell unsere besonderen „Ticks“ und kleinen Manien, zeigen unsere Mittelmäßigkeit und alle egoistischen Tendenzen, die wir mit uns schleppen.


Nicht wenige Ehekrisen beginnen mit der Desillusionierung, die dieser überschwänglichen Begeisterung für den Partner folgt. Nachdem die erste Phase des „Verliebtseins“ vorüber ist – und diese Schwankung entspricht der menschlichen Psychologie – kann ein radikaler Umschwung in der Paarbeziehung folgen, falls jemand sich ausschließlich auf seine Gefühle gestützt hat. Dann klagen die Eheleute einander an, sich betrogen zu haben. Ihre Beziehung wird zu einer erstickenden Fessel und es häufen sich die gegenseitigen Vorwürfe. Die Begrenzungen des Einen wie des Anderen bekommen im Alltag immer mehr Bedeutung und sind der Grund für unzählige Reibereien, Auseinandersetzungen, Unverständnis, Ärger und Klagen.


In dieser Situation, in der man die Leere der Enttäuschung und eine unerträgliche Frustration empfindet, entsteht möglicherweise eine entgegengesetzte Gefühlsregung: Die rein affektive Liebe kann in Hass umschlagen, der auch rein gefühlsmäßig ist und sich auf genau die Person richtet, die man vorher zu lieben glaubte. „Von der Liebe zum Hass ist es nur ein Schritt,“ sagt die Volksweisheit. Dabei kann es sogar zu Formen von Gewalttätigkeit kommen.


2. Gewalt in den eigenen vier Wänden


Es sind nicht wenige Paare, die diese erste Krise nicht überstehen. Wie erleben ständig mehr Trennungen nach nur einigen Monaten oder wenigen Jahren. Außerdem sind wir leider an die dramatischsten und skandalösesten Geschehnisse gewöhnt, die uns die Medien täglich, angemessen in Szene gesetzt, servieren, um die Sensationslust der großen Masse zu befriedigen: In einem Wutanfall ergreift ein Ehemann eine Waffe und erschlägt seine Frau, ein anderer wirft seine Partnerin aus dem Fenster, und ein dritter verletzt seine Freundin schwer mit dem Messer. Solche Szenen können in jeder friedlichen Kleinstadt passieren, wo dann eiligst die Nachbarn zusammenlaufen, um ihrer Verwunderung und Bestürzung Ausdruck zu verleihen. Und nachdem wir ihren mehr oder weniger ausdrucksstarken Lamenti zugehört haben, kommt die nächste Nachricht, und wir bleiben mit der festen Überzeugung zurück, dass die Gesellschaft mehr zum Schutz der Frauen tun muss...


Ich möchte nicht bestreiten, dass dieser Schutz eine dringende Notwendigkeit darstellt. Aber auf der anderen Seite geben neuere Untersuchungen doch sehr zu denken. Wie eine bekannte deutsche Zeitschrift für Psychologie feststellte, sind es nicht die Frauen, sondern die Männer, die besonders unter häuslicher Gewalt zu leiden haben. (S. Zeitschrift „Psychologie heute“, Juli 2004). Denn die Frauen zeigen offen eine immer stärkere Tendenz zu physischer Gewalt, während ihre Männer es vorziehen, zu der schlechten Behandlung, die sie erfahren, zu schweigen. Vor einiger Zeit hob eine aktive Feministin hervor: „Ich war immer klug genug, nur die Männer zu ohrfeigen, die ausreichend gute Erziehung und Selbstbeherrschung besaßen, den Schlag nicht zurückzugeben.“ (Tageszeitung „Die Welt“, 11. Juni 2004). Abgesehen von dieser erhellenden Aussage ist bekannt, dass man auf unterschiedlichste Weise leiden kann. Sowohl Männer wie Frauen können ihre Familie einem psychologisches Martyrium unterwerfen, indem sie ihr das Leben mit subtilen und kaum „nachweisbaren“ Mitteln zur Hölle machen, als da sind Zwang, Demütigungen, Erpressung oder ständige schlechte Laune.


3. Sich sehr gut kennen


Es ist offensichtlich, dass man sich sehr gut kennen sollte, bevor man sich mit einem anderen Menschen für ein ganzes Leben verbindet. Man muss die Gefahr überwinden, sich nicht darüber Rechenschaft zu geben, worauf seine Attraktivität beruht und dahin gelangen, sich wirklich von der Person des anderen anziehen zu lassen und sich nicht nur auf die Gefühle, die man in Bezug auf sie empfindet, verlassen, auf das subjektive Bild, das die Gefühle in allen Farben ausmalen. Kurz und gut, ich darf meine Gefühle nicht mit der objektiven Wahrheit des anderen verwechseln. Da das manchmal gar nicht leicht ist, erweist es sich dann nicht als ratsam, eine Zeitlang zusammenzuleben, eine „Ehe auf Probe“ zu führen, bevor man heiratet?


Die Tatsachen scheinen zu zeigen, dass dies nicht die Lösung ist. Einer Studie zufolge, die 1997 in Großbritannien durchgeführt wurde, war die Zahl der Scheidungen bei denen, die heirateten, nachdem sie zusammengelebt hatten, sehr viel höher, als wenn dies nicht der Fall gewesen war. Warum ist das wohl so? Wir sind noch nicht in der Lage, den genauen Grund dafür anzugeben; trotzdem können wir einige Vermutungen anstellen. Zusammen zu leben ohne letzte Bindung steht letztendlich unter dem Zeichen eines gewissen Misstrauens. Wenn zwei Menschen zusammen leben, ohne verheiratet zu sein, bleibt in einem Winkel ihres Herzens zumindest ein Rest von Unsicherheit und Verdächtigung. Eine Frau sagte mir einmal, dass sie jede Nacht Angst habe, ihr Freund würde nicht zurückkommen. Und warum heiraten sie nicht? Warum sind sie ihrer Liebe nicht sicher? Wenn wir ganz ehrlich sind, müssen wir zugeben, dass dies eine Beleidigung des Partners darstellt. Es ist als sagte man ihm: „Heute liebe ich dich. Aber ich weiß nicht, ob ich dich morgen (oder in zehn Jahren) noch lieben werde, und deswegen möchte ich mir lieber Scherereien ersparen.“ Es ist eine wirkliche Beleidigung, auch wenn viele Theorien entwickelt werden und man zahlreiche ideologisch gefärbte Erklärungen zu diesem Tatbestand zu geben pflegt. Im Grunde wissen die Menschen, die zusammenleben, dies sehr gut, und in der Tat erkaltet die Liebe oft nach einigen Jahren – unter anderem, weil sie in einem Klima des Misstrauens nicht wachsen kann.


Kehren wir zu der Ehe zurück, die durch die erste Krise geht. Einer weit verbreiteten Meinung zufolge hört das gemeinsame Leben auf, wenn die „Liebe“ aufhört. Diese von einer Vielzahl von Medien immer wieder proklamierte Botschaft hat eine so große gesellschaftliche Unbeweglichkeit hervorgebracht, dass sie die meisten Leute unfähig macht, selber nachzudenken.


Denn es gibt sehr wohl eine Alternative. Trotz aller Enttäuschungen kann man den Wunsch neu beleben, an der Seite des Menschen zu bleiben, an den man sich gebunden hat. Dazu ist es jedoch nötig, an die Heilkraft der Liebe zu glauben und sich der Wahrheit zu stellen.


Die Eheleute müssen eine tiefe und ehrliche Begegnung suchen, sich zusammen setzen, um sich wirklich kennen lernen, damit sie sich lieben können. Das ist nicht leicht, aber beide müssen unbedingt über die negativen Erfahrungen sprechen, die sie gemacht haben, über die Wunden, die häufig das eigene Verhalten determinieren und das spontane Verhalten im Zusammenleben blockieren. Jeder von ihnen hat eine persönliche Geschichte, die unter anderem stark geprägt ist von den Erlebnissen in der eigenen Ursprungsfamilie, die  – zum Guten wie zum Schlechten – die Grundlagen für seinen Charakter gelegt hat. Nur eine große Offenheit hinsichtlich dessen, was wir sind, was wir fühlen, was wir denken, was wir glauben, was uns gefällt und was uns schmerzt, was wir in der Vergangenheit erlebt haben und wovon wir für die Zukunft träumen, kann eine Basis für einen neuen Anfang schaffen. Die wahre Liebe geht von der Wirklichkeit aus. Sie schaut nicht nur auf die sichtbare körperliche Schönheit, sondern bezieht die innere Schönheit, die „ganzheitliche Schönheit“ des anderen Menschen mit ein. Jede menschliche Person hat ihren Wert in sich selbst, ist eine Welt, die es wert ist, entdeckt, angenommen und geliebt zu werden.


Es kann sehr schwer fallen, von dem zu sprechen, was man denkt und fühlt, und jeder von uns hat die Tendenz, nicht ganz offen zu sein, denn wir glauben, dass wir weniger geliebt werden, wenn wir uns ganz öffnen. Doch in Wirklichkeit geschieht das Gegenteil: je besser wir einander kennen, desto lieber werden wir uns haben; und je mehr wir uns zu erkennen geben, mit all unserer Armseligkeit und Bedürftigkeit, um so freier und sicherer werden wir uns in der Gegenwart des Anderen fühlen. Es gibt keine echte eheliche Liebe, bis nicht jeder auch die Schwäche des Anderen annimmt und liebt. Lieben bedeutet, sensibel zu sein für die Verwundungen des Partners.


Die Zärtlichkeit ist ein wichtiger Bestandteil der Liebe, der in der Ehe nicht fehlen darf. Karol Wojtyla beschrieb sie als „die Kunst, den anderen in seinem persönlichen Sein, in allen Empfindungen seiner Seele zu erspüren und zu verstehen und dabei immer an sein wahres Gut zu denken“. (F. Guerrero, Das Geheimnis der Liebe in der Philosophie von Karol Wojtila, Madrid, 2001). Die Zärtlichkeit und das Lächeln bringen uns einander näher, sie machen uns menschlicher.


Was wir unbedingt beachten müssen, ist, niemals etwas vom Anderen zu verlangen, was er uns nicht geben kann, so sehr er uns auch liebt, da er begrenzt ist, wie auch wir es sind. Und: Die wahre Liebe zeigt sich nicht in Sätzen wie: „Ich liebe dich, weil du ein hübsches Gesicht hast, weil du gebildet, musikalisch oder sportlich bist“. Die wahre Liebe lässt uns sagen: „Ich liebe dich, weil du du bist.“


III. DIE EHELICHE INTIMITÄT


In einer gelungenen Ehe verwirklicht sich die Einheit der Eheleute in allen Dimensionen des Menschseins. „Und die zwei werden ein Fleisch sein.“ ( Eph 5, 31). Die Sprache der Bibel ist direkt und eindeutig. Sie bezieht sich auf die geschlechtliche Vereinigung, die für die eheliche Liebe konstitutiv ist, und auf den durch diese Vereinigung gezeugten Nachkommen, der in seinem genetischen Erbgut – das zur Hälfte vom Vater und zur Hälfte von der Mutter kommt – eine vollkommene Verschmelzung der beiden aufzeigt. Wenn zu der leiblichen Intimität eine psychische und geistige Nähe kommt, ein intellektueller und gefühlsmäßiger Zusammenklang, dann kann die Beziehung als gesund erachtet werden.


Das Kind ist die natürliche Frucht der ehelichen Liebe. Aber auch ein Ehepaar, dem es trotz seiner Offenheit neuem Leben gegenüber nicht möglich ist, Kinder zu bekommen, kann glücklich werden. Die Eheleute sind nicht nur berufen, ihren Nachkommen „Leben zu schenken“, sondern auch einander. Ihre Einheit bringt nicht nur natürliche Früchte hervor, sondern auch geistige, deren erste gerade diese Einheit der beiden ist.


1. Gemeinsam leiden


Wenn einer der Ehegatten keine Kinder bekommen kann und der andere diese natürliche Gegebenheit nicht akzeptiert und auf alle mögliche Weise versucht, Nachkommen zu haben – was heutzutage auf künstlichem Weg immer leichter erreichbar ist –, kann dieses Verhalten einen tiefen Abgrund zwischen dem Paar aufreißen; denn der eine verwirklicht seine Wünsche, ohne den anderen mit einzubeziehen. Ein Ehemann, der sich in dieser schmerzlichen Lage des „Ausgeschlossenseins“ befand, sagte einmal zu mir: „Jetzt verstehe ich, dass die Ehe eine Schicksalsgemeinschaft ist, und dass sie das auch sein muss; wenn einer der beiden keine Kinder haben kann, dann können wir sie nicht haben.“ In der Tat ist die Liebe ihrer Natur gemäß zweiseitig, sie ist ein Geschenk, dass zwei Personen einander machen. Nur dann wird die unmittelbare Basis geschaffen, von der aus ein Wir entstehen kann, das einmalig ist.


Es fördert das Wachstum der Liebe, wenn wir nicht nur die schönen und angenehmen Seiten des Lebens zusammen genießen, sondern auch die unerwarteten und schmerzlichen Ereignisse, die das Leben des Menschen erschüttern, gemeinsam tragen. Viele Ehen gehen auseinander, nachdem sie durch eine Zeit äußerster Leiden gegangen sind. Andere Paare hingegen wachsen in ähnlichen Umständen zusammen, stützen sich gegenseitig und binden sich enger aneinander. Diese unterschiedlichen Reaktionen hängen von den Grundhaltungen der Eheleute ab.


Wenn wir bewusst Ja zum Leben sagen und bereit sind, auch sein härtesten Aspekte anzunehmen, sind wir in der Lage, einen inneren Reifeprozess zu beginnen, und unsere Persönlichkeit zu entwickeln. Normalerweise leben wir in ziemlicher Abhängigkeit von äußeren Einflüssen: Radio, Fernsehen, Leuchtreklame, Handys und Internet lenken ständig unsere Aufmerksamkeit auf sich und halten uns in Bewegung. Oft bleibt uns keine Zeit, allein und mit dem Partner über die Eindrücke, die sich überschlagen, nachzudenken und zu sprechen. Ein schmerzliches Ereignis kann uns zu einer Pause zwingen. Wir sehen uns mit uns selbst konfrontiert und dazu herausgefordert, unser Leben neu zu ordnen. Es ist nicht mehr möglich, uns zu täuschen, der Schmerz lässt uns die Dinge mit scharfer Deutlichkeit wahrnehmen, das Nebensächliche macht dem Wichtigen, dem Wesentlichen, Platz. Eine Volksweisheit sagt: „Du siehst alles anders mit Augen, die geweint haben“; du kannst alles besser und deutlicher sehen.


Als Christen wissen wir, dass Gott den Schmerz nicht will. Trotzdem lässt er ihn zu. Das Kreuz nimmt einen zentralen Platz in unserem Leben ein. Es ist ein Geheimnis der Liebe, nicht der Furcht. Es ist das Geheimnis eines Gottes, der sich solidarisch mit unserem Leiden erklärt und dessen Liebe so groß ist, dass er sein Leben für uns gibt. Seither haben Schmerz und Tod in der Welt nicht das letzte Wort. Nach dem Kreuz kommt die Freude der Auferstehung, eine Freude, die kein Ende kennt. Wer ein solches Vertrauen besitzt, ist unbesiegbar und in seinem Inneren unverletzlich. Wer kann ihn besiegen, wenn diese Niederlage in Wirklichkeit der Schritt zu seinem endgültigen Sieg darstellt?


2. Die Macht des Vertrauens


In einer Ehe ist es ungemein wichtig, dass jeder der Partner sich dem anderen überlassen kann in der Gewissheit, auf dieser Welt von diesem Menschen am meisten geliebt zu sein. Gleichzeitig müssen sich beide gegenseitig zu verstehen geben – und das vor allem in Situationen, wo sie unterschiedlicher Meinung sind: „Ich möchte, was für dich gut ist.“


Die Liebe muss vertrauen können, sie muss sich in Sicherheit wissen und fühlen, dass sie „Rückendeckung“ hat. Wenn jeder der Partner weiß, dass er mit dem anderen rechnen kann, egal was passiert, dann werden normalerweise beide fähig sein, energisch und optimistisch alle Probleme, auf die sie stoßen, anzugehen. Für den, der liebt, ist es eine Quelle des Friedens und der Freude, auf den Anderen vertrauen zu können und in ihm einen Freund zu haben, der ihn nie enttäuschen wird.


Wir müssen an die Fähigkeiten des Anderen glauben und ihm das auch zu verstehen geben. Manchmal stellt man beeindruckt fest, wie sehr ein Mensch sich ändert, wenn man ihm Vertrauen schenkt; bis zu welchem Grad er sich verwandelt, wenn man ihn dem vollkommenen Bild gemäß behandelt, das man sich von ihm gemacht hat. Es gibt viele Menschen, die es verstehen, ihren Ehepartner aufzubauen, indem sie ihn diskret und ruhig bewundern und ihm so die Gewissheit vermitteln, dass es viel Gutes und Schönes in ihm gibt. Und sie helfen ihm geduldig und ausdauernd, diese positiven Ansätze weiter zu entwickeln.


Es ist wirklich so: Nur den Menschen, den wir lieben, schauen wir recht an. Dann leuchten seine besten Eigenschaften auf, selbst solche, die man nicht für möglich gehalten hätte. Niemand bleibt derselbe, wenn er mit Liebe angeschaut wird, denn er möchte sich dieses Blickes würdig erweisen und ihn verdienen, denn er scheint aufzudecken, was niemand vorher entdeckt hat und bringt ans Tageslicht, was man tief in seinem Innern trägt.


IV. SICH DEN HINDERNISSEN STELLEN


Eine Beziehung wurde einmal mit einer Sprungfeder verglichen: am Anfang ist sie sehr hart, aber sie gibt immer mehr nach, und schließlich muss man sie häufig erneuern, damit die Einzelelemente nicht völlig auseinanderfallen.


1. Die „Krise der Routine“


Nach einiger Zeit kann es zur so genannten „Krise der Routine“ kommen. Wir stellen fest, dass jeder Montag, jeder Dienstag und jeder Mittwoch gleich sind, dass der andere immer gleich reagiert, dass er immer dieselben Witze und dieselben Geschichten aus seinem vergangenen Leben erzählt. Und wir wissen schon zur Genüge, wie er denkt und was er fühlt. Das tägliche Einerlei wirkt ermüdend, Langeweile stellt sich ein. Die Ehe scheint nicht das zu bieten, was wir uns von ihr erhofft hatten. Statt uns in ein „leidenschaftliches Abenteuer“ eingeschifft zu haben, leben wir scheinbar in einem immer engeren System und erleiden eine Form von Eingesperrtsein.


In dieser Lage können uns absurde und ganz unwichtige Dinge auffallen und schließlich zu einer Obsession werden, wie etwa die Art und Weise, wie der Partner Papiere ordnet, gestikuliert oder Wasser trinkt, geht oder dreinschaut. Nichts davon spielt sich auf der Ebene des Verstandes oder der Logik ab; im Gegenteil, die meisten Konflikte dieser Art sind rein gefühlsmäßiger Natur. Das Gefühl des Überdrusses kann so groß werden, dass es in uns eine heftige Abwehrhaltung hervorruft: „Mich stört dein Verhalten dermaßen, dass ich nicht mehr zu sehen vermag, wer du eigentlich bist.“ Und die Liebe sinkt auf den Gefrierpunkt.


Wir müssen diese Gefahr unbedingt rechtzeitig bemerken und entschieden gegensteuern, voller Verständnis und mit Humor. Zuerst einmal versuchen, wieder die positiven Seiten des Partners zu entdecken, sie hervorzuheben und sogar mit der Lupe zu sehen. Und dann müsste uns etwas einfallen, damit dieser Montag ein anderer Tag wird und ein wunderbarer dazu. Man muss das Eis brechen, den Morgen mit einem aufmunternden Wort beginnen, einen Ausflug organisieren oder ein Fest veranstalten, selbst wenn nur drei Kekse im Schrank sind. Die Liebe nährt sich von Überraschungen.


2. Eine angespannte Atmosphäre


Das Normale in einer Beziehung zwischen lebendigen Menschen ist nicht der absolute Friede. Abgesehen von der Routine können sich uns viele andere Hindernisse in den Weg stellen, wie zum Beispiel die Eifersucht, die Unfähigkeit, miteinander ins Gespräch zu kommen, das Bedürfnis nach Zuwendung und Aufmerksamkeit in einer hektischen Welt, Stress und ständiger Zeitmangel, Groll und Verbitterung, die Angst, verlassen zu werden oder möglicherweise allein zurückzubleiben, die fixe Idee, nicht geliebt zu werden oder für niemanden wichtig zu sein. So entsteht eine Atmosphäre, in der die Nerven zum Zerreißen gespannt sind. Zuweilen sind wir so von uns selbst besessen, dass nur zählt, was wir meinen, denken, tun oder wünschen. Wir hören dem anderen lustlos zu und antworten nur mit Allgemeinplätzen. Und es kann passieren, dass jeder der beiden seine eigene Fluchtmöglichkeit sucht und findet: seine Arbeit, seine Reise, sein Hobby, seine Blutsfamilie, seine alten Freunde, eine neue Liebe... keiner will vom anderen abhängen, man will ihn auf keinen Fall nötig haben, und so widmet sich jeder der Pflege des eigenen Ich.


Manchmal ist das Scheitern einer solchen Ehe unvermeidlich, und die (zeitliche) Trennung der Ehegatten stellt das allerletzte Hilfsmittel dar. Wenn sie sich als Christen verhalten, werden sie die volle Bedeutung des Ehebundes anerkennen, den sie geschlossen haben, und dieses  Band voll und ganz respektieren; aber zur gleichen Zeit machen sie eben die schmerzliche Erfahrung, dass es ihnen unmöglich ist, in einer Situation, die sie selbst im Laufe der Zeit verursacht haben, weiter zusammen zu leben. In einem solchen Fall werden die Eheleute ihren Kindern zu verstehen helfen, dass die Ermüdung und die Schwäche ihrer Eltern nicht stärker sind als die Gnade Christi, die sie trotz der physischen Entfernung weiterhin verbindet. (1)


Nun ist es in den meisten Fällen nicht nötig, zu diesen extremen Maßnahmen zu greifen. In einer schwierigen Situation gilt es vor allem, nicht zu resignieren und wie versteinert vor dem gescheiterten Lebensentwurf zu verharren. Jede Ehe geht durch Zeiten der Fülle und durch Augenblicke des Zweifels und der Unsicherheit. Die Liebe braucht Zeit; sie wächst langsam. Verzögerungen oder gar Rückschritte auf dem Weg sind das Normale. Zuweilen fallen wir von einer Krise in die nächste und können uns am Ende völlig hilflos und verlassen vorkommen. Aber mit einem Minimum an gutem Willen von beiden Seiten können die Probleme eigentlich immer gelöst werden. Theresia von Avila spricht aus eigener Erfahrung, wenn sie gesteht: „Es hat zwanzig Jahre gedauert, bis eine Vernunftehe zu einer großen Leidenschaft wurde.“


Es ist wichtig, an sich selbst Forderungen zu stellen. Das bedeutet etwa, uns Rechenschaft über unsere unverhältnismäßigen Reaktionen zu geben, um Verzeihung zu bitten und selbst zu verzeihen, für das kleinste Bemühen des Partners dankbar zu sein und uns anzugewöhnen, ihn zu fragen: Was erwartest du von mir? Es ist auch nötig, aufmerksam zuzuhören, zusammenhängende Antworten zu geben und immer mehr Verständnis für die Fehler des anderen aufzubringen. Die Kunst besteht darin, zu wissen, wann es angebracht ist nachzugeben und wann nicht, die Situationen zu unterscheiden, in denen es sich lohnt, sich mutig mit einer Schwierigkeit auseinanderzusetzen, und wann es ratsam ist, einen unpassenden Kommentar zu überhören oder ein provozierendes Benehmen zu übersehen.


V. DIE BEGEISTERUNG AUFRECHT ERHALTEN


In jedem Fall gilt es, festgefahrene Situationen zu vermeiden, die entstehen, weil man zu lange Zeit verstreichen lässt, bevor man sich ihnen stellt. So bald wie möglich sollten wir uns die entscheidende Frage stellen: Wie werden wir unseren Entschluss, zusammen glücklich zu werden, in die Tat umsetzen?


1. Wieder fähig werden, wie Kinder zu sein


Es ist eine Binsenwahrheit, dass die Wunden der Liebe nur durch Liebe geheilt werden können. Im Prinzip muss man keine großen Dinge im Leben ändern; der Partner braucht normalerweise kein neues Auto oder einen Pelzmantel. Er möchte im Gegenteil etwas mehr Aufmerksamkeit, ein kleines Zeichen der Liebe und des Verständnisses. Wenn die Spurenelemente im menschlichen Körper fehlen, dann kann man, so winzig sie auch sind, schwer erkranken und sterben. Analog können wir von „Spurenelementen“ in der Atmosphäre eines Zuhause sprechen. Es sind jene kleinen Dinge, die nur schwer nachzuweisen und noch weniger einzufordern sind – wie etwa ein herzliches Lächeln, ein anerkennender Blick oder ein ermutigendes Wort –, durch die der Partner sich wohl fühlt, sich geliebt und geschätzt weiß, und durch die er erfährt, dass es jemanden gibt, der sich wirklich für seine Arbeit, seine Schwierigkeiten und alles, was er im Herzen trägt, interessiert – weil er eben für ihn der wichtigste Mensch auf der Welt ist.


Es ist sehr ratsam, den Austausch zu pflegen und gewohnheitsmäßig Zeit einzuplanen, um über die Ereignisse des gemeinsamen Lebens zu sprechen – über das Wichtige und das, was weniger wichtig ist. In einem Klima des Vertrauens kann man alle Probleme mit Einfachheit ansprechen, ohne zu verallgemeinern, ohne zu dramatisieren. Dabei sollte man vermeiden, was den anderen verletzen könnte, und eine große Sensibilität entwickeln für alles, was der andere sagt und was er sagen möchte. Das Wort, das in ihm bleibt, kann nämlich das entscheidende sein. Daher müssen wir uns darin üben, „zu sehen, zu hören, zu empfinden, wie sich hinter einem Gefühl, das gezeigt, hinter einer Gesinnung, die ausgedrückt wird, anderes verbirgt – und vielleicht hinter dem noch einmal Anderes.“ (Romano Guardini, Tugenden. Meditationen über Gestalten sittlichen Lebens, Würzburg 1963, S. 112)


Die Liebe heilt, sowohl, wenn man sie gibt, als auch wenn man sie empfängt. Es gibt Augenblicke, in denen es nötig ist, wieder wie die Kinder zu werden, sich zusammen einen Spaß daraus zu machen, kleine Verrücktheiten zu unternehmen und sich von neuem von der Liebe des Partners erobern zu lassen. Es ist wichtig, eine Vorliebe zu teilen, sei es für die Berge oder das Meer, Fotografieren, Theater oder Musik; zusammen Pläne zu schmieden und zu träumen, und auch gemeinsame Freunde zu haben. Ich kenne ein Ehepaar mit sieben Kindern, das jede Woche einmal in die Diskothek geht, um zu tanzen wie „zur Zeit, als wir befreundet waren“.


Es ist ganz wichtig, „kehrtzumachen“, „zurückzukehren“ zu dem Augenblick, in dem die Freundschaft begann. Dann sind wir in der Lage, die Bindung aus Liebe zu erneuern; von neuem aus ganzem Herzen Ja zu ihr zu sagen. Der Philosoph Dietrich von Hildebrand trifft die Sache ziemlich gut, wenn er sagt, dass jede Erneuerung der Liebe eine Rückkehr zum Anfangsmoment mit seiner tiefen Vibration, seiner Begeisterung und seinem glühenden Eifer einschließt. Natürlich kann ich die Erkenntnisse und Erfahrungen, die ich auf dem Lebensweg gemacht habe, nicht verleugnen. Wenn ich das „Ja“ des Anfangs wiederhole, dann tue ich es ganz bewusst und wenn möglich, freier als das erste Mal, mit der Begeisterung der Jugend und der Reife, die die Jahre vermitteln. Mit der Zeit nimmt die Kraft der Liebe zu, denn wir wollen lieben und wir sind auch bereiter, uns dem geliebten Menschen selbstloser hinzugeben. Doch dem widerspricht nicht, dass unser Leben weiterhin von der Leidenschaft der Liebe getragen ist und diese Begeisterung sich auf alle anderen Tätigkeiten überträgt.


2. Zusammen alt werden


Gerade heutzutage, da aufgrund der höheren Lebenserwartung die Ehe unter Umständen länger andauert als in vergangenen Zeiten, ist es äußerst angebracht, das Ja häufig zu erneuern, besonders wenn man in eine neue Phase des gemeinsamen Lebens tritt. Etwa wenn das erste Kind geboren wird oder sich die berufliche Situation ändert, wenn eines der Familienmitglieder krank wird, wenn das letzte Kind aus dem Haus geht und das Rentenalter sich ankündigt... Eine lang andauernde Beziehung kann nur lebendig bleiben, wenn die beteiligten Personen bereit sind, sich auf die Wechselfälle, ohne die kein Leben abläuft, einzustellen, wenn sie nicht aufhören zu lernen und zu wachsen. Man muss sich mit einer gewissen Flexibilität an die immer neuen Situationen anpassen – zum Beispiel sich von der physischen Präsenz der Kinder lösen, wenn die Zeit gekommen ist – und sich nicht an einen Lebensstil klammern, der gestern vernünftig war, heute aber nicht mehr angebracht ist. „Leben heißt, Veränderungen unterworfen sein – sagt Kardinal Newmann – und vollkommen sein bedeutet, sich oft verändert zu haben.“ (J.H. Newmann, zit. in I.F. Görres, Von Ehe und von Einsamkeit, 2a Aufl., Donauwörth 1950, S. 31).


Die Tatsache, dass jemand mir versprochen hat, bis zum Lebensende an meiner Seite zu bleiben, schließt für mich die schwere Verpflichtung ein, mich neuen Herausforderungen zu stellen und mich Besserungen und Reifeprozessen nicht zu verschließen. Die Ehe ist in einem gewissen Sinn ein Prozess, der seinen Ursprung in dem Versprechen hat, den Lebensweg gemeinsam zu gehen. Das heißt nicht nur, dass man „zusammen bleiben“ muss, sondern verlangt auch, dass man „geht“. Wir haben den Wunsch, für den anderen immer besser zu werden; und ebenso, dass der Mensch, den Gott uns für das ganze Leben anvertraut hat, seinerseits immer mehr so wird, wie er sein soll.


Die Herausforderung besteht darin, nach und nach zu entdecken, wie schön es ist, zusammen alt zu werden, das Leben Seite an Seite ruhig „aufzubrauchen“. Die letzte Lektion besteht darin, die sich aufgrund des fortschreitenden Alters einstellenden Begrenzungen – die eigenen wie die des Partners – ohne Bitterkeit und Vorwürfe anzunehmen. Und dazu sind wir fähig aufgrund all des Verständnisses, der Geduld und der Zärtlichkeit, die wir im Laufe der gemeinsamen Jahre angesammelt haben.

Bis zum Ende des bewusst geführten Lebens können sich die Ehepartner gegenseitig unermüdlich helfen, alles gemeinsam anzugehen: suchen, finden, lernen, sich entwickeln. Und im besten Fall gelangen sie gemeinsam zur geistig-geistlichen Reife.

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(1) Im Fall einer Scheidung liegt der Fall völlig anders, denn diese schließt de facto ein Urteil über die 1 Fähigkeit Christi ein, die Eheleute für immer zu vereinen. „In diesem Sinn stellt die Scheidung immer eine unverhältnismäßige Wahl dar, denn wer von uns kann sagen, dass die Schwierigkeit, durch die wir gehen, stärker ist als die Gnade Christi?. Die Scheidung führt ein Urteil dieser Art in das Leben der Eheleute und der Kinder ein. Wir stehen dann nicht mehr nur vor einer moralischen Schwäche.“ (A. Scola, Die „entscheidende Frage“ der Liebe: Mann-Frau; Madrid, 2003).

20.3.07

Teresa von Avila

Glaube und Menschlichkeit

1. Vorbemerkung

Teresa von Avila lebte bekanntlich im 16. Jahrhundert. Da sie eine spanische Ordensfrau war, ist sie in den spanisch-sprechenden Ländern seit jeher berühmt. Doch auch im deutschsprachigen Raum wird sie zunehmend populärer. Wer sich mit ihr beschäftigt, kann entdecken, daß sie uns (über vier Jahrhunderte hinweg) menschlich sehr nahe ist. Sie hat kleinere und größere Schwächen wie alle Menschen - und sie spricht ganz offen darüber! Wir wissen heute, daß sie nicht immer in Stimmung war, Gedichte zu machen, daß sie resigniert sein konnte und sich manchmal einsam fühlte, daß selbst sie in ihrem abenteuerlichen Leben die Langeweile zu spüren bekam, sich ab und zu von ihren Freunden gekränkt fühlte und vor Schwarzwurzeln ekelte. Gleichzeitig zeigt Teresa uns aber auch, daß man trotz aller Schwächen (oder auch trotz aller innerer Verwundungen) doch menschlich reif werden kann. Sie zeigt uns, daß trotz allem das Leben gelingen kann.

Ich denke, darin liegt das Geheimnis ihrer Attraktivität. Teresa zieht deshalb so viele Menschen in ihren Bann, weil sie sehr menschlich, sehr natürlich und spontan ist. Vielleicht kann man Teresas Beliebtheit verstehen, wenn man an ein Wort der großen Dichterin Gertrud von Le Fort denkt. Vor einigen Jahrzehnten forderte Gertrud von Le Fort mit dichterischer Sensibilität die Christen auf, sich zu ihrer "eigenen Menschlichkeit" zu bekehren. Denn nur wenn man den Menschen in sich rettet und von der Liebe Gottes Zeugnis gibt, dann "kann sich Gott im Menschen offenbaren." Diese Feststellung war sicher zu allen Zeiten gültig, gewinnt aber heute besondere Brisanz. Denn in den westlichen Industriegesellschaften, so hört man oft, ist wahre Menschlichkeit "der einzige Gottesbeweis, den weite Kreise der...Welt noch anzunehmen geneigt sind."

Teresa ist die erste Frau, die offiziell in den Rang einer Kirchenlehrerin erhoben worden ist. Dies geschah durch Paul VI. am 27. September 1970. Mit dieser Ernennung wurde feierlich zum Ausdruck gebracht, daß diese Reformerin, ja Gründerin eines neuen Karmelordens aus dem 16. Jahrhundert den Christen zu allen Zeiten, und gerade auch heute, etwas zu sagen hat. Karl Rahner bemerkte zu diesem Anlaß: "Das Charisma der Lehre, und zwar gerichtet an die Kirche als solche, ist kein Privileg des Mannes. Die Vorstellung, als ob die Frau die in geistiger und religiöser Hinsicht Unbegabtere sei, wird damit verworfen. Das Studium der Theologie durch die Frau wird hier ausdrücklich anerkannt."

Teresa ist die erste Frau, die offiziell als eine "Lehrerin" für die Christen vorgestellt worden ist; und dies geschah ausgerechnet in einer Epoche, in der die weibliche Identität vielen höchst unklar ist. Gerade durch ihre Ernennung zur Kirchenlehrerin wurde Teresa sowohl Christinnen als auch Christen zur Nachahmung empfohlen. Wie sie damals die Frauen und Männer ihrer Umgebung zu orientieren wußte, so vermag ihre Lehre auch heute Klarheit zu verschaffen. Es ist nicht ganz uninteressant, daß man ihre aufgewühlte Zeit - eine Zeit des Umbruchs in Kirche und Welt - wiederholt mit unserer Gegenwart verglichen hat. Wenn man nach der Identität des Christen fragt, kann es durchaus hilfreich sein, den Blick auf diese große Frau zu richten.

Im folgenden möchte ich einen kurzen Überblick über das Leben der Heiligen geben und einige ihrer Grundhaltungen herausstellen.

2. Jahre des Reifens

Teresa lebte in einer unruhigen, von Entdeckungen und Kriegen, Reformation und Gegenreformation bewegten Zeit. Sie wurde 1515 in Avila geboren, zwei Jahre bevor Martin Luther seine Thesen an der Schloßkirche zu Wittenberg anschlug, vier Jahre bevor Karl V. römischer Kaiser wurde, sechs Jahre bevor Cortés Mexiko eroberte... Ihr Leben verläuft zunächst unbeschwert und glücklich im engeren Kreis der Familie. Von ihren Eltern wird sie christlich erzogen. Teresa erinnert sich im späteren Leben immer noch daran, wie es auf sie gewirkt hat, als ihre Mutter ihr zum ersten Mal vom Himmel und von der Hölle erzählte. Sie war damals noch ein Kind (ein sehr empfindsames Kind), und sie war so bewegt davon, daß im Himmel das Glück, in der Hölle das Unglück ewig dauern sollten, daß sie an nichts anderes mehr denken konnte. Sie versetzte sich abwechselnd in den einen oder anderen Zustand hinein und sann lange darüber nach, was es wohl bedeuten könnte, "für ewig" gerettet oder "für ewig" verloren zu sein. Sie kam zu dem Schluß, daß keine Mühe zu groß sei, wenn es darum gehe, den Himmel zu erobern. Das hiesige Leben bequem einzurichten, lohne sich nicht im geringsten, da es ja nur ein Vorspiel für das endgültige sei, das niemals mehr aufhören würde... Also überredete sie kurzerhand ihren Lieblingsbruder Rodrigo, mit ihr ins Land der Mauren zu ziehen, um den Märtyrertod zu erleiden. So, hatte sie sich ausgerechnet, könnten sie auf kurzem und sicherem Weg in den Genuß der ewigen Glorie gelangen. Ihr erstes geistliches Abenteuer allerdings fand ein schnelles Ende. Vor den Toren Avilas liefen die Kinder ihrem Onkel Francisco in die Arme, und dieser brachte sie schmunzelnd zu den erstaunten Eltern zurück.

In der folgenden Zeit allerdings, gesteht Teresa, wandte sie sich zunächst unmerklich, dann immer deutlicher, von ihrem innersten, im Grunde nie aufhörenden Verlangen nach den ewigen Gütern ab. Nach dem Tod ihrer Mutter, sagt sie, ließ sie sich weniger von Frömmigkeit als von "Gefallsucht" leiten. (Sie war 13 Jahre alt, als die Mutter starb.) "Sobald ich nach meinen Kinderjahren die natürlichen Gaben erkennen konnte, womit der Herr mich reichlich ausgestattet hatte, habe ich auch schon begonnen, alle diese Gaben zu seiner Beleidigung zu mißbrauchen," sagt sie. Gegen Wissen und Willen des Vaters liest sie nun Ritterromane, die auch schon ihrer Mutter gefallen haben. Die darin geschilderte Welt nimmt sie schließlich so gefangen, daß sie viele Stunden des Tages und der Nacht damit zubringt, ein Buch nach dem anderen zu verschlingen; alles andere bedeutet für sie nur eine lästige Störung.

Teresa entschlüpft so immer mehr der geistigen Atmosphäre ihres Elternhauses. Sie nimmt immer mehr das Gehaben ihrer Romanfiguren an, beginnt, sich für Kleider, Schmuck, Parfüms und allerlei andere sog. "eitle Dinge" (wie sie es nennt) zu interessieren. Eine Jugendliebe, wahrscheinlich zu dem Nachbarsjungen Pedro, verwirrt sie auch ziemlich stark. Mit Hilfe einiger Hausangestellter kann sie Pedro oft heimlich treffen.

Teresas Vater aber merkt, daß seine Tochter sich immer mehr ändert. Er macht sich Sorgen wegen ihrer Entwicklung und steckt Teresa schließlich, mit 16 Jahren, in ein Klosterinternat von Avila. Reiche und vornehme junge Mädchen wurden hier angeleitet, ihr religiöses Leben zu vervollkommnen; Erwerb der Wissenschaften galt als überflüssig. Wenn man seinen Katechismus beherrschte, lesen, schreiben und ein wenig rechnen konnte, eine gute Näherin, Klöpplerin und Stickerin war und ein wenig von Musik verstand, so galt das als ausreichender Ballast.

Teresa sträubt sich anfangs dagegen, fühlt sich nach kurzer Zeit aber recht wohl in der Klosterschule. Mit der äußeren Trennung erfolgt auch eine innere Lösung von ihren Jugendfreunden. Die Sechzehnjährige ist des oberflächlichen Lebens inzwischen ohnehin müde und fügt sich leicht in die neue Gemeinschaft ein. Da sie ein sympathisches Wesen hat, wird sie bald von den Lehrerinnen und Mitschülerinnen geliebt.

Nach eineinhalb Jahren Klostererziehung aber erleidet Teresa eine schwere Krankheit; es scheint, daß diese Krankheit Folge eines inneren Zwiespalts ist. Teresa ist aufgewühlt durch das Problem ihrer Berufswahl, das geklärt und gelöst werden muß. Einerseits spürt sie, daß Gott sie ruft, andererseits wehrt sie sich innerlich mit aller Kraft dagegen, Ordensschwester zu werden. Dabei ist ihr der Ewigkeitsgedanke aber weiterhin tief eingeprägt. Sie hatte ihn zwar in den letzten Jahren überdeckt, verleugnet, verdrängt durch ein zunehmend oberflächlicheres Leben, doch er war nie völlig ausgelöscht. Schließlich hält Teresa die innere Spannung nicht mehr aus: mit 20 Jahren entschließt sie sich, in ein Kloster einzutreten, Karmelitin zu werden. Dabei ist das ausschlaggebende Moment nicht etwa die Gottesliebe, sondern eine ziemlich ausgeprägte Angst um das eigene Heil: "Ich sah jetzt ein, daß der Ordensstand der beste und sicherste für mich sei; wenn auch mein Wille noch nicht ganz dazu geneigt war, so kam ich doch allmählich zu dem Entschluß, mir selbst Gewalt anzutun, um Nonne zu werden," sagt Teresa rückblickend.

Für einen Ungläubigen mag es leichter sein, mit Ruhe an den eigenen Tod zu denken. Denn je fester man sich einredet, daß er das absolute Ende bringt, desto weniger braucht man sich um ihn zu sorgen. Teresa aber glaubt an ein anderes Leben, ein herrliches oder auch schreckliches, und deshalb zittert sie.

Teresas Vater allerdings war mit den Plänen zum Klostereintritt überhaupt nicht einverstanden. Er hing zu sehr an seiner Tochter, als daß er gleich in das Vorhaben hätte einwilligen können. Seine Söhne Fernando und Rodrigo verließen ihn gerade in diesen Jahren, um an den Eroberungskämpfen im neu entdeckten Amerika teilzunehmen; Juan, der Älteste, war bereits als Hauptmann der Infanterie in Afrika gefallen. Der Plan seiner zweiten Tochter, sich von ihm zu trennen, stieß bei ihm daher zunächst auf schroffe Ablehnung.

Doch unsicher und zaghaft war Teresa schon als Kind nicht gewesen. Ein Entschluß gegen die Natur kostete sie zwar viel; war er aber gefaßt, dann konnten keine Hindernisse sie davon abbringen. So nahm sie sich vor, gegen den Willen des Vaters und ohne seine Erlaubnis den Ordensberuf zu ergreifen. Eines Tages "überredete" sie daher einen ihrer jüngeren Brüder, heimlich mit ihr ins Kloster zu fliehen - er zu den Dominikanern (die ihn allerdings nicht sofort aufnahmen, da sie von dem Verbot des Vaters wußten), sie zu den Karmelitinnen im Menschwerdungskloster außerhalb der Stadttore von Avila. Teresa erzählt von dem Tag ihrer Flucht: "Es war mir damals ... in Wahrheit so zumute, daß ich glaube, der Tod könnte nicht furchtbarer für mich sein; denn es kam mir vor, als würden mir alle Knochen aus dem Körper gerissen."

Die ersten Klosterjahre stehen ganz unter dem Zeichen der Ewigkeitssehnsucht. Unbedingt und radikal, wie es ihrer Veranlagung entspricht, gibt Teresa sich den Pflichten ihres neuen Standes hin. Noch einmal müht sie sich - nun mit der klaren Sicht einer jungen Erwachsenen-, den Himmel im Sturm zu erzwingen. Durch ein Übermaß an körperlichen Bußübungen geht sie dabei weit über alles hinaus, was die Ordensregel ihr auferlegt. Doch lange kann sie solch ein hartes, entsagendes Leben nicht aushalten, da sie gleichzeitig die Welt mit all ihren Annehmlichkeiten leidenschaftlich liebt. Das wird ihr mehr und mehr bewußt. Sie sieht die Forderung, das Leben auf Gott auszurichten, kann dieser Forderung aber nicht nachkommen, da es sie danach drängt, das Leben zu genießen. Langsam läßt sie ab von ihren strengen Gewohnheiten, ist dadurch aber tief enttäuscht von sich selbst, ernüchtert über die Möglichkeit eines schnellen Aufstiegs zu Gott. Resigniert und innerlich gelähmt gelangt sie in eine später von ihr heftig beklagte Mittelmäßigkeit. "Es hat den Anschein, als ob ich versprochen hätte, nichts von dem zu halten, was ich gelobte," sagt sie von sich selbst.

Um das Gewissen zu übertönen, beginnt sie nun, sich "von einem Zeitvertreib in den anderen, von einer Eitelkeit in die andere und von einer Gelegenheit in die andere zu werfen." Das ist möglich, weil sie in ihrem Kloster nicht in Klausur lebt. Sie ist charmant, sympathisch, geistreich, - und deshalb als Gesprächspartnerin sehr beliebt. Sie bekommt Besuch von Verwandten, Bekannten und Freunden, von vielen Adeligen und Gelehrten aus der ganzen Umgebung. Alle wollten sich gern mit ihr unterhalten. Teresa beschreibt den inneren Zustand, in dem sie sich befand, sehr deutlich: "Auf der einen Seite rief mich Gott, auf der anderen folgte ich der Welt. Während ich große Freude an allen göttlichen Dingen hatte, fesselten mich die weltlichen." In dieser Spannung lebt Teresa viele Jahre, "beständig fallend und sich wieder erhebend, leider aber nur, um danach aufs neue zu fallen" - so sagt sie selbst. Innerlich fühlt sie sich aufgerieben und leer. Als ihr Vater stirbt, pflegt Teresa ihn und sagt, daß sie der Seele nach noch viel kränker sei als der Vater am Leib.

Teresa fühlte sich hin- und hergerissen zwischen Kloster und "Welt". So ging das fast 20 Jahre. Dann geschah etwas Eingreifendes. Als fast 40jährige erfährt Teresa eine große Bekehrung in einem außergewöhnlichen Gnadenerlebnis. Sie ist einmal in der Kapelle ihres Klosters, betrachtet dort ein Christusbild, vertieft sich immer mehr in dieses Bild und erkennt auf einmal in aller Deutlichkeit, daß der Gott, dem sie ihr Leben geweiht und gewidmet hat, ganz anders ist, als sie oft fürchtete. Er offenbart sich ihr nicht als strenger Richter, sondern als unendlich liebevoller Freund, der sanftmütig alle Schuld der Menschen trägt, der sich nach Liebe und Freundschaft sehnt, doch selbst von seinen engsten Vertrauten abgelehnt, verhöhnt, gequält, bespuckt und zutiefst verwundet wird. "Bei dem Gedanken an die Undankbarkeit, womit ich ihm diese Wunden vergolten, war mein Schmerz so groß, daß mir das Herz zu brechen schien," erzählt Teresa. "Ich...bat ihn von ganzem Herzen, er möge mich doch endlich einmal stärken, damit ich ihn nicht mehr beleidige."

Von diesem Tag an fühlt Teresa sich umgewandelt. Ihr "hartes Herz", über das sie früher bisweilen zu klagen pflegte, ist ergriffen von Reue und Liebe - Reue über die Zeit, in der sie kleinlich-berechnend vor allem an die eigene Rettung dachte; Liebe zu dem von vielen verschmähten Christus, an dessen Seite ihr nun kein Opfer mehr zu groß erscheint. "Wenn Du, o Herr, dies alles für mich leiden willst, was ertrage ich für Dich? Warum beklage ich mich überhaupt?... Wir wollen zusammen gehen, mein Herr; wohin Du gehst, dahin muß auch ich gehen, und was Du erduldest, das möchte auch ich erdulden."

Geistliche Gnaden, auch außergewöhnliche, nahmen nun beständig in der Heiligen zu. Teresa begann, Visionen aller Art zu haben. Sie zweifelte anfangs an der Echtheit ihrer Erscheinungen und suchte Rat in einer zuverlässigen Seelenführung. Doch sie fand niemanden, mit dem sie über ihre Erlebnisse hätte sprechen, der ihr die Befürchtungen hätte nehmen können. Die Beichtväter des Klosters verstanden sie nicht. Im Gegenteil, sie sagten, ihre Visionen seien "vom Teufel". Sie hatten Angst, daß es sich um Phantasie und Hysterie handelte.

Teresas Visionen wurden immer mehr in der Stadt bekannt. Viele Leute verhöhnten die Karmelitin. "Nachdem sie das Klosterleben 20 Jahre nicht ernst genommen hat, will sie jetzt auf einmal heilig werden," sagte man. Teresa gesteht in ihrer Autobiographie: "Ich hatte nicht einen Menschen, zu dem ich meine Zuflucht nehmen konnte. Denn alle waren gegen mich." Aber langsam setzte sich die Wahrheit doch durch, und immer mehr Theologen gelangten zu der Überzeugung, daß die Visionen gottgewirkt waren.

Teresa lebt nun in ständig wachsender Vertrautheit mit Christus. Er wird ihr zu einem richtigen Freund, mit dem sie einfach und spontan sprechen kann, mit dem sie bisweilen auch Meinungsverschiedenheiten austauschen kann, dem sie dann aber immer wieder gern gehorcht, weil sie ihn über alles liebt. Nie vergißt sie, daß Christus Gott ist, königlicher Herrscher über Himmel und Erde. Doch das flößt ihr nun keine Furcht mehr ein, im Gegenteil: Sie hat ja erfahren, daß dieser große Gott mit all seiner Macht auf der Seite der Menschen steht; daß er die Menschen mehr liebt, als diese sich selbst lieben können, und sogar mehr als diese selbst ihr Glück und ihre ewige Seligkeit wünscht. Sie weiß auch, daß dem allmächtig-barmherzigen Gott nichts unmöglich ist. Selbst wenn man sich viele Jahre gegen ihn empört oder gleichgültig von ihm entfernt hat, so tut er nichts lieber als verzeihen, und er lädt auch am Ende eines verpfuschten Lebens zur Freundschaft ein.

3. Liebe zu den Menschen

Teresas Leben allerdings soll noch lange nicht zu Ende sein. Sie sorgt sich nun um die vielen anderen Menschen, die aus Unwissenheit, Hochmut oder Angst Gottes Güte noch nicht angerufen haben. Sie hat nun den leidenschaftlichen Wunsch, den anderen Menschen auch zu helfen, mit Gott vertraut zu werden. Dies bewegt sie, bis ins hohe Alter hinein unermüdlich zu schaffen, auf einem Planwagen oder Maulesel von Stadt zu Stadt zu ziehen, um ihren Orden zu reformieren. Überall gründet sie neue Konvente. Ihr Eifer für die Seelen ist entflammt. Daher kann sie auch die stärksten Widerstände, eigene Krankheiten und selbst drückende Mutlosigkeiten überwinden.

Widerstände hatte Teresa bei ihrer Reformarbeit mehr als genug. Denn die Welt, in der sie sich bewegte, war tatsächlich nicht immer "frauenfreundlich". Mit Recht sagt Teresa, die Zeiten seien für die Frauen, besonders für die frommen unter ihnen, wirklich "hart". Im Spanien des 16. Jahrhunderts herrschte tatsächlich eine starke Mißachtung der Frau, die einerseits durch die fast siebenhundertjährige Vorherrschaft des Islams erklärt worden ist, andererseits aber auch durch einzelne katholische Theologen nicht wenig geschürt wurde. Einige führende Theologen etwa stritten den Frauen sogar die Fähigkeit zum echten innerlichen Beten ab: Sie sagten, Frauen würden durch ihre Phantasiebegabung allzu leicht in die Häresie getrieben; daher sollten die Frauen auf die sichere Unterweisung der Männer hören und lieber das unbedenkliche mündliche Gebet pflegen. (Sie sollten also nur Vaterunser und Avemaria beten und sich nicht spontan und frei an Gott wenden.) Extrem ausgedrückt findet sich diese Haltung bei dem spanischen Schriftsteller Franz von Osuna. (Andere Werke von ihm schätzte Teresa übrigens sehr; doch in einem seiner Werke gibt er dem Mann folgende Ratschläge:) "Sobald du siehst, daß deine Frau hin- und herwallfahrtet und sich Andächteleien hingibt und sich einbildet, heilig zu sein, dann schließ deine Haustür ab. Und wenn das nicht reichen sollte, dann brich ihr das Bein, wenn sie noch jung ist, denn hinkend kann sie auch von ihrem Haus aus ins Paradies kommen, ohne verdächtigen Frömmigkeitsübungen nachzugehen. Für die Frau reicht es, eine Predigt zu hören, und ihr, wenn sie mehr will, ein Buch vorzulesen, wenn sie spinnt, und sich der Hand ihres Mannes zu unterstellen."

Die Geschlechter wurden also alles andere als gleich behandelt. Teresa erzählt von einem Elternpaar, das so enttäuscht über die Geburt der fünften Tochter war, daß es diese als kleines Kind "von morgens bis abends" allein ließ und sich nicht um sie kümmerte. Sowohl im privaten Umgang als auch im öffentlichen Leben und in den Bildungsmöglichkeiten zeigte sich eine starke Minderbewertung der Frau. Ab und zu werden bei Teresa echte Klagen laut: "Ich bin ja nur ein Weib, aber wäre ich doch wenigstens frei!" Trotz allem aber handelte es sich in der damaligen Zeit wohl weniger um einen besonders ausgeprägten Frauenhaß (wie einige Autoren heute meinen), als vielmehr um eine habituelle Mißachtung der Frau, verbunden mit einer dumpfen Unbewußtheit.

Diese allgemeine Mißachtung der Frau bekam auch Teresa ab und zu hart zu spüren. Anläßlich ihrer Gründung des ersten reformierten Klosters beispielsweise war der Bürgermeister von Avila sehr mißtrauisch: Bei einer Versammlung erklärte er: "Tatsächlich haben wir in jüngster Zeit solche vom Geist der Lüge beeinflußten Frauen gesehen, und übrigens ist es schon von jeher gefährlich gewesen, Neuerungen Gehör zu schenken, zu denen ihr Geschlecht ohnehin zu große Neigung hat." Ein Theologieprofessor (Bartolomé de Medina) ging in seiner mißtrauischen Haltung gegenüber Teresa sogar so weit, daß er öffentlich in einer Vorlesung sagte, es sei "Sache von dummen Frauen, von einem Ort zum anderen zu ziehen; sie sollten viel besser zu Hause bleiben, um dort zu beten und zu spinnen."

Teresa weiß genau, daß man von ihr, insofern sie eine Frau ist, nichts oder nur sehr wenig hält. Zu den Schwierigkeiten ihrer ersten Klostergründung bemerkt sie gelassen: "Jetzt, nachdem es so ins Stocken geraten war, befestigte sich die Meinung, das Ganze sei nur eine Weibergrille gewesen." Doch statt zu resignieren, beruft sie sich gerade auf ihr Frausein, um zu handeln. Aufmunternd schreibt sie kurze Zeit später an ihre Töchter (die Karmelitinnen): "Wir (Frauen) müssen mit Werken predigen, solange man uns daran hindert, es mit Worten zu tun."

Einer bekannten Überlieferung nach soll ein Nuntius (Sega) über Teresa geäußert haben, "sie sei ein unruhiges, umherschweifendes, ungehorsames und widerspenstiges Weib, das unter dem Schein der Frömmigkeit schlechte Lehren erfinde, gegen die Verordnung des Konzils von Trient die Klausur nicht beachte und sich als Lehrerin ausgebe gegen die Vorschrift des heiligen Paulus, daß die Frauen nicht lehren dürfen." Teresa antwortet auf solche Vorwürfe in der ihr eigenen Art, taktisch geschickt und selbstbewußt: "Während ich über die Worte des heiligen Paulus, betreffend der Zurückgezogenheit, in welcher die Frauen leben sollen, nachdachte," schreibt sie in einem ihrer Berichte, "da kam mir in den Sinn, Gott wolle vielleicht, daß sie die Regel meiner Handlungsweise seien. Aber Christus selbst sagte mir: 'Sage ihnen, daß sie sich nicht bei einer einzigen Stelle der Heiligen Schrift aufhalten, sondern die anderen in Erwähnung ziehen und sehen sollen, ob sie mir wohl die Hände werden binden können." Teresa stützte sich auf die Autorität Gottes selbst, um ihr Handeln zu rechtfertigen. Das gab ihr den Mut, sich ihren männlichen Oberen, die sie maßregeln und strafen wollten, freimütig gegenüberzustellen. "Auch wenn wir Frauen nicht gut sind für Ratschläge, manchmal treffen sie doch," sagt sie etwas ironisch. Einem anderen Vorgesetzten gegenüber formuliert sie noch schärfer: "Ich bin freilich sehr dreist. Zerreißen darum Euer Gnaden diese Zeilen, wenn Ihnen meine Sprache unrecht scheint; aber seien Sie versichert, daß ich vor dem Angesicht der Könige selbst noch kühner sprechen würde." Dabei sucht Teresa keine Auseinandersetzung. Sie hat nur das genügende Selbstbewußtsein, um das, was sie mit der Gnade Gottes als richtig und notwendig erkennt, auch durchzusetzen - und sich dabei weder von Klerikern noch von Gelehrten hindern zu lassen.

Teresa verfolgte sogar den Plan, den männlichen Zweig des Karmel zu reformieren. Sie wollte auch neue Mönchsklöster gründen. Dazu brauchte sie männliche Helfer. Sie fragte Antonio de Heredia, einen angesehenen Prior von einem der bestehenden Karmelitenklöster, um Rat, und dieser bot sich ihr spontan als Reformhelfer an. Teresa war überrascht, doch nicht ganz erfreut. Sie hielt Ausschau nach noch einem anderen, der anspruchsloser, unbedingter, vielleicht feuriger war. "Ich traute ihm nicht den Geist und die Kraft zu, eine so strenge Lebensweise auf die Dauer zu ertragen", urteilt sie über Pater Antonio, "weil seine schwächliche Natur nicht daran gewöhnt war." Kurze Zeit später traf sie einen noch sehr jungen Karmeliten und Neupriester, der - genau wie sie - das Leben in diesem Orden zu bequem fand und sich mit dem Gedanken trug, Kartäuser zu werden. Beim ersten Treffen mit diesem Karmeliten wußte Teresa, daß dieser der Reformhelfer war, den sie brauchte. Und sie schaffte es tatsächlich, mit dem berühmten Charme ihrer Persönlichkeit, ihn für ihre Sache zu gewinnen. Es war Johannes vom Kreuz.

Entgegen der allgemein üblichen Mißachtung der Frau wurde Teresa aber auch von vielen ihrer Zeitgenossen hoch geschätzt. Von vielen Theologen ist ausdrücklich überliefert, daß sie Teresa für "eine wahrhaft große Frau" hielten. Während der Einweihungsfeiern zum neuen Konvent in Sevilla kniete sich der Erzbischof persönlich vor ihr nieder, um ihren Segen zu empfangen. Und Ludwig von León, der bekannte spanische Dichter, gab ihre Werke mit einem großartigen Widmungsbrief heraus, in dem er ihre theologische Arbeit würdigte. Teresa hat zwar die "antifeministischen" Tendenzen ihrer Zeit in aller Härte erfahren. Doch sie konnte sich auch immer auf Mitarbeiter stützen, die sie bewunderten und liebten.

Zu allen Zeiten hat es wohl Irrtümer und Verengungen des "Frauenbildes" - auch seitens kirchlicher Repräsentanten - gegeben. Zu allen Zeiten gab es aber auch Kirchenvertreter, die sich dieser Sicht widersetzten. Teresa hat unter den einen gelitten und ist von vielen anderen gefördert worden. In dieser Hinsicht ging es ihr wohl nicht anders als jedem anderen Menschen auch, der (ob Mann oder Frau) im Laufe des Lebens von den verschiedensten Seiten Liebe und Unverständnis, Gunst und Mißgunst erfährt.

Als Ordensfrau war Teresa unabhängiger als die meisten verheirateten Frauen ihrer Zeit. Als Priorin war ihr ein Bereich anvertraut, in dem sie ebenso Verantwortung tragen und Entscheidungen treffen mußte wie Männer in vergleichbaren Ämtern. Als Reformerin des Karmel schließlich war sie in mancher Hinsicht ihren männlichen Mitarbeitern überlegen. Denn sie, eine Frau, war ermächtigt, auch neue Mönchsklöster zu gründen. Sie hatte folglich auch Männern den Weg zu weisen.

Die Liebe zu Gott brachte Teresa nicht von den Menschen weg, sondern im Gegenteil noch viel näher zu den Menschen hin. Da Gott als Mensch Jesus Christus in die Geschichte eingetreten ist, kann man im Umgang mit ihm nicht "weltfremd" sein. Gerade die Liebe zu Jesus Christus macht "realistisch" und setzt Kräfte frei zum Engagement für die Welt.

Ein Gebet von Teresa lautet: "O mein Jesus, so groß ist Deine Liebe zu den Menschenkindern, daß man Dir den größten Dienst erweist, wenn man sich nicht Dir, sondern ihnen zuwendet, denn dann ist man Dir am tiefsten verbunden. Wer den Nächsten nicht liebt, liebt auch Dich nicht, mein Herr, der Du mit deinem Blute deine Liebe zu uns Adamskindern bezeugt hast."

4. Einzelne Grundhaltungen

Teresa ist eine große Heilige der Kirche geworden. Sie empfing von Gott viele übernatürliche Gnaden. Ihre Visionen und Offenbarungen sind weithin bekannt. Das Faszinierende an ihr sind aber, denke ich, gar nicht diese außergewöhnlichen Ereignisse ihres Lebens, sondern das wirklich Beeindruckende ist ihre warme Menschlichkeit. Bei aller Auserwähltheit bleibt Teresa immer schlicht, natürlich, herzlich. Sie ist fähig, auf die anderen zuzugehen und Freundschaft zu schließen. Dabei gibt sie sich immer so, wie sie ist. Formalismen und Titel sind ihr zuwider. Sie mag nicht mit "Ehrwürdige" angesprochen werden, auch nicht mit "Reverenda" oder "Señora". Die Sucht anderer nach Ehrenbezeichnungen kann sie ebenfalls nicht ganz ernst nehmen. Einmal klagt sie - sehr freimütig, wie es ihre Art ist - über die Unsitten ihrer Zeit: "Nun aber braucht man schon für die bloßen Überschriften der Briefe eine eigene Schule, um zu lernen, wie sie anzubringen sind; denn da muß man bald auf der einen Seite, bald auf der anderen Raum lassen, und jene, die man zuvor noch nicht 'Euer Herrlichkeit' zu nennen pflegte, muß man nun 'Euer Durchlaucht' titulieren."

Teresa hat ein Herz, und sie setzt es ein. Einfach und vertrauensvoll kommt sie jedem entgegen, der ihr begegnet, und jeden nimmt sie als Menschen radikal ernst. Bei einer hochadeligen Dame entschuldigt sie sich anfangs für die "Kühnheit", es zu wagen, diese mit "Freundin" anzusprechen. Später läßt sie diese Konventionen fallen und begegnet höher- wie niedriggestellten Persönlichkeiten mit derselben schlichten Offenheit.

Bei all ihrer Heiligkeit (oder besser vielleicht: gerade wegen ihrer großen Heiligkeit) ist Teresa überaus menschlich. Sie fordert zwar, daß die Liebe nicht in der Sinnlichkeit haften bleibe, hält aber nichts davon, die Regungen des menschlichen Herzens irgendwie zu unterdrücken. Auch eine "rein geistige" (eine sogenannte "platonische") Liebe bedeutet für sie eine Verkümmerung, denn "wir sind keine Engel." Reife menschliche Liebe geht für die Reformerin als Frucht aus der harmonischen Vereinigung von Geist und Sinnen hervor. Ihre Antriebe kommen aus dem Willen, aber auch aus der natürlichen Empfindung, aus der Gnade, aber auch aus der Sympathie. Teresa selbst käme nie in den Sinn, die Komplexität der menschlichen Natur zu verleugnen. Vielleicht hat sie deshalb gewollt, daß in den Reformklöstern nur eine kleine Anzahl von Schwestern leben, um es allen zu ermöglichen, in echter Freundschaft verbunden zu sein. Andererseits wünscht sie denen, die im geistlichen Leben voranschreiten wollen, daß es ihnen gelingen möge, die Menschen "nur noch wegen Gott" zu lieben. Denn sie selbst hat in der inneren Unabhängigkeit von den Geschöpfen kreative Ruhe erfahren.

Freundschaft ist für Teresa folglich mehr als nur ein gefühlsmäßiges Miteinander oder eine angenehme Begegnung. Sie bedeutet wirkliches Engagement für den anderen Menschen, für sein geistiges, aber auch für sein leibliches Wohl. Das kommt unter anderem in unzähligen ganz materiellen - und sogar banalen - Kleinigkeiten zum Ausdruck.

Als Frau ist Teresa sehr konkret in ihrer Zuneigung. Sie läßt nie außer acht, was die anderen an täglicher, praktischer Zuwendung brauchen. So empfiehlt sie beispielsweise Rezepte gegen Rheumatismus, gegen Kopfweh oder Bleichsucht (eine Fieberkrankheit); so besorgt sie für die Kranken Sirup und Heilwasser aus Loja, sendet der Priorin des Dominikanerinnenklosters von Valladolid eine Medizin, die ihr selbst geholfen hat, drückt einem Geistlichen, dem späteren Erzbischof von Ebora, ihr Bedauern darüber aus, daß er kein gutes Wetter für seine Kur habe, und ist bekümmert wegen der Zahnschmerzen ihres früheren Beichtvaters Don Dávila. Ebenso bemitleidet sie ihre Nichte Teresita, der zwei Ringe verlorengegangen sind, und drückt ihre Freude über das Wiederfinden dieser Ringe gleich in zwei Briefen aus. Auf ihren Reisen ist sie besorgt, daß ihre Begleiter einen Imbiß bekommen; ihrem Neffen Didacus schickt sie als Trost für den Tod seiner Gattin ein herzliches Schreiben, dem sie noch zwei Melonen zufügt.

Teresa ist großzügig, wenn es darum geht, andere froh zu machen. Den Schwestern ihres Klosters verschafft sie Gewürze und Balsam, ihrem Bruder Lorenzo schickt sie Marmelade, einem Administrator schenkt sie ein Parfümfläschchen und einen kleinen Krug, den sie selbst erhalten hat und als den "schönsten" betrachtet, der ihr je zu Gesicht kam. Ihrem Bruder Lorenzo schreibt sie: "Ich meinerseits habe keine Not an etwas, sondern im Gegenteil Überfluß an allem. Darum werde ich von dem Almosen, das Sie mir zugesandt haben, meinen Schwestern mitteilen und das übrige zu guten Werken verwenden."

Als praktische, weltoffene Frau kennt Teresa die Probleme der Menschen. Den vielen, die bei ihr Rat und Trost suchen, gibt sie immer auch noch etwas anderes mit, nämlich das Bewußtsein, daß sie mit ihnen fühlt, daß sie Schmerz und Empörung empfindet wie sie. Sie zeigt sich solidarisch. Sie kann mit den anderen mitleiden und sich auch mit ihnen zusammen freuen. Sie interessiert sich einfach für die kleinen und auch für die großen Probleme der anderen und hilft, wo sie kann - zumindest mit einem guten Rat und der Versicherung, die Sorgen mitzutragen. Dabei ist sie ein verständnisvoller Gesprächspartner. Sie kann zuhören, manchmal stundenlang. "Über menschliche Schwachheiten entsetze ich mich nicht," pflegt sie zu sagen.

Es ist leicht, offen zu Teresa zu sein, da diese selbst allen gegenüber aufrichtig, ursprünglich und spontan ist. "Hier und da sage ich immer mehr, als mir lieb ist, und doch sage ich nicht alles, was ich wünsche," gesteht sie. Trotzdem macht Teresa sich nicht die Mühe, ihre Briefe durchzulesen. Den Empfängern rät sie einfach, die fehlenden Buchstaben einzusetzen; solange man verstehe, was sie sagen möchte, brauche sie nicht die Zeit mit überflüssigen Arbeiten zu verlieren.

Teresa spricht aus, was sie denkt und fühlt: etwa daß ihr die Leute in Kastilien mehr zusagen als die Leute in Sevilla (mit deren Mentalität sie nur schwer zurechtkommt); oder aber, daß es ihr lieb wäre, die Schwiegermutter ihres Neffen los zu sein. Einem Mitarbeiter schreibt sie klipp und klar: "Seit langer Zeit hatte ich keinen solchen Anlaß mehr zur Selbstbeherrschung wie heute beim Empfang Ihres Briefes. Denn ich bin noch nicht so demütig, daß ich es ertragen könnte, für so eitel gehalten zu werden. Noch nie hätte ich einen Brief von Ihrer Hand so gern zerreißen mögen wie diesen." Dabei macht es Teresa gar nichts aus, ihre eigenen Fehler mit Namen zu nennen. Sie gibt zu, wenn sie etwas nicht weiß oder kann; sie sagt, wenn sie sich ärgert oder freut oder Trost braucht. Kurz, sie unterbreitet ihr ganzes Leben und Streben mit einer unglaublichen Ehrlichkeit den anderen Menschen.

Dabei ist das Briefeschreiben anstrengend für Teresa. Außerdem ist ihr der Lärm von gesellschaftlichen Veranstaltungen recht lästig, und sie sehnt sich oft genug nach Ruhe und Erholung. Hin und wieder bekennt sie: "Keine geringe Beschwerde ist es für mich, an jedem Ort die verschiedenen Charaktere so vieler Menschen zu ertragen." Doch jemandem die Freundschaft anzubieten, bedeutet für sie auch, bereit zum Opfer zu sein, sich (manchmal bis zur Erschöpfung!) für die anderen zu engagieren - und nicht rechnend und berechnend vor sie hinzutreten und Forderungen zu stellen.

Wenn andere Menschen ihr Gutes tun, zeigt sich Teresa gerührt und gedrängt, eine Gegengabe zu leisten. Dankbar zu sein, gehört zu ihrer großzügig angelegten Natur dazu. "Mit einer Sardine, die man mir schenkt, könnte man mich gewinnen;" das sagt sie von sich selbst. In unzähligen Briefen bedankt sie sich, manchmal recht überschwenglich, für Butter und Quitten, für Nüsse, die ihre Gesundheit fördern, Balsam und Zuckergebäck - und manchmal auch für Dukaten.

Teresa hat ein großes Herz; doch dabei ist sie weder verträumt noch sentimental. Im Gegenteil, sie steht fest auf dem Boden der Realität, ist entscheidungsfreudig und voll Energie. Wenn ein neues Kloster gegründet werden soll, ist sie es, die Mittel und Wege zur konkreten Verwirklichung dieses Planes sucht. Die Last trägt sie fast immer ganz allein. "Hilf dir selbst, und der gute Jesus wird dir zu Hilfe eilen!" Das ist ihr Motto. Sie organisiert Reisen, besorgt oft selbst die Häuser der neu zu gründenden Konvente, leitet die Umbauten und weiß mit Zähigkeit und diplomatischem Geschick, die erforderlichen Genehmigungen zum Einzug der Ordensleute zu erwerben.

Für Teresa ist es nicht schwer, das Vertrauen von Kardinälen, Fürsten und Architekten zu gewinnen. Ihre diplomatischen Talente kennt sie selbst sehr genau; einem Pater schreibt sie ganz offen: "Ich bin eine gute Unterhändlerin, wie es Ihnen mein Freund Waldemar sagen kann, wenn Sie es nicht glauben sollten." Sie pflegt ihren Mitarbeitern auch gute Ratschläge zu geben, wie man sich verhalten muß, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Als z.B. ein neues Haus gekauft werden soll, ermahnt sie die anderen: "Handeln Sie in der Weise, daß Sie kein großes Verlangen zeigen, dieses Geschäft abzuschließen, damit man den Preis nicht erhöht."

Teresa ist klug, aber sie ist auch kühn in ihren Plänen und in ihren Forderungen. "Niemals habe ich aus Furcht vor Schwierigkeiten eine Stiftung unterlassen," sagt sie selbst. Als eine Verfolgung gegen sie und ihren Orden ausbricht, bleibt sie gelassen. Sie hat keine Bedenken, Philipp II. persönlich zu schreiben, damit er ihr helfe. Sie bittet den König auch direkt, dafür zu sorgen, daß Johannes vom Kreuz aus dem Klosterkerker befreit werde, und verteidigt eigenhändig ihre Mitarbeiter vor ihm. Ebenso unbekümmert-mutig wendet sie sich an den von vielen gefürchteten Großinquisitor und nimmt Stellung zu ungerechten Vorwürfen. Einer ihrer Freunde sagt von ihr. "Früher war sie furchtsam; jetzt aber tritt sie alle höllischen Geister mit Füßen. Sie ist weit entfernt von aller Ziererei und allem weibischen Wesen, ganz frei von übertriebenen Ängstlichkeiten und die geradeste Seele, die es gibt."

Hat Teresa einmal etwas als gut erkannt, ist sie bereit, sich ganz dafür zu verausgaben. "Wenn man uns auch steinigen würde, wie es in Avila bei der Stiftung des ersten Reformklosters fast geschehen wäre," sagt sie (übrigens zu Recht), "dann stünde es um die Sache Gottes doch gut." Als geschickte Diplomatin weiß Teresa auch, was sie von den anderen verlangen kann. Einem Bekannten, der zur Mitarbeit bereit ist, schreibt sie freimütig: "Denken Sie ja nicht, daß Sie unserem Herrn nur das geben werden, was Sie jetzt im Sinne haben, sondern noch weit mehr."

Wenn es für das Wohl der Reform notwendig ist (und nur dies interessiert Teresa letztlich!), dann kann ihr Auftreten sehr selbstbewußt sein. So sagt sie, als sie einmal heftig verleumdet wird, dem General ihres Ordens: "Wenn wir vor dem Angesicht Gottes erscheinen, werden Euer Wohlehrwürden sehen, wieviel Sie ihrer wahren Tochter Teresa verdanken."

Teresa verlangt viel von sich, aber auch von den anderen, was an der Leitung ihrer Klöster besonders sichtbar wird. Sie weiß ja selbst am besten, was es bedeutet, wenn man sich in einem von Lauheit zumindest bedrohten Konvent der allgemeinen Stimmungslage zu widersetzen und ernsthaft nach Vollkommenheit zu streben bemüht: Dann nämlich, so betont sie, hat man "die eigenen Hausgenossen mehr zu fürchten als alle höllischen Geister zusammengenommen." Aus dieser ihrer schmerzlichen Erfahrung heraus wacht sie streng darüber, daß die Ordensregel eingehalten wird, und zwar bis in die Kleinigkeiten hinein. Sie duldet keine verweichlichenden Milderungen. Gleichzeitig lehnt sie aber auch alle übertriebenen Bußübungen entschieden ab. Es gehört wohl zum Geheimnis ihrer Menschenführung mit dazu, daß sie, die Wiederentdeckerin der ursprünglichen Regel des Karmel, keinerlei Rigorismus duldet. Wenn eine Priorin zu viel fastet, wird sie ärgerlich; schwachen und psychisch labilen Nonnen empfiehlt sie, Fleisch zu essen; ihren Bruder Lorenzo ermahnt sie, genügend zu schlafen - denn, so sagt sie, "es ist besser, sich vernünftig zu pflegen, als krank zu sein." Mit kleinlich-formalistischen Priorinnen, die nur darauf blicken, daß der Buchstabe des Gesetzes erfüllt werde, spricht Teresa sehr hart: "Die Nonnen sind keine Sklaven!" Ebenso ernst weist sie einen Pater zurecht, der den Satzungen zusätzliche Vorschriften beigefügt hat: "Mich hat schon das Lesen dieser Vorschriften müde gemacht...Es ist sonderbar, daß man meint, ein Kloster visitiert zu haben, wenn man recht viele Anordnungen hinterläßt."

Teresa achtet in ihren neuen Klöstern nicht so sehr auf äußere, körperliche Strengheiten, als vielmehr auf die innere Bereitschaft, sich Gott und den anderen Menschen hinzugeben. Macht jemand einen Fehler aus Schwäche oder bereut begangenes Unrecht, so ist sie die erste, die von ganzem Herzen verzeiht. Bei allem Reformwillen geht es ihr niemals um Perfektionismus, sondern darum, sündige, reuige, großzügige Menschen für Gott zu gewinnen. Strenge, sagt sie, ist manchmal angebracht, aber längst nicht ausreichend. Um wirklich innerliche Bekehrungen herbeizuführen, ist es nötig, "die Seele sanft zu führen". Teresa selbst nimmt weitherzig eine Ordensschwester von Sevilla in Schutz, die durch Verleumdungen ihr selbst und dem ganzen Kloster geschadet hat. Sie bittet die übrigen Schwestern, das Geschehene zu vergessen, und die Übeltäterin wieder so aufzunehmen, wie sie selbst es wünschten, behandelt zu werden, wenn sie in ihrer Lage steckten. Einem Pater rät sie, eine Karmelitin nicht zu entmutigen, und sich über deren Fehler ein wenig hinwegzusetzen, da die Betreffende sich im Augenblick allem Anschein nach selbst nicht verstünde.

Teresa erkennt immer tiefer, daß wahrer innerer Frieden sich nur herstellen und bewahren läßt, wenn jeder, der sich Gott hingegeben hat, mit Vertrauen und innerer Einsicht handelt. "Eine gebundene und geknechtete Seele kann Gott nicht dienen," sagt sie. Daher achtet sie sehr darauf, daß alle, die ihr anvertraut sind, sich wirklich frei fühlen können. Sie ist in der Leitung ihrer Klöster zugleich nachgiebig und fest, streng und sanft. Und sie verfügt über genügend Menschenkenntnis, um zu entscheiden, wann das eine und wann das andere angebracht ist.

Wenn wir das bisher Gesagte einmal kurz zusammenfassen, dann können wir festhalten: Teresa ist brillant in ihren Fähigkeiten; sie ist gewohnt, anderen zu befehlen und zu raten, sicher in den Entscheidungen - und sie wird von vielen bewundert und geliebt. - Das alles aber macht sie nicht hochmütig in ihrem Auftreten, auch nicht in ihrem geheimen Denken und Fühlen. Sie ist zutiefst davon überzeugt, daß sie von sich aus kaum Gutes zustande bringt. Oft weist sie darauf hin, wie "böse" ihr früheres Leben war. Alles, was an ihr Bewunderung verdient und Freude weckt, sagt sie, sei ihr von Gott geschenkt worden. Sie meint es ehrlich, wenn sie sagt: "Ich habe, soweit ich es erkenne, keinen Grund, eitel zu sein. Denn ich sehe klar ein, daß Gott es ist, der mir immer wieder hilft. Übrigens läßt mich Gott meine Armseligkeit erkennen."

In ihrer Jugend ist Teresa sehr dazu angehalten worden, auf die "Ehre" zu achten, wie es im Spanien ihrer Zeit üblich war. Mit zunehmendem Alter aber kümmert sie sich immer weniger darum, wie sie vor den anderen dasteht. Sie ist entschlossen, nicht für das eigene Ansehen, sondern für das Ansehen Gottes zu arbeiten. Die zahllosen Verleumdungen, deren Gegenstand sie oft ist, machen kaum Eindruck auf sie. "Für unsere Ehre wird Gott, wenn es ihm gefällt, schon sorgen," meint sie.

Daher ist es für Teresa keine Schande, die niedrigsten Arbeiten zu verrichten. Ebenso wenig sieht sie, bei all ihrer genialen Begabung, eine Erniedrigung darin, den anderen zu dienen, auch wenn diese jünger sind oder weniger Erfahrung und Verstand haben als sie. "Konnten wir auf der Reise oder in der Herberge allein sein," erzählt eine der Karmelitinnen, so ließ unsere Mutter (Teresa) es sich nicht nehmen, für uns alle selbst die Mahlzeit zu bereiten. In den Klöstern bediente sie uns oft im Speisesaal oder im Krankenzimmer." - Eine andere ergänzt, daß Teresa sich bei den Reisen immer als erste erhob, um alle anderen zu wecken, und sich als letzte zur Ruhe legte. Selbst als Teresa sich im Alter den Arm brach, war sie nicht davon abzubringen, für die anderen zu sorgen. "Nachdem das Kloster eingerichtet war," erzählt eine Schwester über eine Neugründung, "begab sich unsere heilige Mutter wie die anderen an die Arbeit; und obwohl sie nur eine einzige Hand gebrauchen konnte, kehrte sie und half sie in der Küche mit."

Teresa ist ein innerlich außergewöhnlich freier Mensch. Gelassen setzt sie sich über alle unnötigen, rein "weltlichen" Bindungen hinweg - mögen diese nun im Ansehen, in materiellen Gütern, Einfluß oder Erfolg bestehen. "Ja, es ist eine der Lügen, die die Welt spricht," sagt sie von einer ihrer reichsten Freundinnen, "wenn sie solche Personen Herrschaften nennt; denn sie sind meiner Überzeugung nach in tausenderlei Hinsicht Sklaven. - Wahrhaftig, ich habe vor dem Verlangen, eine vornehme Frau zu sein, einen gründlichen Abscheu bekommen."

Teresa sieht das Wesentliche. Schon als Kind ergriff sie die Tatsache, daß alle irdischen Freuden so schnell vorübergehen; im späteren Leben bleibt ihr der Ewigkeitsgedanke tief eingeprägt. Sie macht ihr Glück nicht an vergänglichen Dingen fest, sondern blickt beständig auf Gott, den sie liebt, und auf den Himmel, den sie erwartet. Daher gelingt es ihr, bei allen Wechselfällen ihres so ausgefüllten Lebens letztlich doch ruhig, sicher und froh zu sein. Und gerade daher ist sie fähig, ohne habgierig-egoistische Verblendungen die Schönheiten der Welt zu sehen und die Natur zu bewundern.

Während eines Reiseaufenthalts, erzählt eine ihrer Begleiterinnen, entdeckte sie einmal eine Blumenwiese und war so begeistert, daß man Schwierigkeiten hatte, die Fahrt fortzusetzen. Zuhause freut sie sich an dem schönen Garten ihres Klosters. Es scheint ihr ausgezeichnet, daß der Konvent der Karmelitinnen in Sevilla am Ufer eines Flusses liegt. Mit kluger Menschlichkeit rät sie außerdem gern, ab und zu in der freien Natur zu beten.

Teresa ist fröhlich und liebt fröhliche Menschen um sich herum. "Gott bewahre mich vor Heiligen mit verdrießlicher Miene," sagt sie immer wieder. Für sie bedeutet Traurigsein, daß man kleinherzig an den Dingen dieser Welt hängt und noch nicht genügend auf Gott vertraut; und sie weiß aus Erfahrung, daß diese Haltung, weil sie natürlicherweise sehr verständlich ist, auch sehr ansteckend sein kann. "Ich fürchte eine unzufriedene Nonne mehr als tausend Teufel," schreibt sie einmal.

Teresa selbst lacht oft und gern. Ihre Briefe sind voll von Hinweisen, wieviel Spaß sie mit den anderen hat: zum Beispiel muß sie "jetzt noch lachen", wenn sie an die nächtliche Angst einer Gefährtin denkt; "herzlich" lacht sie über das Gerede einiger alter Frauen von Sevilla. Sie amüsiert sich, wenn eine der Schwestern nur das wiederholt, was sie selbst schon oft gesagt hat. Sie scherzt auch über die Haushälterin eines guten Bekannten, die sie (wegen ihrer formalistischen Art) "Zeremonienmeisterin" nennt. Einen Pater läßt sie fragen, ob er ein Gelübde gemacht habe, ihr nicht zu antworten, da sie vergebens auf sein Schreiben warte. Sie nimmt sogar der Askese die Strenge, wenn sie sich nicht scheut, über das übertriebene Verantwortungsbewußtsein einer Subpriorin zu lachen. "Möge Gott auch uns diese Vollkommenheit schenken und Ihnen das Geld," schreibt sie einer Schwester. Auch angesichts einer Rauferei in der Herberge fängt sie an, laut zu lachen.

Vor allem aber lacht Teresa über sich selbst und zeigt damit (noch einmal), wie einfach sie innerlich ist. Spannend und lebendig erzählt sie, wie sie einmal mit ihren Begleiterinnen auf dem Weg nach Sevilla in eine Menschenmenge geriet, die angesichts der verschleierten Ordensschwestern recht aufgeregt reagierte: "Der Lärm des Volkes war so groß, als ob es sich (bei uns) um den Eintritt wilder Stiere gehandelt hätte," sagt sie.

Kompliziertes, dünkelhaftes Gehabe liegt Teresa fern. Mit 61 Jahren schreibt sie humorvoll an einen befreundeten Pater: "Bitten Sie Gott, er möge aus mir eine wahre Nonne des Karmelitenordens machen; denn spät ist besser als gar nicht." Und wenig später gesteht sie einer ihrer Mitschwestern: "Jetzt bin ich daran, eine richtige Nonne zu werden; bitten Sie aber Gott, daß dies von Dauer sei."

Teresas mitreißende Heiterkeit gründet nicht in einem vorübergehenden Wohlbefinden, sondern in einer intensiven Erfahrung der Gottesnähe, aus der heraus die Urteile der Menschen und die Ereignisse des Lebens in einem sehr relativen Wert erscheinen. Und weil Gott letztlich immer "der Stärkere" ist, deshalb kann Teresa auch in Niederlagen gelassen sein und optimistisch in die Zukunft schauen. Ihre Freude ist Ausdruck ihrer Seelenstärke, und diese ist Frucht davon, daß sie kindlich-vertrauensvoll mit dem allmächtigen Gott verkehrt, dem sie die Leitung ihres Lebens einfach überläßt. Nicht ohne feine Selbstironie sagt sie einem Freund: "Der Herr weiß besser, was er tut, als wir, was wir wollen."

Mit 67 Jahren schließlich ist Teresa zu Tode erschöpft und schwer krank. Man bittet sie, ihren göttlichen Freund um eine Verlängerung des Lebens anzuflehen, doch sie winkt ab. Auf der Erde fühlt sie sich nicht mehr nötig, nach dem Himmel sehnt sie sich. Die anderen mögen ihre Arbeit fortsetzen, und sie werden es besser machen als sie! Ihre frühere Angst vor dem Tod ist verschwunden. Die Sorge um die eigene Rettung ist einer großen Liebe gewichen. Auf dem Sterbelager bittet Teresa alle Umstehenden noch einmal um Verzeihung für das schlechte Beispiel, das sie ihnen gegeben habe; die anderen sollen sich dadurch nicht verwirren lassen und Gott treuer sein als sie. "Ich war die größte Sünderin der Welt und habe die Ordensregel am wenigsten gehalten," sagt sie. Doch ein Blick auf ihr langes Leben mit all seinen Höhen und Tiefen kann Teresa nicht im mindesten mehr beunruhigen. Sie weiß ja, daß Gott, ein Freund der Sünder und der Schwachen, auch dem elendsten Verbrecher gern verzeiht, wenn er nur bereut. Und dieser Gott - davon ist sie überzeugt - dieser Gott wartet nun auf sie.

Teresa starb am Abend des 4. Oktober 1582. Gerade zu dieser Zeit trat die Kalenderreform Papst Gregors XIII. in Kraft; der folgende Tag wurde deshalb als 15. Oktober gezählt. Teresa starb also in der Nacht vom 4.-15. Oktober 1582.

Jutta Burggraf